Obamas riskante Strategie

An der Spitze einer breiten Koalition will US-Präsident Barack Obama gegen den Islamischen Staat vorgehen. Sein vorgestellter Plan aber birgt formidable Risiken.

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Endlich wurde sie gehalten, die Rede, auf die US-Amerika gewartet hatte: Vor einem nationalen Fernsehpublikum legte Barack Obama gestern Abend in nicht einmal 15 Minuten seinen Plan zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vor, die er als «einzigartig brutal» beschrieb.

Dass der Präsident am Vorabend des 13. Jahrestags von 9/11 sprach, verlieh seiner TV-Ansprache zusätzliches Gewicht. Denn so sehr Obama betonen mochte, sein Feldzug gegen die IS-Jihadisten im Irak und jetzt auch in Syrien werde ohne «amerikanische Kampftruppen auf ausländischem Boden» vonstatten gehen: Die Eskalation des Konflikts mit der sunnitischen Terrormiliz ist nur ein weiteres Kapitel in einem langen Konflikt um die Seele der islamischen Welt.

Begonnen hatte dieser Kampf in den neunziger Jahren, ehe er sich mit 9/11 und der amerikanischen Invasion in Afghanistan fortsetzte. Niemand, auch nicht dieser Präsident, hat eine Vorstellung, wann und unter welchem Umständen er enden wird. Obama sprach gestern Abend von einer «Kampagne zur Terrorabwehr», die er führen werde, bis IS «geschwächt und letzendlich zerstört» sei. Und er verglich diese Kampagne mit dem US-Drohnenkrieg gegen Jihadisten in Somalia und im Jemen. Gegen die Schocktruppe des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi wird es indes kaum ausreichen, wenn Führungskader mit Hellfire-Raketen getötet werden.

(Video: Reuters)

Mehr, viel mehr braucht es – weshalb Obama ein hybrider Krieg vorschwebt: Amerikanische Luftangriffe «und unsere Unterstützung für Partnerkräfte am Boden» sollen es richten. Dazu benötigt der Präsident eine Koalition, die bisher nur ansatzweise erkennbar ist. Zwar werden Nato-Länder wie Grossbritannien und Frankreich aushelfen, kein Bündnis aber existiert bislang, wie es der ältere Bush am Vorabend des Golfkriegs 1990 geschmiedet hatte. Eher lauwarm reagiert besonders die Türkei auf das amerikanische Werben, vorsichtig agiert auch Saudiarabien. Von einer «breiten Koalition» unter amerikanischer Führung, wie Obama sie gestern Abend anpries, kann jedenfalls noch keine Rede sein.

Ohne die Hilfe mehrheitlich sunnitischer Staaten aber bleibt unerreichbar, was Bill Clintons Sicherheitsberater Samuel Berger nach einem Abendessen mit Obama am Montag postuliert hatte: Dass es nämlich darum gehe, «den Sunniten beim Kampf gegen extreme Sunniten zu helfen». Partner am Boden wird Obama beim Kampf gegen IS bis auf weiteres nur im Irak finden, wo Kurden und schiitische Milizen sowie Eliteinheiten der demoralisierten irakischen Armee verfügbar sind. Ob die sunnitische Minderheit im Zweistromland beim Kampf gegen IS wie 2006 beim US-Feldzug gegen al-Qaida im Irak mitzieht, hängt vom politischen Geschick der neuen Regierung in Bagdad ab.

Obama will Unterstützung von «gemässigten» Rebellen

In Syrien hingegen hat Obama vorerst keinen Partner. Der Präsident drängt deshalb den Kongress, endlich 500 Millionen Dollar für Rekrutierung und Ausbildung «gemässigter» Rebelleneinheiten zu bewilligen. Dies braucht Zeit, und Zeit ist momentan ein Luxus. Obamas Strategie, den Kampf auch nach Syrien zu tragen, birgt überdies beträchtliche Risiken: Niemand kann ausschliessen, dass eine militärische Eskalation eine weitere Radikalisierung sunnitischer Bevölkerungsgruppen etwa in Saudiarabien oder Pakistan auslösen wird.

Die Reaktionen von US-Politikern auf Obamas Rede:

Auch bleibt offen, zu welchen Bedingungen das amerikanische Engagement gegen IS enden soll. Was genau markiert einen Sieg in einem unkonventionellen Krieg? Und wann mutiert eine «Kampagne zur Terrorabwehr» zu einem konventionellen Konflikt, der trotz Obamas gestrigem Versprechen amerikanische Kampfverbände erforderlich macht? Mehr noch: Wie kann die Regierung Obama vermeiden, durch ihren Luftkrieg gegen IS in Syrien dem Regime Bashar al-Assads in die Hände zu spielen? Und wo liegt die amerikanische Schmerzgrenze bezüglich einer Kooperation mit Teheran? Immerhin warnen vor allem konservative Republikaner wie der texanische Senator Ted Cruz, keinesfalls dürfe dem Iran eine Rolle bei der Stabilisierung des Iraks und beim Kampf gegen IS zufallen.

Diesmal gibt es kein Zurück

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der vorsichtige Obama gestern Abend eine riskante Strategie vorstellte. George W. Bush verfügte 2001 in Afghanistan ebenso über Bomben wie Bodentruppen wie 2006 bei der Zerschlagung al-Qaidas im Irak. Barack Obama hingegen muss sich auf lange Luftangriffe ohne US-Bodentruppen einstellen. Neben Drohnen, Kampfjets und Marschflugköpern werden dabei womöglich auch Langstreckenbomber eingesetzt werden. Zivile Opfer sind vorprogrammiert, zumal völlig unklar ist, wer die Luftschläge gegen IS in Syrien koordinieren soll.

Nicht nur dieses Dilemma lässt vermuten, dass Obama bald weitere amerikanische Sonderkräfte mitsamt ansehnlichen CIA-Kontingenten in die Konfliktregion befehlen wird. Sie sollen die Zielvorgaben für Luftangriffe liefern und daneben als Ausbilder und Berater wirken. In Städten wie Aleppo, Mosul und Ar-Raqquah aber wird IS wie al-Qaida 2004 in Falludscha zum Häuserkampf übergehen. Amerikanische Luftangriffe wären unmöglich, US-Marines nicht wie damals zur Stelle.

Vor genau einem Jahr wandte sich der Präsident in einer Fernsehrede schon einmal an die Amerikaner. Am Abend des 10. September kündigte er an, Bashar al-Assads Streitkräfte wegen ihrer Giftgaseinsätze zu bombardieren. Vier US-Kriegsschiffe mit Dutzenden Marschflugkörpern waren im Mittelmeer in Bereitschaft, ehe Obama den Angriff abblies. Diesmal aber gibt es kein Zurück mehr für den Präsidenten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2014, 05:18 Uhr

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