Wer hat die US-Wirtschaft zum Brummen gebracht?

Präsident Donald Trump schreibt die robuste US-Wirtschaft seinem Können zu. Das ist nicht nur irreführend, sondern auch riskant.

Die US-Wirtschaft brummt: Ein Arbeiter in einer Stahlrollenfabrik in Ohio. Foto: Brian Snyder / Reuters

Die US-Wirtschaft brummt: Ein Arbeiter in einer Stahlrollenfabrik in Ohio. Foto: Brian Snyder / Reuters

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Noch kein US-Präsident hat so unverschämt mit Wirtschaftszahlen und Aktienpreisen geprahlt wie Donald Trump. Das wäre weiter nicht tragisch, da er das mit allem tut, was sein Ego befriedigt. Doch die Angeberei in Sachen Wirtschaftsleistung verdrängt, dass die USA in einer späten Phase eines zyklischen Aufschwungs stecken. Wenn weniger rosige Zeiten kommen, erfordert das einen Präsidenten mit einem klaren Kopf und keinen Mann, der Rückschläge als persönliche Beleidigung betrachtet.

Trump hat recht, wenn er die Lage der Nation als stark und die Wirtschaft als gut aufgestellt bezeichnet. Ein Verdienst kommt ihm ohne Zweifel zu: Er hat die «Animal Spirits» – die Instinkte oder auch Lebensgeister – der Investoren geweckt und eine zuversichtliche, ja euphorische Stimmung an den Finanzmärkten geschaffen. Doch die USA stehen keineswegs allein.

Die Weltwirtschaft befindet sich in einer selten günstigen Konstellation, da alle grossen Wirtschaftsmächte gleichzeitig expandieren. Der Anstoss dazu kam zu einem schönen Teil aus den USA, aber nicht von Trump. Präsident Barack Obama und weit mehr die Notenbank haben die Wirtschaft nach der Rezession früher und energischer gestützt, als es Europa tat. Nun haben Deutschland und auch Japan sowie Südkorea aufgeholt. Dort sind die Aktien seit der Trump-Wahl mindestens so stark gestiegen wie in den USA.

Nur 38 Prozent hinter Trump

Das amerikanische Volk weiss das. Obwohl die Konsumentenstimmung auch beflügelt durch die Steuersenkungen zuversichtlich ist, geben nur 38 Prozent Trump dafür Kredit. Das entspricht recht genau seiner treuen Wählerbasis. 50 Prozent halten noch heute Obama verantwortlich für die starke Wirtschaft.

Woran das liegt, zeigt ein Beispiel, das Trump stets zitiert und irreführend darstellt. Gemeint ist die Beschäftigungslage der Afroamerikaner. Es stimmt, dass die US-Arbeitslosigkeit mit 6,8 Prozent ein Allzeittief erreicht hat. Das setzt indessen nur den steten Abwärtstrend der Obama-Jahre fort und gilt auch für alle anderen Bevölkerungsgruppen.

Arbeitslosenquote Afroamerikaner

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Was Trump nicht sagt: Die Zahl der aus dem Arbeitsmarkt ausgeschiedenen Afroamerikaner ist höher als bei anderen Gruppen. Gerade für die jungen Arbeitslosen hat Trump gar nichts getan. Er will im Gegenteil die staatlichen Zuschüsse an die Lehrlingsausbildung und Weiterbildung der Langzeitarbeitslosen um 40 Prozent kürzen. Als Trump diese Woche von der grossen und wichtigen Idee einer Berufsbildungsoffensive sprach, war ihm der Beifall gewiss. Seine Taten zeigen, dass das leere Worte waren.

Die US-Wirtschaft ist stark, aber sie hat nicht so sehr abgehoben, dass von einem Trump-Boom gesprochen werden kann. Das reale Bruttosozialprodukt, ein Massstab der in den USA erzielten Wirtschaftsleistung, war in der Rezession 2008 stark gesunken, erholte sich in der Ära Obama und blieb mit Trump auf diesem Trend stehen. Die Präsidenten Reagan und Clinton dagegen wiesen ein deutlich stärkeres Wachstum aus.

Schleierhaft ist, wie Trump seine Vorgabe eines Wachstums von bis zu 6 Prozent schaffen kann. Die Realität sieht anders aus. Bereits jetzt führt der Rückzug der Babyboomer-Generation von den Arbeitsplätzen zu einer Stagnation der Werktätigen und der Wirtschaftsleistung. Trotz des Hypes ist auch die Produktivität nicht gestiegen. Dagegen erweist Trump mit seiner Abschottungspolitik dem Land einen schlechten Dienst: Junge Einwanderer würden den Arbeitspool auffrischen und Wachstum erzeugen. Es ist zu hoffen, dass er seine Immigrationspolitik auch aus wirtschaftlicher Sicht korrigiert.

Bruttoinlandprodukt

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Doch selbst sein Steuerpaket, politisch der einzige Durchbruch im ersten Jahr, stellt er verfälscht dar. Es ist nicht «das grösste aller Zeiten». Geliefert wird vielmehr ein mittelgrosses Programm und keineswegs die versprochene Reform des mit Schlupflöchern vollen Steuerregimes. Die Steuerpakete von Ronald Reagan und George W. Bush waren umfangreicher, und das Ankurbelungspaket von Obama war bedeutender, da es die Wirtschaft vor dem Kollaps bewahrte und die Autoindustrie rettete, – wohlverstanden gegen den Willen von Trumps Partei.

Mehr ins Gewicht fällt vor allem, dass die Steuerentlastung kaum die grosse Investitionswelle auslösen wird, die Trump herbeiredet. Die Wirtschaft brauchte keine Steuergeschenke, auch wenn einige Firmen dies heute aus PR-Gründen so darstellen. Walmart etwa profiliert sich mit einem Bonus von 1000 Dollar an die Angestellten, nur um wenig später 1000 Beschäftigte zu entlassen. Die günstig aus dem Ausland zurückfliessenden Gelder dürften nach Ansicht der meisten Marktanalysten wie schon 2004 an die Aktionäre ausgeschüttet werden und das Wohlstandsgefälle weiter erhöhen.

Die Verdienste von Janet Yellen

Wenn jemand die Wirtschaftsstärke für sich beanspruchen könnte, wäre es die Notenbank unter der Führung von Janet Yellen. Doch Trump entliess die Frau, um auch diese erfolgreiche Spur der Regierung Obama auszulöschen. Und er politisierte auch diese Instanz. Die Unabhängigkeit der Notenbank ist entscheidend für eine stabile Wirtschaft. So stand Yellen permanent unter dem Druck, die Zinsen rascher zu erhöhen, um eine Inflation zu verhindern.

Ihre Standfestigkeit gab ihr recht, die grosse Teuerungswelle ist ausgeblieben. Auf die gleiche Stabilität kann sich Trump nicht mehr verlassen. Die Wirtschaft steckt bereits in einem der längsten Aufschwünge, und der Arbeitsmarkt zeigt erste Zeichen einer Überhitzung. Wird der Präsident auch eine Abschwächung der Konjunktur dereinst als sein Verdienst verkaufen?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2018, 12:28 Uhr

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200'000 neue Jobs im Januar

Der Arbeitsmarkt in den USA ist mit Schwung ins neue Jahr gestartet. Im Januar wurden unter dem Strich 200'000 neue Stellen geschaffen. Das teilte das Arbeitsministerium in Washington am Freitag mit. Die Vorhersagen, die bei rund 180'000 Jobs lagen, wurden damit übertroffen.

Die Arbeitslosenquote verharrte allerdings im vierten Monat in Folge bei 4,1 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit 17 Jahren. Das Ministerium korrigierte zugleich die Zahlen zum Stellenzuwachs im Dezember nach oben. Unter dem Strich entstanden in diesem Monat 160'000 neue Stellen statt der zuvor geschätzten 148'000. Im Gesamtjahr 2017 wurden demnach 2,17 Millionen neue Jobs geschaffen. Das war allerdings weniger als 2016, als es 2,34 Millionen waren.

Neue Aufträge für die Industrie

Erfreuliche Zahlen meldete am Freitag auch die Industrie. Die US-amerikanischen Industriefirmen haben im Dezember mehr Aufträge erhalten, als ursprünglich erwartet worden war. Das Neugeschäft zog um 1,7 Prozent zum Vormonat November an, wie das Handelsministerium mitteilte. Verschiedene Ökonomen hatten lediglich mit einem Plus von 1,5 Prozent gerechnet.

Die Neuaufträge in der Industrie legten nunmehr bereits den fünften Monat in Folge zu. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve hat angesichts des anhaltenden Konjunkturaufschwungs im Dezember ihren Leitzins erneut angehoben – und zwar auf die Spanne von 1,25 bis 1,50 Prozent. Die US-Notenbank hat signalisiert, dass sie im März nachlegen könnte. (SDA)

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