Drei US-Präsidenten und ihre Kriege

Jimmy Carter, Bill Clinton und Barack Obama haben sich heute zur Ehrung Martin Luther Kings in Washington eingefunden. Doch wie nahezu alle US-Präsidenten ordneten auch sie militärische Aktionen an.

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Martin Kilian@tagesanzeiger

Sie stehen auf der grössten Bühne, die Washington zu bieten hat: Vor sich den Obelisken zu Ehren des Präsidenten George Washington, hinter sich das Denkmal für den ermordeten Abraham Lincoln. Kollegen sind sie, Präsidenten wie Lincoln und Washington, vereint an diesem Tag in der Erinnerung an Martin Luther Kings grossartige Rede von einem amerikanischen Traum, der weder schwarz noch weiss kennt.

Mehr als das aber eint die drei demokratischen Präsidenten Barack Obama, Bill Clinton und Jimmy Carter: Wie nahezu alle amerikanischen Präsidenten ordneten sie militärische Aktionen an, trösteten die Angehörigen gefallener Soldaten und verteilten Orden. Und just in diesem Moment, da die anwesenden Präsidenten Martin Luther King ehren, diesen Apostel der Gewaltlosigkeit und Bewunderer Gandhis, dürften es nur Tage, ja vielleicht Stunden sein, bis Barack Obama den Befehl zu einer Militäraktion gegen das Regime in Damaskus geben wird.

Messlatten für Präsidentschaften

Sowohl Bill Clinton als auch Jimmy Carter wissen ein Lied zu singen von den Tagen und Stunden vor einem Einsatzbefehl. Die nicht anwesenden republikanischen Präsidenten gleichfalls: George Herbert Walker Bush liess 1989 in Panama einmarschieren und 1990 in Kuweit. Sein Sohn George Walker Bush brach 2003 mit seiner Intervention im Irak sogar einen der verrücktesten Kriege der amerikanischen Geschichte vom Zaun. Amerika, schrieb der neokonservative Stratege Robert Kagan, sei eine «gefährliche Nation». In der Tat: Fast immer hat sie Kriege geführt, hat interveniert, abgestraft oder klandestin Coups vorbereitet.

Kriege sind mithin zu Merkmalen, ja zu Messlatten für Präsidentschaften geworden: Untrennbar verbunden ist Woodrow Wilson mit dem Ersten und Franklin Roosevelt mit dem Zweiten Weltkrieg, Harry Truman mit Korea, Lyndon Johnson und Richard Nixon mit Vietnam. Kennedy hatte Castros Kuba im Visier, Jefferson die muslimischen Korsaren Nordafrikas. Endlos und von Anbeginn zogen die Präsidenten in den Krieg. In nichts etwa stand der unselige Krieg des Präsidenten James Polk gegen Mexiko 1846 George W. Bushs verheerender Intervention im Irak nach. Wie Polk wollte auch Bush als «Kriegspräsident» in die amerikanische Geschichte eingehen.

«Nur grosse Krisen sorgen für grosse Präsidentschaften», sagte Bill Clinton einmal. Er sehnte sich nach einer solchen Krise. In den Krieg zog er auf dem Balkan, um die Serben in die Schranken zu weisen. Ausserdem befahl er Bombardierungen: In Afghanistan, im Sudan, im Irak. Abstrafungen waren sie wie jene, die Barack Obama jetzt gegen Bashar al-Assad anordnen wird.

Carter wurde ein Kritiker amerikanischer Kriege

Jimmy Carter hingegen liebte den Lärm der Waffen nicht. Die Geiselkrise im Iran, wo die Mullahs seit November 1979 US-Diplomaten gefangenhielten, zwang ihn zu einer missglückten militärischen Intervention. Nach dem Ende seiner Präsidentschaft entwickelte sich Carter zu einem Kritiker amerikanischer Kriege. Zumal manche davon wie etwa der Panamakrieg des älteren Bush nach Machismo rochen, als ob der Kriegsherr sich und der Nation beweisen wolle, dass er genügend Testosteron für das Präsidentenamt besitze.

Mit Barack Obama ist es so eine Sache, was den Krieg anbelangt. Einen Namen machte sich der junge Senator als Gegner von George W. Bushs Feldzug im Irak. Der Krieg war ein politisches Sprungbrett für Obama. Schon 2002 aber hatte er bei einer Protestkundgebung gegen Bushs heraufziehenden Krieg in Chicago zur Verblüffung mancher Kriegsgegner erklärt, er sei nicht grundsätzlich gegen Waffengewalt. Es gebe, sagte Obama immer wieder, gute und schlechte Kriege. Kaum anders drückte er sich anlässlich der voreiligen Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo aus: Als Präsident habe er gewisse Verpflichungen, bewaffnete Einsätze zur Wahrung nationaler Interessen zählten dazu.

Zweifellos werden die drei Präsidenten am Lincoln-Denkmal über den nahenden Waffengang in Syrien sprechen. Bill Clinton wird Vergleiche zur «Operation Desert Fox» ziehen, bei der Saddam Husseins Streitkräfte bombardiert wurden. Jimmy Carter wird eher Fragen stellen, vielleicht sogar zur Vorsicht raten. Letztendlich werden weder er noch der andere Ex-Präsident die Einsamkeit des jetzigen Präsidenten lindern können. Sobald Barack Obama den Einsatzbefehl gibt, werden Menschen sterben. Anschliessend werden Orden verteilt. Wie es sich eben gehört für die «gefährliche Nation».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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