«Ein Drittel der Konsumenten rauchen nach wie vor mieses Zeug»

Als erstes Land der Welt hat Uruguay vor einem Jahr Cannabis weitgehend legalisiert. Das prophezeite Chaos blieb aus – doch noch sind nicht alle Probleme gelöst.

Noch deckt die staatlich regulierte Produktion die Nachfrage nicht: Eine Kifferin in Uruguays Hauptstadt Montevideo. (4. Mai 2018)

Noch deckt die staatlich regulierte Produktion die Nachfrage nicht: Eine Kifferin in Uruguays Hauptstadt Montevideo. (4. Mai 2018) Bild: Miguel Rojo/AFP

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2013 sorgte Uruguay weltweit für Aufsehen, als das Land entschied, Cannabis weitgehend zu legalisieren. Inzwischen darf jeder nach einer Registrierung die Pflanze anbauen – entweder zu Hause oder gemeinschaftlich in einem der mehr als 100 sogenannten «Cannabis-Clubs». Vor einem Jahr startete in einigen Apotheken des Landes zudem der öffentliche Verkauf der Droge. Wie hat die Legalisierung das Land verändert? Der Soziologe Martín Collazo von Monitor Cannabis, einem Wissenschaftsverbund an der Universidad de la República in Montevideo, zieht Bilanz.

Herr Collazo, seit einem Jahr kann man in Ihrem Land in Apotheken Cannabis kaufen. Sind nun alle Uruguayer bekifft?
Martín Collazo: Nein, überhaupt nicht. Das war eine Befürchtung, die die Gegner der 2013 erfolgten Legalisierung immer wieder geäussert haben. Das Land würde in Gewalt versinken, das friedliche Zusammenleben würde unmöglich gemacht werden, der Cannabiskonsum würde explodieren. Nichts von alledem ist passiert. Uruguay hat 3,5 Millionen Einwohner, nach der Legalisierung haben sich etwa 36'000 Konsumenten registrieren lassen.

Das klingt jetzt sehr positiv. Man liest aber auch immer wieder von Problemen, die die Legalisierung mit sich gebracht hat.
Ja, die gibt es. Die Regierung hat verschiedene Ziele verfolgt. Sie wollte den Drogenbanden das Geschäft abgraben und verhindern, dass die Jugendlichen weiterhin das schlechte Marihuana vom Schwarzmarkt rauchen. Wir nennen das Prensado Paraguayo (Gepresstes aus Paraguay, Anm. d. Red.). Das ist von richtig mieser Qualität, da werden minderwertige Blüten mit Ungeziefer zusammengemischt. Dementsprechend ist es auch sehr ungesund. Ein Drittel der Konsumenten, meist haben sie wenig Geld und leben in Regionen mit schlechter Infrastruktur, rauchen nach wie vor dieses Zeug.

Woran liegt das?
Das staatliche Cannabis deckt den Bedarf bei Weitem nicht. Die zwei Firmen, die es im Auftrag der Regierung herstellen, dürfen pro Jahr zusammen vier Tonnen produzieren. Im letzten Jahr aber haben sie nur eine Tonne hergestellt. Das liegt daran, dass der Legalisierungsprozess zuletzt sehr umständlich ablief. Es gab viel Unsicherheit bei den Firmen darüber, wann der Verkauf würde beginnen können. Sie haben sich zurückgehalten und nicht mit ihrer vollen Kapazität produziert. Ausserdem gibt es in ganz Uruguay nur 16 Apotheken, in denen man Cannabis bekommt, in acht der 19 Departements gibt es keine einzige Verkaufsstelle.

Warum bauen die Leute dann nicht einfach zu Hause an?
Das ist nicht für jeden etwas, dafür braucht man Zeit und Geduld, und man muss wissen, wie es geht. Ausserdem muss man festhalten, dass auch nicht alle, die selbst anbauen, sich an die Gesetze halten. Jeder Uruguayer darf zu Hause nur maximal sechs Pflanzen haben. Manche regen sich darüber auf und bauen einfach mehr an. Oder sie verkaufen das Gras selbst, was ebenfalls illegal ist.

Alles zusammengenommen klingt das nicht unbedingt nach einer Erfolgsgeschichte.
Das sehe ich anders. Das kann eine Erfolgsgeschichte werden. Die Regierung hat das Problem mit der Unterproduktion erkannt. Sie will Lizenzen an weitere Firmen vergeben, damit das staatliche Cannabis den Bedarf decken kann. Wir gehen davon aus, dass es dann eng wird für den Schwarzmarkt und die Drogenbanden. Das wiederum wird dazu führen, dass die Drogenkriminalität weiter zurückgeht und auch die Gewaltverbrechen. Sie werden oft von Banden begangen. Die Situation der Banden ist jetzt schon schwieriger geworden, weil der Staat ihnen durch die Legalisierung ja ein Drittel des Marktes abgenommen hat. Langfristig rechnen wir mit einem deutlichen Rückgang der Mordrate, die ja in Uruguay, verglichen mit anderen Ländern Lateinamerikas, ohnehin schon ziemlich niedrig ist.

Kiffer haben ja nicht unbedingt den besten Ruf. Wie ist das in Uruguay, hat sich durch die Legalisierung daran etwas verändert?
Ja. Die Akzeptanz von Cannabis steigt, vor ein paar Jahren waren noch etwa 60 Prozent der Uruguayer gegen die Legalisierung, inzwischen ist eine knappe Mehrheit dafür. Eine deutliche Mehrheit befürwortet ausserdem, Cannabis für medizinische Zwecke zu nutzen. Ein Effekt davon ist, dass heute auch ganz andere Bevölkerungsschichten Cannabis rauchen als früher, wo es fast nur Jugendliche waren. Bei den über 45-Jährigen gab es einen starken Anstieg und auch bei den Frauen.

Die Legalisierung geht auf den Ex-Präsidenten Pepe Mujica zurück, ein Idol der lateinamerikanischen Linken, inzwischen ist sein Parteifreund Tabaré Vazquez im Amt. Kommendes Jahr sind wieder Präsidentschaftswahlen. Könnte das Gesetz dann wieder gekippt werden, sollte es zum Machtwechsel kommen?
Das glaube ich nicht. Wenn sich der Trend so entwickelt wie bisher, dann wird die Akzeptanz von Cannabis weiter steigen. Prominente Gegner der Legalisierung sind inzwischen umgeschwenkt. Bei der Wahl werden meiner Einschätzung nach andere Themen dominieren.

Würden Sie Ihrem Chef davon erzählen, dass Sie kiffen?
Unabhängig davon, was ich tue: Die Arbeitswelt ist einer der letzten Bereiche, in der unseren Studien zufolge die Menschen nicht so gern über ihren Konsum sprechen. Dafür aber reden Jugendliche verstärkt mit ihren Eltern darüber, was im Hinblick auf die gesundheitliche Aufklärung gut ist. In diesem Bereich gibt es aber noch etwas zu tun: Wir von Monitor Cannabis fordern, dass der Staat mehr Stellen für Lehrer an den Schulen schafft, die sich darum kümmern, die Schüler vor Exzessen zu warnen. Denn im Übermass konsumiert ist Cannabis natürlich nach wie vor schädlich. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 27.08.2018, 19:39 Uhr

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