Massenflucht überfordert Florida

Klimawandel, Bauboom und alte Infrastruktur: Obwohl Florida aus dem Sturm Andrew von 1992 Konsequenzen gezogen hat, stösst der US-Bundesstaat mit Hurrikan Irma an seine Grenzen.

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Der rote Punkt auf der Karte von «GasBuddy» markiert eine Tankstelle, der das Benzin schon ausgegangen ist. Bei einem schwarzen Punkt gibt es nicht einmal mehr Strom, die Zapfsäulen zu betreiben. Grün ist die Farbe, nach der Zehntausende im Süden Floridas auf ihrer Flucht gen Norden vor dem Monstersturm Irma suchen.

Die Bilder von den massiven Zerstörungen in der Karibik, wo der Hurrikan mit Windspitzen von bis zu 300 Stundenkilometern auf Barbuda und St. Martin ein Trümmerfeld hinterliess, haben die meisten Zweifler überzeugt, auf den dringenden Appell von Floridas Gouverneur Rick Scott zu hören.

Doch die Flucht vor dem stärksten Hurrikan, den Meteorologen bisher je im Atlantik beobachtet haben, wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Fast eine Millionen Menschen müssen auf Anweisung der Behörden in Miami-Dade, West-Palm-Beach und Broward eva­kuiert werden, bevor der auf Kategorie 4 abgeschwächte Hurrikan wohl am Freitagabend die Florida Keys erreicht.

Baudichte erschwert Lage

Jede zweite Tankstelle dieser Counties hat schon kein Benzin mehr. Noch mehr sind es in der Region um Gainesville im Herzen Floridas auf halber Strecke auf dem Weg aus der Gefahrenzone. Hinzu kommen die chronisch verstopften Interstates 95 und 75, die beiden Hauptschlagadern, durch die der Süd-Nord-Verkehr Floridas fliesst.

Gouverneur Scott ordnete Eskorten für Tanklastwagen an, und lokale Behörden kommandierten Polizisten an die Zapfsäulen, um für Ordnung zu sorgen. Nicht minder schwierig bleibt es für die Menschen, Trinkwasser zu finden. Die Evakuierung der ­Ballungsräume im Süden droht Florida zu überfordern. Das hat unter anderen mit dem Bauboom der vergangenen Jahrzehnte zu tun, der Wolkenkratzer und Häuser wie Pilze aus dem Boden schiessen liess.

Überteuerte Flugtickets

Trotz den Verwüstungen, die Hurrikan Andrew 1992 hinterliess, und den Warnungen der Klimaforscher vor den ansteigenden Meeresspiegeln und Extremwetter wuchs die Bevölkerung an der Südspitze Floridas seit 1990 um fast sechs Millionen Menschen. Die Behörden versuchten die Risiken durch neue Bauvorschriften, Notfallpläne und die Installation von Pumpen zu verringern.

Doch die Investitionen in die nötige Infrastruktur blieben weit hinter dem Bedarf zurück. Sichtbar in den veralteten Überlandstromleitungen, chronisch verstopften Strassen und fehlenden öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wie knapp die Ressourcen sind, lässt sich an den Preisen für Flugtickets aus Miami ablesen. Wer jetzt noch Irma vor ihrem Eintreffen in der Magic City auf dem Luftweg entkommen möchte, muss dafür mindestens 6000 Dollar berappen. Sofern sich überhaupt noch Plätze finden. Richtig problematisch wird es, wenn die bis zu acht Meter hohen Wellen des Hurrikans die tief gelegenen Gebiete überschwemmen. Miami Beach könnte ebenso unter Wasser stehen wie Fort Lauderdale.

Milliardenschäden erwartet

Die grossen Rückversicherer stellen sich nach Hurrikan Harvey in Texas bereits auf weitere Rekordschäden ein. Swiss Re hält Kosten von bis zu 200 Milliarden Dollar für denkbar. Für die Ver­sicherer, die nicht politische Strategien, sondern reale Risiken kalkulieren, sind die beiden Hauptursachen der über die zurückliegenden Jahre immer weiter angewachsenen Kosten dieser Extremwetterereignisse klar: ­ungebremstes Bevölkerungswachstum in Gefahrenzonen und der Klimawandel.

Apropos Klimawandel: Nachdem Irma bereits eine fast 17 Millionen Dollar teure Luxusvilla Donald Trumps auf St. Maarten zerstörte, ist nun auch sein Wintersitz in Palm Beach im Visier. Ein früheres Modell der von ­massiven Budgetkürzungen bedrohten Klimabehörde NOAA erwartete den Aufprall Irmas auf das Festland in der Region um das «Winter White House». (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 09:40 Uhr

Zerstörung und Plünderungen

Gemäss Prognosen wird Irma am frühen Samstagmorgen (Ortszeit) Florida erreichen. In Miami und Savannah wurden Zwangsevakuierungen an­geordnet. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnten in den kommenden Tagen bis zu 37 Millionen Menschen von den Auswirkungen des Sturms betroffen sein. Das Ausmass der Zerstörung ist aber schon jetzt enorm. Irma hat nach offiziellen Angaben bisher mindestens 23 Menschen das Leben gekostet. Mit Windgeschwin­digkeiten von knapp 300 Kilometern pro Stunde fegte der Sturm in der Nacht auf gestern über die Turks- und Caicosinseln, wo er zahlreiche Ge­bäude zerstörte und Bäume entwurzelte. In der Dominikanischen Republik und auf Haiti sorgte er für Überschwemmungen und Stromausfälle. Im US-Aussengebiet Puerto Rico war mehr als die Hälfte der drei Millionen Einwohner ohne Strom.

Angesichts von Überschwemmungen im Zentrum und im Norden der Insel mobilisierte der Gouverneur von Puerto Rico, Ricardo Rossello, die Nationalgarde. Zudem liess er Notunterkünfte für bis zu 62 000 Menschen einrichten.

Zuvor hatte Irma über kleineren Inseln der nordöstlichen Karibik getobt, darunter Barbuda, St. Martin und die Jungferninseln. Die französische Re­gierung erklärte, allein auf den zu Frankreich gehörenden Inseln Saint-Martin und Saint-Barthélemy seien neun Menschen ums Leben gekommen, sieben weitere würden vermisst. Nach den Verwüstungen wird St. Maarten von Plünderern heimgesucht. Die Lage sei ernst und unübersichtlich, sagte der niederländische Premier­minister Mark Rutte.

In der Karibik blieb nicht viel Zeit für eine Bestandsaufnahme der Schäden durch Irma. Es näherte sich bereits der nächste Hurrikan: José. Und dieser könnte noch gefährlicher werden. Das Hurrikanzentrum der USA in Miami stufte José gestern in der zweithöchsten Kategorie 4 ein. Der Sturm erreicht Spitzenwindgeschwindigkeiten von 240 Kilometern pro Stunde. José bewegt sich derzeit im Atlantik in Richtung der nördlichen Kleinen Antillen. sda/ddt

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