Die Wiedergeburt der Lüge

In den USA greift eine antiislamische Stimmung um sich. Angeheizt und gewissenlos ausgeschlachtet wird sie von den Republikanern.

Feindliche Kundgebung gegen die Moschee: New York am vergangenen Wochenende.

Feindliche Kundgebung gegen die Moschee: New York am vergangenen Wochenende.

(Bild: Keystone)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Auseinandersetzungen mit dem Islam hatten stets die anderen und nicht die Vereinigten Staaten: Zufrieden und im Gestus der Selbstbeweihräucherung konstatierten amerikanische Kommentatoren, weder radikalisierten sich heimische Muslime im Stil ihrer britischen Glaubensgenossen, noch gebe es Ausdrücke von Islamverdrossenheit wie beispielsweise das Minarettverbot in der Schweiz.

Nun aber, da das FBI in New York und anderen amerikanischen Städten mit grossen muslimischen Gemeinschaften eine Radikalisierung junger Muslime beklagt und bereits mehrere Terroranschläge von Einheimischen verübt wurden, werden zusehends islamfeindliche Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft offenbar. Die Kontroverse um den Bau eines islamischen Kulturzentrums inklusive eines Gebetsraums nahe dem Tatort des Massenmords von 9/11 in New York trägt bisweilen die Züge eines Kriegs der Zivilisationen. Angesichts der kommenden Kongresswahlen wird er von Republikanern samt Tea Party gewissenlos angeheizt.

Angst vor dem Fremden

Mehr als zwei Drittel der Amerikaner lehnen laut Umfragen den Bau des Kulturzentrums ab, weshalb die Republikanische Partei sich ausgerechnet habe, «dass es sich politisch lohnt, auf den Islam und die Muslime einzudreschen», glaubt Ibrahim Hooper vom Council on American-Islamic Relations, einer muslimischen Lobby. Längst hat die Angst vor dem Fremden und anderen in den harten Zeiten der grossen Rezession auch die Person des ersten afroamerikanischen Präsidenten erreicht: Barack Obama, so glaubt inzwischen jeder fünfte Amerikaner und eine noch grössere Zahl von Republikanern wider besseres Wissen, sei ein Muslim und mithin nicht vertrauenswürdig. Der Bau einer Moschee nahe Ground Zero in New York, klagte die agile Rechtspopulistin Sarah Palin, sei ein «Stich in die Herzen der Amerikaner», derweil das republikanische Enfant terrible, Newt Gingrich, einstmals Sprecher des Repräsentantenhauses, die muslimischen Bauherren in New York gar mit den Nazis verglich.

«Ist es jetzt so, dass wir Amerikaner und Christen angreifen können, nicht aber Muslime und Ausländer?», verteidigte der ehemalige republikanische Gouverneur und Präsidentschaftsbewerber Mike Huckabee die zunehmend hässliche Stimmungsmache gegen Muslime in einer Einwanderergesellschaft, die sich von jeher und mit einigem Recht etwas auf ihre religiöse Toleranz einbildete.

Weil sie politische Morgenluft witterten, hetzten die republikanischen Bonzen im Schutz der schweren medialen Geschütze von Rupert Murdochs Presseimperium derart gegen Muslime, dass der Kolumnist Frank Rich in der «New York Times» die Frage stellte, wie eigentlich «muslimische Hirne und Herzen in Kandahar» zu gewinnen seien, wenn Muslime in den Vereinigten Staaten «mit jedem nur vorstellbaren schmutzigen Wort» beschimpft würden.

Schon gebärt das gefährliche Spiel unerhörte Statements wie jenes des stellvertretenden Gouverneurs von Tennessee, wonach der Islam vielleicht überhaupt keine Religion sei, sondern eher «ein Lebensstil oder ein Kult».

Was Wunder, dass sich inzwischen allenthalben, sei es in Tennessee oder Kalifornien, Widerstand gegen den Bau neuer Moscheen regt. «Es sollten keine Genehmigungen zum Bau auch nur einer einzigen neuen Moschee erteilt werden», verlangt Bryan Fischer vom konservativen Christenverband American Family Association, während der rechte Radio-Talker Michael Berry hofft, neu erbaute Moscheen würden prompt «in die Luft gejagt».

Moscheen stehen in Flammen

Widerstand gegen die Errichtung islamischer Gotteshäuser, befand erschrocken die «New York Times», sei «fast allgegenwärtig». Damit nicht genug häufen sich Übergriffe gegen Muslime und muslimische Einrichtungen: Im Mai detonierte eine Bombe im islamischen Zentrum in Jacksonville im Staat Florida, andernorts wurden Moscheen in Brand gesetzt oder verschandelt. Selbstverständlich machte die antiislamische Paranoia der republikanischen Betonköpfe und ihrer Helfer in den Medien keinen Halt vor einem Präsidenten, der bereits während des Wahlkampfs vor zwei Jahren verdächtigt wurde, insgeheim ein Muslim und damit ein Trojanisches Pferd im Dienst der Jihadisten zu sein. Barack Obama, dozierte Franklin Graham, Spross des berühmten Predigers Billy Graham, sei als Sohn eines muslimischen Vaters geboren worden und deshalb ein Muslim, ob es ihm gefalle oder nicht.

Obamas Gesinnung

Beträchtlichen Auftrieb hatten die Paranoiker schon zuvor erhalten, etwa nachdem der Präsident irrtümlich von «57 Staaten» statt von den existierenden 50 amerikanischen Staaten gesprochen hatte: Das, so raunte die irrlichternde Gemeinde, sei einmal mehr Beweis für Obamas muslimische Gesinnung, denn gemeint haben könne der Präsident nur die Organisation Islamischer Staaten und deren 57 Mitglieder.

«Niemals zuvor in der Geschichte der modernen Präsidentschaft hat ein Präsident sich zu seinem christlichen Glauben bekannt und ist von Leuten der Lüge geziehen worden», reagierte Kirbyjon Caldwell, einer von Obamas Pastoren, fassungslos auf die Wiedergeburt der Lüge vom muslimischen Präsidenten.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt