Die Schweiz ist Bolsonaro-Land

Die Mehrheit der in der Schweiz lebenden Brasilianer hat den umstrittenen Rechtsaussenpolitiker gewählt. In Frankreich lag ein linker Kandidat vorn.

Holte auch in der Schweiz am meisten Stimmen: Jair Bolsonaro auf einem Plakat seiner Partei PSL.

Holte auch in der Schweiz am meisten Stimmen: Jair Bolsonaro auf einem Plakat seiner Partei PSL. Bild: Keystone

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Eine halbe Million Brasilianerinnen und Brasilianer sind ausserhalb ihres Landes wahlberechtigt und haben in insgesamt 99 Ländern die Möglichkeit, in Botschaften und Konsulaten ihre Stimme bei den Präsidentschaftswahlen abzugeben. In der Schweiz sind es 19’000 Personen. Der rechtsnationalistische Kandidat Jair Bolsonaro hat bei den hierzulande lebenden Brasilianerinnen und Brasilianern mit Abstand am besten abgeschnitten. Er erreichte 48 Prozent der abgegebenen Stimmen, also in etwa denselben Anteil wie in Brasilien selber.

Anders als zu Hause erreichte der linke Kandidat Ciro Gomes in der Schweiz den zweiten Platz (16,5 Prozent), während der ebenfalls linke Anwärter Fernando Haddad mit lediglich 11,6 Prozent Dritter wurde. In Brasilien hingegen erreichte Haddad mit 29 Prozent den zweiten Rang, weshalb er am 28. Oktober in einer Stichwahl gegen den Sieger Bolsonaro antreten wird.

Der umstrittene Politiker vom äussersten rechten Rand hat daneben auch in den USA gewonnen, wobei er in sämtlichen acht grossen Städten, in denen Brasilianer ihre Stimme abgeben konnten, der bestgewählte Kandidat war. Ausserdem gewann er laut Ergebnissen der brasilianischen Wahlbehörde in Venezuela, Israel und dem Iran, während Haddad in Palästina, Kuba und Nigeria obenaus schwang. Von 136 weltweit ausgezählten grossen Städten und Konsularbezirken entschied sich die Mehrheit in 116 für Bolsonaro, darunter auch in Genf und Zürich.

In Frankreich sind 11'000 Personen brasilianischer Nationalität in den Wahllisten registriert. An den Präsidentschaftswahlen haben sich allerdings lediglich 40 Prozent beteiligt, was auch daran liegen dürfte, dass die Stimmabgabe einzig in Paris möglich war. Den ersten Platz erreichte Ciro Gomes (31 Prozent), vor Haddad (26 Prozent) und Bolsonaro (21 Prozent).

Die in Frankreich lebenden brasilianischen Staatsangehörigen haben also deutlich linker gewählt als jene in der Schweiz. Die seit zwei Jahren in Zürich lebende, mit einem Schweizer verheiratete Fernanda Schräder hat für Ciro Gomes gestimmt. «In der Warteschlange vor dem Stimmlokal in Zürich habe ich genau dieselben ignoranten Sprüche gehört, die von Bolsonaro-Anhängern auch in Brasilien verbreitet werden. Fake News und Behauptungen, einzig Bolsonaro könne Brasilien davor bewahren, kommunistisch zu werden.» Es sei ihr unbegreiflich, wie jemand als brasilianischer Staatsbürger in einer derart vorbildlichen Demokratie wie der Schweiz leben könne und dann einem Politiker die Stimme gebe, der zu Hause die Demokratie untergrabe.

«Wer dem Tod so nahe war, der verändert sich»

Marisa Gentili will ihren Namen nicht in einer Onlinepublikation lesen, deshalb haben wir ihn geändert. Sie lebt seit mehr als dreissig Jahren in der Schweiz und hat die brasilianische Militärdiktatur als Jugendliche miterlebt. Eigentlich findet sie Bolsonaro schrecklich, aber noch schrecklicher ist aus ihrer Sicht die brasilianische Arbeiterpartei (PT), zu der Bolsonaros Gegenspieler Fernando Haddad und Ex-Präsident Lula gehören. «Die PT ist damals angetreten, um die Korruption zu besiegen, aber ihre Regierungen waren korrupter als alle anderen. Diese Salonsozialisten haben jedes erträgliche Mass überschritten», sagt Gentili. Bolsonaro sei deshalb das kleine Übel.

Ausserdem habe man sich während der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 in Brasilien bewegen können, ohne Angst, ausgeraubt und umgebracht zu werden. «Die Militärdiktatur hat insgesamt weniger Menschen ermordet, als heute die kriminellen Banden in einem Monat», sagt Gentili. Die gut 60-Jährige hat eine grosse Hoffnung. Sie stützt sich darauf, dass am 6. September ein geistig verirrter Einzeltäter Bolsonaro während einer Kundgebung mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt hat. «Wer dem Tod so nahe war, der verändert sich. Und meistens zum Guten.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.10.2018, 16:20 Uhr

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