In Chicago herrscht die Gewalt

Das neue Jahr begann in Chicago, wie das alte endete: mit Toten nach einer Schiesserei. Teile der drittgrössten Stadt Amerikas gleichen einer Bürgerkriegszone. Die Polizei zieht sich zurück.

Michael Pfleger (3. von links) bei einem Protestmarsch gegen die Gewalt.

Michael Pfleger (3. von links) bei einem Protestmarsch gegen die Gewalt. Bild: Keystone

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Der Streit der beiden Männer in einer Uptown-Bar in den frühen Morgenstunden am Neujahrstag eskalierte schnell. Unversöhnlich zogen sie ihre Waffen und feuerten aufeinander. Die herbeige­rufene Polizei fand zwei mit ­Kugeln durchsiebte Tote in dem ­Lokal. Die beiden waren nicht die ersten Opfer dieser Silvesternacht, sondern die Nummern zwei und drei.Der erste Tote im neuen Jahr lag zu diesem Zeitpunkt schon beim Leichenbeschauer. Den steckbrieflich gesuchten Mann hatten Beamte nach einer wilden Verfolgungsjagd gegen drei Uhr morgens erschossen.

Der letzte Tote brachte die Zahl der im Jahr 2016 mit einer Schusswaffe getöteten Menschen gemäss Statistik der Polizei in der «Windy City» auf 762 ­– mehr als in Los Angeles und New York zusammen. Rechnet man die mehr als 4000 Verletzten von Schiessereien hinzu, wird das dramatische Ausmass der Krise in Chicago überdeutlich.

Der vor einem Jahr ins Amt berufene Polizeichef Eddie Johnson macht die Kombination aus Gang- und Drogengewalt verbunden mit dem leichten Zugang zu Waffen für die Eskalation verantwortlich.

«Eine bizarre Welt»

«Die lassen sich lieber mit einer Waffe von der Polizei erwischen, als einem Rivalen ohne eine zu begegnen», beschreibt Johnson die Realität auf der Strasse. «Das ist eine bizarre Welt.» Eine investigative Recherche des Fernsehsenders CBS kommt bei der Ursachenforschung zu einem anderen Ergebnis. Demnach zog sich die Polizei im Angesicht der eskalierenden Gewalt zurück. Gemäss Statistik fiel die Zahl der Personenkontrollen binnen eines Jahres um 80 Prozent.

Johnsons Vorgänger Garry McCarthy spricht von einer «Krise» innerhalb der Polizei, die er auf die Konsequenzen aus dem Tod des 16-jährigen Laquan McDonald zurückführt. Der junge Schwarze war 2014 bei dem exzessiven Einsatz eines CPD-Beamten mit Kugeln durchsiebt worden. Die Stadt einigte sich mit der Familie auf Schmerzensgeldzahlungen in Höhe von fünf Millionen Dollar, hielt den Vorgang aber geheim.

Ein Jahr später ordnete ein Gericht die Freigabe des Videos an, das die Polizeigewalt dokumentierte. Es kam zu Unruhen, zum Rücktritt McCarthys und zu internen Reformen bei der Polizei. Fortan mussten die Beamten jede Personenüberprüfung in einem zweiseitigen Protokoll festhalten. Während die Kont­rollen und Festnahmen in der Folge dramatisch zurückgingen, schnellte die Gewalt nach oben.

«Schande über uns»

Der katholische Pfarrer und Ak­tivist Michael Pfleger von der St.-Sabina-Gemeinde auf der ­bettelarmen South Side findet, die Ursachenforschung greife zu kurz, wenn sie bei der Polizei ­bleibe. «Ich habe noch nie so eine Kombination aus Ärger, Misstrauen und dem Gefühl einer ganzen Gruppe von Menschen gesehen, zurückgelassen zu werden», beobachtet Pfleger.

Für diese Beobachtung spricht, dass sich die Gewalt auf fünf Bezirke konzentriert, die ganz besonders von Armut geplagt werden. Dort ist es so unsicher, dass die Stadt die Schulwege mit Freiwilligen in knallgrünen Sicherheitswesten patrouillieren lässt. «Schande über uns», klagt Pfarrer Pfleger an, «dass unsere Kinder Angst haben müssen, erschossen zu werden, wenn sie das Haus verlassen».

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.01.2017, 20:08 Uhr

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