«Die Sache wird vergessen, bis die nächste Frau sich meldet»

Zahlreiche Frauen beschuldigen Donald Trump sexueller Übergriffe. Politisch anhaben können sie ihm nichts.

Dass über ein Dutzend Frauen Donald Trump teils schwer belasten, fällt nicht ins Gewicht. Der US-Präsident weist alle Vorwürfe nach dem stets gleichen Muster von sich. Foto: AFP/Saul Loeb

Dass über ein Dutzend Frauen Donald Trump teils schwer belasten, fällt nicht ins Gewicht. Der US-Präsident weist alle Vorwürfe nach dem stets gleichen Muster von sich. Foto: AFP/Saul Loeb

Martin Kilian@tagesanzeiger

Widerwärtig klingt, was die bekannte Kolumnistin Jean Carroll vergangenen Freitag über Donald Trump behauptete: Der Präsident habe sie vor mehr als zwei Jahrzehnten in der Umkleidekabine eines Bekleidungskaufhauses in New York vehement gegen die Wand gedrängt und vergewaltigt.

Es dauerte Tage, bis die Beschuldigung von diversen Medien aufgenommen wurde, am Montag wies der Beschuldigte sie dann in Bausch und Bogen zurück: Carroll sei «nicht mein Typ», das Ganze rein erfunden, erklärte Donald Trump.

Die Angelegenheit folgt einem mittlerweile sattsam bekannten Muster: Eine Frau beschuldigt Trump sexueller Übergriffe, er verneint heftig, droht mit einer Klage und versucht die Reputation der Frau zu vernichten. Danach gehen alle, Medien wie Politik, zur Tagesordnung über.

Vorwürfe von 16 Frauen

Trumps Glaubwürdigkeit ist gering. Er lügt des öfteren. Es ist bekannt, dass ihm seine erste Ehefrau Ivana während des Scheidungsverfahrens vorwarf, er habe sie in der Ehe vergewaltigt. Sie nahm die Behauptung später zurück.

Andere Frauen nahmen ihre Beschuldigungen nicht zurück. Temple McDowell, Cassandra Searles, Jennifer Murphy, Natasha Stoynoff, Mindy McGillivray, Jessica Leeds, Rachel Crooks, Lisa Boyne, Kristin Anderson, Cathy Heller, Karena Virginia, Jessica Drake, Ninni Laaksonen, Juliet Huddy, Tasha Dixon sind ihre Namen. Nun gesellt sich Jean Carroll zu ihnen.

Mindestens 16 Frauen plus mehrere namentlich nicht Genannte werfen dem Präsidenten vor, sie sexuell belästigt oder attackiert zu haben.

«Wenn du ein Star bist, kannst du alles machen»

Trump selbst gab zu, dass er Frauen sexuell angegriffen hat. 2005 realisierte er nicht, dass das Mikrofon eingeschaltet war, als er zusammen mit dem Showstar Billy Bush einen Bus in Hollywood verliess, um die auf ihn wartende Schauspielerin Arianne Zucker zu begrüssen.

Es lohnt sich, Trumps Aussage von damals im Wortlaut zu zitieren: «Ich sollte lieber ein paar Tic Tac einwerfen, falls ich anfange, sie zu küssen. Sie müssen wissen, schöne Frauen ziehen mich automatisch an – ich fange einfach an, sie zu küssen. Es ist wie ein Magnet, einfach küssen. Ich warte nicht einmal ab. Und wenn du ein Star bist, lassen sie das zu. Du kannst alles machen, sie an der Möse packen. Alles kannst du machen».

Trumps Dementis klingen nicht unbedingt überzeugend angesichts dieser Beschreibung seiner Behandlung von Frauen. Aber auch Jean Carroll wird ihm nichts anhaben können. Denn längst wissen Trumps Freunde und Gegner, mit wem sie es zu tun haben. Seine Anhängerschaft hält ihm unverbrüchlich die Treue, sogar nachweisbare und justitiable sexuelle Übergriffe gegen Frauen würde ihren Enthusiasmus womöglich nicht vermindern.

Konsequenzen muss er nicht befürchten

Natürlich sei Trump mit charakterlichen Mängeln behaftet, als Werkzeug Gottes aber fungiere er trotzdem, behaupten evangelikale Christen. Bei vielen republikanischen Kongressmitgliedern ist Unbehagen über Trumps Charakter spürbar. Doch wie die Evangelikalen stehen sie zum Präsidenten, weil er ihre Agenda umsetzt: Steuersenkungen und die Ernennung konservativer Bundesrichter, Deregulierung und Massnahmen gegen die Abtreibungsfreiheit.

Dass über ein Dutzend Frauen Donald Trump teils schwer belasten, fällt daher nicht ins Gewicht. Der Präsident mochte Zeit seines erwachsenen Lebens ein sexuelles Raubtier sein, politische Konsequenzen aber muss er trotz #MeToo nicht befürchten. «Es ist mit allen Frauen dasselbe: Er verneint es, er dreht es herum, er attackiert und er droht – und dann wird die Sache vergessen, bis die nächste Frau sich meldet», resigniert Jean Carroll.

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