«Falls der Gipfel schiefgeht, wäre die Gefahr eines Krieges grösser»

Die Ankündigung des Treffens weckt grosse Hoffnungen. Wie berechtigt sind sie? Unser Asienkorrespondent gibt Auskunft.

Gipfeltreffen im Mai: US-Präsident Trump hat die Einladung des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un angenommen.

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Trump hat bestätigt, Kims Einladung zum wohl aussergewöhnlichsten Gipfeltreffen der jüngeren Zeitgeschichte anzunehmen ...
Interessant ist ja, dass nicht Trump, sondern die Südkoreaner bei einer Pressekonferenz in Washington das Treffen als Erstes angekündigt hatten. Trump hat dies mit seinem Tweet bloss noch bestätigt. Die Fäden haben hier also eindeutig die Südkoreaner in der Hand, die ja im Rahmen ihrer Sonnenscheinpolitik schon im letzten Jahrzehnt eine friedliche Lösung des Koreakonflikts anstrebten – und diese Bestrebungen in den letzten Wochen intensivierten.

Welche Bedeutung hat dieses historische Treffen für die Weltgemeinschaft?
Es stimmt zwar, dass es das erste Treffen zwischen einem amerikanischen und einem nordkoreanischen Staatsoberhaupt wäre, aber man muss dazu sagen, dass US-Aussenministerin Madeleine Albright bereits im Jahr 2000 in Nordkorea war, und hätte Clintons Amtszeit noch zwei, drei Monate länger gedauert, dann wäre er wohl auch nach Nordkorea gereist. In diesem Sinne ist das nicht der erste Versuch, sondern der dritte. 1994 handelten Nordkorea und die USA in der Schweiz das «Genfer Rahmenabkommen» aus, das aus unterschiedlichen Gründen gescheitert ist, die nicht nur an Nordkorea gelegen hatten. Trotzdem ist das Treffen natürlich wichtig, denn ein Ende der diplomatischen Eiszeit zwischen den USA und Nordkorea wäre dann tatsächlich denkbar, was sicherlich ein grosser Durchbruch wäre.

Trump und Kim sind beides extreme Charaktere, beim Treffen scheint von einer schnellen Friedenslösung bis zu einem diplomatischen Eklat alles möglich. Welche Szenarien halten Sie für wahrscheinlich?
Wenn das Treffen zustande kommt, wäre das sowieso erst der Anfang einer längeren Verhandlungsreihe. Gewissermassen kann man es mit dem ersten Treffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow vergleichen. Wobei Nordkorea natürlich nicht mit der Sowjetunion verglichen werden kann. Es würde erst einmal darum gehen, das Eis zwischen beiden Parteien zu brechen. Wenn dies gelingt, dann könnte das der Anfang einer wichtigen Entwicklung sein. Denn danach könnte weder Trump noch Kim zur bisherigen Politik der Drohgebärden zurückkehren. Falls das Treffen allerdings schiefgeht, dann wäre die Gefahr eines Krieges grösser als zuvor.

Bilder: Kommt es zum historischen Treffen?

Wie wahrscheinlich ist es denn, dass es am Treffen bereits zu ersten Konzessionen kommen wird?
Die USA streben eine Atomabrüstung Nordkoreas an und Nordkorea eine Lockerung oder gar ein Ende der Sanktionen seitens der USA. Dass es zu symbolischen Konzessionen kommen wird, ist wahrscheinlich, denn unter dem Begriff Atomabrüstung kann man sich sehr viel vorstellen. Von einer totalen Abrüstung bis hin zum Stop der Atomwaffentests liegt da alles drin. Und es gibt Hinweise darauf, dass die Höhle, in der Nordkorea die Atomwaffentests durchführt, einsturzgefährdet ist, es also sowieso nicht weitertesten könnte. Zudem orientiert sich Nordkorea am Beispiel Pakistans. Die wurden mit bloss fünf, sechs Atomwaffentests zur De-facto-Atommacht.

Welche Folgen hat das Treffen für die asiatischen Verbündeten der USA, insbesondere für Südkorea und Japan?
Die Südkoreaner wären die grossen Gewinner, das Treffen ist ja wie gesagt ihr Verdienst. Kommt es zu Friedensverhandlungen, erreichen sie damit ein lange angestrebtes Ziel. Japan hingegen könnte sich von Trump im Stich gelassen fühlen. Es hat wie kein anderes Land nach harten Massnahmen gegen Nordkorea gerufen. Zudem könnte Trump auf eine Abrüstung der Langstreckenraketen pochen. Japan wäre von Nordkorea aus aber auch mit Kurzstreckenraketen zu treffen. Wobei man sagen muss, dass Nordkorea bisher kaum militärische Drohungen gegenüber Japan gemacht hat.

Trumps Zusage zum Treffen wirkte eher impulsiv als wohlüberlegt. Kommentatoren kritisieren, dass das diplomatische Treffen der nötigen Vorbereitung entbehre.
Ich verstehe diese Kritik teilweise, denn die Ankündigung des Treffens kam aus heiterem Himmel. Aber es geht ja wie bereits erwähnt erst mal um eine erste Annäherung der Parteien und noch nicht um konkrete diplomatische Feinheiten, die verhandelt werden müssen. Zudem wissen wir ja noch nichts über die Agenda und die Modalitäten des Treffens.

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Mögliches Treffen zwischen Trump und Kim: Das ist ...





Welcher Ort würde sich denn für das Treffen anbieten?
Darüber wird momentan viel spekuliert. Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten: Entweder treffen sich die Staatsoberhäupter bei sich zu Hause; also Trump reist nach Pyongyang, oder Kim nach Mar-a-Lago, oder sie treffen sich an einem neutralen Ort. Dafür käme als Erstes das Waffenstillstandsdorf Panmunjom in der demilitarisierten Zone (DMZ) zwischen Nord- und Südkorea infrage, wozu man aber sagen muss, dass die Infrastruktur dort nicht besonders geeignet für ein Treffen dieser Grösse ist. Jedenfalls nicht, wenn das Treffen mehrere Gesprächsrunden umfassen soll. Nebst den jeweiligen Delegationen müssen ja auch noch die ganzen Presseleute untergebracht werden. Die Gebäude in der DMZ sind jedoch alle eher karg ausgestattet. Als neutrale Orte würden demnach auch Städte wie Genf, Oslo, Stockholm oder Sydney infrage kommen. Dass das Treffen auf einem amerikanischen Kriegsschiff in internationalen Gewässern stattfindet, halte ich aufgrund der Symbolik für unwahrscheinlich. Die Nordkoreaner hätten dafür wohl gar kein geeignetes Schiff.

Welche Rolle spielt die Schweiz in dieser Verhandlung?
Die Schweiz spielt in dieser Beziehung bisher keine nennenswerte Rolle. Sie unterhält zwar diplomatische Beziehungen zu Nordkorea, aber die USA lassen sich diplomatisch gegenüber Nordkorea von den Schweden vertreten.

Kim ist bekanntermassen ein grosser Sportfan. Welche Rolle spielten die Olympischen Spiele beim Timing der Annäherung der Konfliktparteien?
Es war nicht so, dass die Olympischen Spiele zur Annäherung zwischen Nord- und Südkorea geführt hatten, sondern eher umgekehrt. Also dass vor allem Nordkorea auf einen Anlass gewartet hatte, der es Kim gestattete, einen politischen Kurswechsel zu rechtfertigen. Nicht nur gegen aussen, sondern mehr noch nach innen, gegenüber den eigenen Landsleuten.


Video: Trump gegen Kim

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 12:31 Uhr

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