Ein Verräter auf der Suche nach Anerkennung

Gehänselt von Mitschülern, verstossen vom Vater, suchte Bradley Manning sein Glück bei der US-Army, und fand 92 000 geheime Papiere – die Chance seines Lebens.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er soll der Mann sein, der die geheimen Papiere über den Afghanistan-Krieg an die Öffentlichkeit brachte: Bradley Manning, 22, Computerexperte und als USSoldat im Irak stationiert. Militärermittler haben auf dem Rechner des kleinen blonden Soldaten aus Oklahoma angeblich Beweise gefunden, die ihn mit den 92 000 aufsehenerregenden Dokumenten der US-Armee in Verbindung bringen. Diese waren Ende Juli auf der Internetplattform Wikileaks aufgetaucht.

«Collateral Murder»

Gegen den Gefreiten läuft bereits ein Verfahren wegen Geheimnisverrats: Er hatte Wikileaks ein Video einer Helikopterattacke auf Zivilisten in Bagdad zugespielt. Bei dem Angriff im Jahr 2007 starben 12 Menschen, darunter 2 Reuters-Journalisten. Für entsprechend grosse Empörung sorgte das Video, als es Wikileaks im April unter dem Titel «Collateral Murder» veröffentlichte.

Manning konnte es sich nach der Publikation des Videos nicht verkneifen, jemandem zu erzählen, dass er die umstrittenen Bilder aufgespürt hatte. Er vertraute sich dem amerikanischen Ex-Hacker Adrian Lamo an. In den Internetchats erwähnte Manning zudem, mehr als 200 000 brisante Dokumente über die amerikanischen Beziehungen zu arabischen Regierungen an Wikileaks geliefert zu haben. Lamo wurde es zu viel: Er informierte das FBI. Manning, der sich von der Veröffentlichung «weltweite Diskussionen und Reformen» erhofft hatte, wurde verhaftet und in Kuwait in Militärgewahrsam genommen. Ihm drohen bis zu 52 Jahre Haft.

Prozess vor Kriegsgericht

Nach der jüngsten Veröffentlichung auf Wikileaks haben die Ermittler Mannings Computer erneut unter die Lupe genommen. Sie fanden Nachweise, dass der 22-Jährige tatsächlich vertrauliche Dokumente über den Afghanistan-Einsatz kopiert hatte. Er wurde sogleich in ein Militärgefängnis im US-Bundesstaat Virginia überstellt. In Isolationshaft wartet er nun auf seinen Prozess vor einem Kriegsgericht – wegen Selbstmordgefahr ist er unter ständiger Beobachtung.

Dabei hatte Manning einst bei der Armee angeheuert, um seinem Leben einen Sinn zu geben. Er liess sich – seinen hervorragenden Computerkenntnissen sei Dank – in Arizona zum GeheimdienstAnalysten ausbilden. Schon bald durchforstete er im Irak geheimes Material für die Truppen. Vielleicht, so mutmassen US-Medien, habe Manning dank seiner hohen Sicherheitsstufe Zugang zu derart heiklem Material gehabt, dass ihn die Informationen überforderten und schliesslich desillusionierten.

Der 22-Jährige musste zeit seines Lebens um Aufmerksamkeit und Anerkennung kämpfen. Der Vater, ein Soldat, glänzte durch Abwesenheit, die Mutter, eine Waliserin, litt unter Heimweh, wie ehemalige Nachbarn der «New York Times» erzählten. Auch in der Schule fühlte sich Manning einsam, war er doch anders als seine Kameraden: Er hackte Computer, interessierte sich für das Weltgeschehen, glaubte alles über Politik und Religion zu wissen. Sprüche wie der, dass es in seinem Dorf «mehr Kirchenbänke als Leute» gebe, kamen im Bibelgürtelstaat Oklahoma nicht gut an. «Wenn ihm jemand widersprach oder nicht zuhörte, wurde er wütend», sagte eine ehemalige Mitschülerin.

«Emotional gebrochen»

Nach der Scheidung der Eltern zog Manning mit seiner Mutter nach Wales, ein neues Kapitel der Einsamkeit begann. Wegen allem wurde er gehänselt: wegen seinem amerikanischen Akzent, seinen Stunden vor dem Computer – und dann merkten die Mitschüler, dass Manning schwul war. Besser wurde es auch nach dem Schulabschluss nicht: Die Mutter schickte ihn nach Oklahoma zurück, wo ihn der Vater aus dem Haus warf. Dem Sohn blieb nichts anderes übrig, als im Auto zu wohnen, mal hier, mal dort zu arbeiten – bis er bei der Armee anheuern konnte. Dort musste Manning seine Vorliebe für Männer verschweigen. «Don’t ask, don’t tell» – nicht fragen, nichts sagen, lautet die Praxis im US-Militär, was Homosexualität betrifft.

Sein erstes Glück fand Manning kurz vor seiner Versetzung in den Irak. Er verliebte sich in Tyler Watkins, der sich auf seinem Blog selbst als Sänger und Dragqueen beschrieb. Bei Mannings Besuchen in Watkins Studienort Waltham nahe von Boston lernte er auch dessen Freunde kennen, unter ihnen ein paar Hacker. Endlich war Manning da, wo er sein wollte: daheim. Derweil machte ihm der Armeealltag zunehmend zu schaffen.

Emotional gebrochen

Er werde von seinen Vorgesetzten ignoriert oder zum Kaffeekochen verdonnert, schrieb er nach Hause – ausser er habe etwas Wichtiges zu sagen. Je einsamer sich Manning fühlte, desto mehr klammerte er sich an seine Hacker-Freunde. Doch auch nach der Veröffentlichung des Helikoptervideos ging es ihm nicht besser, obwohl er vorgab, stolz zu sein. Dem Mann, der ihn später verriet, vertraute er an, er sei «emotional gebrochen» und schlucke «wie verrückt» Medikamente.

Gelohnt hat sich die Suche nach Aufmerksamkeit für Manning vielleicht doch. Denn offenbar ist er überzeugt, dass Dinge wie das Militärvideo an die Öffentlichkeit gehören. Vor allem aber haben ihm die Wikileaks-Publikationen die ersehnte Anerkennung verschafft. «Ich würde gern den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen oder hingerichtet werden», sagte er einst, «wenn es dafür möglich wäre, überall in der Weltpresse mein Bild abgedruckt zu sehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2010, 13:23 Uhr

Wirkt schüchtern: Bradley Manning, hier mit seiner Schwester an Thanksgiving 2006.

Einmal in der Weltpresse abgebildet sein: Bradley Manning. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Wikileaks: Bradley Manning gegen das Pentagon

Er war Gefreiter im Irak und inzwischen ist er der wohl meistgehasste Mann im US-Militär: Bradley Manning, mutmasslicher Wikileaks-Informant. Noch ist unklar, ob er alleine gehandelt hat. Mehr...

Hinter dieser Tür soll sich der geheime Server befinden

Viel wurde darüber spekuliert, wo der Server der Enthüllungs-Webseite Wikileaks stehen könnte. Nun zeigen sich die Betreiber eine Internetfirma erkenntlich. Mehr...

Wikileaks: Neue Publikation in Veröffentlichung

Die Internet-Plattform Wikileaks will weitere Geheimakten zum Militäreinsatz der Nato in Afghanistan veröffentlichen. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Blogs

Spielen Patent Ochnser am Gurtenfestival 2019?

Michèle & Friends Wie hiess das früher? Der Ü-40-Gedächtnistest

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...