Hoffnung aus Papier

Wahlen, nicht Bücher sind die einzige Möglichkeit, um Trump für sein Verhalten zu bestrafen.

Michael Wolffs Trump-Enthüllungsbuch ist jetzt schon ein Bestseller: «Fire and Fury». Video: Reuters/Tamedia

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Viele Menschen, die Donald Trump nicht für einen guten Präsidenten halten, hegen immer noch eine Hoffnung. Vielleicht ist es auch eher eine Sehnsucht – eine Sehnsucht nach dem Moment, in dem auch all jene, die Donald Trump durchaus für einen guten Präsidenten halten, ihren Irrtum einsehen. In dem dann auch Trumps Anhänger sagen: Jetzt langt es. Dieser Mann ist so (bitte ankreuzen, es ist mehr als eine Auswahl möglich) irre, dumm, gefährlich, durchgedreht, ignorant, zerstörerisch, korrupt, dass man sich versündigt, wenn man ihn weiter unterstützt. Er muss weg.

Das ist, psychologisch gesehen, der Boden, auf dem die Hysterie wächst, die das Buch «Fire and Fury» ausgelöst hat. Trump facht sie zwar an, wenn er voller Trotz und Wut behauptet, ein «sehr stabiles Genie» zu sein. Aber in Wahrheit besteht die Aufregung zu einem Gutteil aus der zitternden Erwartung des trumpfeindlichen Publikums, dass der oben erwähnte Augenblick endlich da ist. Aus einem Buch, das schildert, was jeder weiss, welcher Wahnsinn Trump nämlich umgibt, wird auf diese Art das Buch, das den Moment herbeiführt: Trumps Sturz.

In Wahrheit freilich ist dieser Moment eine Illusion. Donald Trump wird nicht über «Fire and Fury» stürzen. Die Republikaner in Washington, die ja auch längst wissen, was für eine Gestalt sie da zum Präsidenten gemacht haben, werden ihn nicht wegen ein paar Seiten Papier fallen lassen. Immerhin unterschreibt er brav jedes Gesetz, das sie ihm vorlegen. Auch Trumps Wähler werden sich nicht von ihm abwenden, nur weil ein reicher, linker New Yorker Journalist ihren Präsidenten als unflätig entlarvt. Genau deswegen lieben sie Donald Trump ja, weil er jedem kräftig in den Hintern tritt. Wer in Amerika vor dem Buch noch an Trump glaubte, der glaubt auch nach dem Buch noch an ihn. Den erschüttert nichts.

Die Schutzmauer um Trump

Die hoffnungsvollen Trump-Stürzer übersehen, dass es – abgesehen von einem Rücktritt – vielleicht in der Theorie Wege gibt, einen Präsidenten loszuwerden, aber kaum in der Praxis. In Artikel 1 und im 25. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung steht zwar, wie ein Präsident aus dem Amt entfernt werden kann. Grob gesagt, ist das möglich, wenn der Amtsinhaber entweder kriminell oder geistig umnachtet ist. Doch selbst dann ist eine politische Mehrheit im Kongress für die Amtsenthebung notwendig. Und die Wahrheit ist: Nichts, was bisher über Donald Trumps Taten und Charakter bekannt ist, reicht, um ein Impeachment zu rechtfertigen, so bizarr und verwerflich er sich auch benehmen mag. Das kann sich irgendwann ändern; aber bestimmt nicht jetzt durch «Fire and Fury».

Donald Trump profitiert davon, dass die Verfassung ihn vor dem Rauswurf bewahrt. Wenn es etwas Stabiles in seinem Leben gibt, dann ist es die Schutzmauer, die Amerikas Gründer­väter um den Präsidenten gebaut haben. Die Voraussetzung, um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, ist nicht, fleissig oder klug zu sein, gebildet, menschenfreundlich oder würdevoll. Es reicht vollkommen, eine Wahl zu gewinnen. Diese Wahl hat Donald Trump gewonnen.

Und deswegen sind Wahlen, nicht Bücher die einzige Möglichkeit, um Trump für sein Verhalten zu bestrafen. Am 6. November 2018 wird der Kongress neu gewählt, am 3.November 2020 der amerikanische Präsident. Vielleicht ist das dann der Tag, an dem Donald Trump stürzt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 23:43 Uhr

Wie «psychisch stabil» ist Trump?

Durchs Telefon und durch die Hose stelle keine Diagnose! Das Ärztelatein hält fest, dass Mediziner sich keine fachlichen Urteile erlauben sollten, wenn sie Patienten nicht selbst gründlich untersucht haben. Ferndiagnosen sind unseriös – allerdings auch ziemlich verlockend, wie die unverlangt veröffentlichten Bulletins über den Präsidenten der USA regelmässig zeigen. Nun mag Donald Trump nach umgangssprachlicher Lesart narzisstisch, grössenwahnsinnig, jähzornig und damit vielleicht sogar ein bisschen verrückt sein. Psychisch krank und mental instabil ist er deshalb noch lange nicht.

Im Gegenteil, Trump wirkt berechenbar in seinen Gefühlsausbrüchen. Ihn zeichnet eine emotionale Instabilität aus, die man in ihrer Zuverlässigkeit als erstaunlich stabil bezeichnen kann: Wird er gekränkt oder beleidigt, twittert er und feuert Mitarbeiter. Zweifelt jemand seine Grossartigkeit an oder prahlt – wie ein kleiner Mann aus einem kleinen Land – mit seinem Atomknopf, reagiert Trump aufbrausend und stellt schnell klar, den noch grösseren zu haben. Sich wie jüngst für mental «sehr stabil» zu halten, ist womöglich eine von Trumps zutreffenderen Fehleinschätzungen.

Als psychisch stabil gilt in Medizin und Psychologie jemand, der seine Gefühle so regulieren kann, dass er für sich selbst und seine Umgebung zumeist gut erträglich ist. Das bedeutet beispielsweise, weder auf Erfolg und Zufriedenheit noch auf Krisen, Enttäuschungen und Verletzungen mit den Extremen himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt zu reagieren, sondern eine gelassen-moderate Stimmung zu finden. Im Kontakt zu anderen heisst das, nicht bei jedem Ärgernis zu explodieren. Trumps Verhaltensmuster mögen stabil sein, seine psychischen Auffälligkeiten aber sprechen nicht für ein wetterfestes Gefühlsgerüst. So sind narzisstische Persönlichkeiten instabiler, weil sie Kränkungen leichter umwerfen. Und der reizbare, impulsive und von Verlustängsten geplagte Bor­der­line-Typ ist übellaunig und vom Gefühl der Leere bestimmt – und alles ­andere als stabil. Werner Bartens

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