Was die Nazis von Amerika lernten

Ein Rechtsgelehrter aus den USA zeigt auf, wie das Rechtssystem der Vereinigten Staaten die Nürnberger Rassengesetze beeinflusste.

Auf dem Schnelldampfer SS Bremen wird im September 1935 die Hakenkreuzflagge gehisst. Foto: Getty Images

Auf dem Schnelldampfer SS Bremen wird im September 1935 die Hakenkreuzflagge gehisst. Foto: Getty Images

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Auf Anhieb klingt es wie eine plumpe Provokation: die These, wonach die Nazis sich bei der Ausarbeitung der Nürnberger Rassengesetze von den USA inspirieren liessen. Aber genau darum geht es James Q. Whitman, Professor für Vergleichendes Recht an der Universität Yale: Er will aufzeigen, wie die Nazis sich an der rassistischen Gesetzgebung der Vereinigten Staaten orientierten. Und dies, obwohl Whitman natürlich den Einwand kennt, dass die Rassentrennung in den USA sich in erster Linie gegen die Schwarzen richtete – aber ganz sicher nicht gegen die Juden, die vom US-Recht geschützt waren.

«Damit ist nichts anzufangen», hiess es denn auch in einer Unterredung der führenden NS-Juristen, als sie auf die Jim-Crow-Gesetze zu sprechen kamen, mit denen in den USA seit dem späten 19. Jahrhundert die Rassentrennung geregelt war.

Tatsächlich kann Whitman aber sehr anschaulich aufzeigen, wie sehr die Nazis von den USA fasziniert waren – und welche Folgen dies für die Kriege, die Politik und das Rechtssystem der Nazis hatte. Einer der grössten Bewunderer Amerikas war Adolf Hitler: In den 20er-Jahren zeigte er sich an­getan von der Verdrängung und Vernichtung der indigenen Bevölkerung in den USA, wo «Millionen von Rothäuten auf ein paar Hundert­tausend zusammengeschossen» wurden, wie Hitler schreibt. Die Westexpansion der weissen Siedler sei ein «nordisches» Beispiel, an dem sich die Europäer orientieren sollten – was dann auch tatsächlich geschah: So wurden die ukrainischen Juden während der Gebietsannexionen im Osten als «Indianer» bezeichnet.

Die Nazis waren aber nicht nur von den Gewaltverbrechen der Amerikaner begeistert. Fasziniert waren sie auch von der damals aktuellen Rechtspraxis. In «Mein Kampf» pries Hitler die USA gar als «einzigen Staat», der bei der Schaffung einer rassistischen Ordnung Fortschritte gemacht habe. Dabei bezog sich Hitler auf die jüngsten Einwanderungsstatuten der USA, den Emergency Quota Act von 1921 und den Immigration Act von 1924. Insbesondere Letzterer war ganz entschieden «rassisch begründet», wie es bei Whitman heisst: Mit Einwanderungsquoten favorisierte Amerika damit die «nordische Rasse» Nord- und Westeuropas gegenüber den «unerwünschten Rassen» aus dem Osten und Süden. Das war es, was Hitler gefiel.

Die USA waren den Nazis zu radikal

Es blieb nicht beim Lob: Als die Nazis mit der Ausarbeitung der Nürnberger Rassengesetze begannen, die 1935 in Kraft traten, orientierten sie sich wiederholt an den USA, deren Rechtssystem damals als führend in Sachen Rassismus galt, wie Whitman schreibt. Denn nur in den Staaten gab es drakonische Strafen für Mischehen. Und nur die USA kannten ein juristisches System, in dem es möglich war, Bevölkerungsgruppen zu diskriminieren – und zugleich mit dem 14. Verfassungszusatzartikel die Gleichheit aller zu beschwören.

Gerade dieser vermeintliche Widerspruch interessierte die Nazis: Sie stiessen bei den Amerikanern auf mehrere juristische «Tricks», mit denen eine Staatsbürgerschaft zweiter Klasse installiert werden konnte. Etwa durch die Überprüfung der Lese- und Schreibkompetenzen oder eine «Grossvaterklausel», nach der nur Schwarze wählen durften, deren Vorfahren bereits zur Urne gingen.

Es waren diese «Tricks», welche die Nazis mit Interesse zur Kenntnis nahmen. Einiges, was in den USA üblich war, erschien aber selbst den Hitler-Schergen zu radikal. Denn obwohl in «Mein Kampf» die Ansicht vertreten wird, dass «nur ein Tropfen Negerblut in den Adern des reinsten Weissen den Erfindungsreichtum seines Geistes zerstöre», ging den Architekten der Nürnberger Rassengesetze die sogenannte Ein-Tropfen-Regel zu weit, wonach bereits die kleinste Spur «schwarzen Blutes» einen Menschen zu einem «Neger» mache.

Eine beunruhigende «Flexibilität»

Trotz solcher Vorbehalte blickten die Nazis gerade dann über den grossen Teich, als sie sich daranmachten, die Mischehen in ihrem Regime zu kriminalisieren – und dabei auf grosse Schwierigkeiten stiessen: Hitlers Juristen beklagten, dass es ihnen nicht gelang, wissenschaftlich zu definieren, was eigentlich ein Jude sei. Roland Freisler, einer der höchsten Richter im NS-Regime, verwies just in diesem Zusammenhang auf die USA: Die US-Richter würden mit einer improvisierten Konzeption von «Farbigen» arbeiten – und trotzdem ein restriktives Rechtssystem haben, wie es sich die Nazis wünschten. Eine «primitive» Begriffsbildung, was ein Jude ist, sei also auch für das NS-Regime völlig ausreichend, meinte Freisler.

Es ist gerade diese Argumentation, die für Whitman das Beunruhigendste ist, was er uns erzählen kann. Denn anders als in Europa, wo mit dem Civil Law universelle Werte verteidigt werden, favorisiere man in den USA bis heute das sogenannte Common Law. Dieses operiert mit Präzedenzfällen, gewichtet die richterliche Autorität weitaus höher und kann sich – im Unterschied zu einem juristischen Formalismus – den politischen Wirklichkeiten anpassen. Es war diese «Flexibilität» des US-Justizsystems, das von den Nationalsozialisten bewundert wurde und das sie nachahmen wollten.

«Fragt in allem, was ihr tut: Wie würde der Führer handeln – und ihr werdet nicht fehlgehen!»

James Q. Whitman revidiert damit die Ansicht, dass im NS-Regime ein Recht vorherrschte, das alle Entscheidungen auf blossen Gehorsam reduzierte. «Seid treu im Geiste Hitlers!», heisst es in einem Eid für «politische Leiter» des NS-Regimes. «Fragt in allem, was ihr tut: Wie würde der Führer handeln, gemäss dem Bilde, das ihr von ihm habt – und ihr werdet nicht fehlgehen!» Für Whitman ist klar, dass sich hieraus ein Ermessensspielraum für die Nazirichter ableiten lässt, wie er im Common Law üblich ist.

Für Whitman zeigt sich auch, wie anfällig das US-Recht gegenüber Hardlinern ist: Schon Franklin D. Roosevelts New Deal sei ein «teuflischer Pakt» zwischen Wirtschaftsreform und Rassisten in den Südstaaten gewesen, der vom Common Law gedeckt war. Und auch heute sei die Gefahr nicht gebannt, dass sich das Justizsystem in den USA anfällig zeigt gegenüber einer Politisierung, wie Whitman am Ende seines maximal differenzierten Buches herausstreicht. Sich vorzustellen, welch katastrophale Folgen dies im Zeitalter des Populismus haben kann, überlässt der Autor seiner Leserschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2018, 19:32 Uhr

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James Q. Whitman


Hitlers amerikanisches Vorbild. Wie die USA die Rassengesetze der Nationalsozialisten inspirierten.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Andreas Wirthensohn. C. H. Beck, München 2018. 249 S., ca. 38 Fr.

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