Die Jagd nach «Anne Onymous»

Hintergrund

Eine versteckte Kamera filmt Mitt Romneys Rede für Insider. Das Video wandert durchs Internet, bis Jimmy Carters Enkel es bekannt macht. Wie aus einigen Youtube-Clips Romneys schlimmster Albtraum wurde.

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Thomas Ley@thomas_ley

Seit Ronald Reagan damals, 1980, Jimmy Carter aus dem Amt jagte, träumen die Republikaner von einem Wahlkampf gegen einen neuen Jimmy Carter. Sie sollten sich das noch einmal überlegen. Denn James Carter IV., Enkel des Ex-Präsidenten, trug in diesen Tagen massgeblich dazu bei, dass Mitt Romney jetzt in den Augen der Hauptstadtpresse praktisch als erledigt gilt.

Carter der Jüngere brachte das Magazin «Mother Jones» in Kontakt mit jener Person, die mit versteckter Kamera filmte, was Romney seiner reichen Klientel so zu sagen hat. Das Romney-Video ist nun eine der grossen Katastrophen einer Kampagne, die ohnehin von Fettnapf zu Stolperstein humpelt.

Genugtuung für den Ex-Präsidenten

Jetzt wollen Washingtoner Insider von James Carter wissen, wie er an das Video herankam. Ihm selber ist das Ganze bereits etwas unheimlich: «Ich wollte nie Teil der Berichterstattung werden», sagte er einem lokalen TV-Sender. Aber der als «opposition researcher» der Demokraten arbeitende Carter erkannte bereits vor Wochen, dass dieser Blick durchs Schlüsselloch von Amerikas Plutokraten Gold wert ist. Er bestätigte alles, was die Demokraten schon immer über Romney sagten, so Carter: «Dass er ein abgehobener, reicher Mensch ist. Und dass er sich überhaupt nicht interessiert für die Belange der Mittelklasse.»

Für seinen Grossvater, den Ex-Präsidenten, muss Romneys Blossstellung eine ziemliche Genugtuung sein. Schliesslich prügelt Wahlkämpfer Romney praktisch täglich auf die angeblich gescheiterte Präsidentschaft Carters ein: «Er kontaktierte mich und gratulierte mir zu der Arbeit», bestätigt Enkel Carter lächelnd. Dabei war der Rechercheur mit dem berühmten Namen einfach ein bisschen aufmerksamer als die Konkurrenz. Auch andere Journalisten hätten sich die Trouvaille besorgen könne, wären sie etwas schneller gewesen. Denn die seltsamen schummrigen Videofetzen kursierten schon seit Mai im Internet. Immer wieder unter anderem Namen.

Zwei Monate lang kaum angeklickt

Die berüchtigte Tischrede selbst hielt Romney am 17. Mai an einer privaten Spendengala, organisiert vom berüchtigten Investor Marc Leder in Boca Raton, Florida. Jemand installierte dort eine versteckte Kamera und nahm die Rede auf, mit gutem Ton und weniger gutem Bild. Unter dem Namen «RomneyExposed» (Romney entblösst) erschienen am 1. Juni einige kurze Stücke dieser Aufnahmen auf Youtube. Zwei Monate lang wurden diese Clips kaum angeklickt.

Wer der seltsame Spion war, ist bis heute ein Rätsel. Tatsache ist, dass er oder sie auf linksliberalen Websites auf die Aufnahmen hinwies. Im Juni als Leser unter dem Namen «romneyexposed» auf «Huffington Post» und im September als «Anne Onymous» auf «Daily Kos». Unter diesem Namen erschien am 27. August auch ein neuer Youtube-Account, der weitere Teile des Romney-Videos ins Internet lud. Diesmal übrigens mit dem Herkunftsland China und einem Porträtfoto einer Frau.

Auf Daily Kos schrieb Anne Onymous am 29. August: «Das wird alles bald bestätigt von den Mainstream-Medien. Es ist alles echt. Mehr wird folgen. Mitt Romney gibt zu, er habe eine Ausbeuterfabrik in China gekauft, als er noch bei Bain arbeitete. 20'000 junge Arbeiterinnen, 12 Mädchen pro Schlafraum, 120 Mädchen pro WC. Hohe Zäune mit Wachtürmen.» Es waren vor allem diese Enthüllungen, die Anne Onymous unter die Leute bringen wollte.

«Mann, dass ihr die Mädchen auf diese Art einsperrt!»

Tatsächlich plaudert Romney in einem der Videoauszüge in schockierender Beiläufigkeit («ich will euch ja nicht mit alten Geschichten langweilen») über einen länger zurückliegenden Besuch in der betreffenden Fabrik mit 20'000 Arbeiterinnen «im Alter von 18 bis 22 oder 23», wie er bestätigt. Romney erzählt weiter von den «Stunden um Stunden, die da geschuftet» würden, vom «jämmerlichen Lohn», den die Arbeiterinnen kriegten, von den 12-Kopf-Schlafzimmern, von den dreistöckigen Betten, vom Stacheldraht und den Wachtürmen. «Und wir sagten: ‹Mann, wir können nicht glauben, dass ihr die Mädchen auf diese Art einsperrt!› Und sie sagten: ‹Nein, nein, nein, das ist bloss, um andere Leute draussen zu halten.›»

Es ist ein bisschen viel Leichtgläubigkeit, die der Kandidat hier an den Tag legt. Denn Investor Romney dürfte es damals schon besser gewusst haben. Die Zustände in chinesischen «Sweatshops» sind seit den Neunzigerjahren ein Thema, wie ein Artikel aus der nicht als gewerkschaftsfreundlich bekannten «Businessweek» zeigt – verfasst in einer Zeit, als Romney noch sehr direkt in die operativen Geschäfte von Bain involviert war.

Doch auch wenn das Schicksal dieser chinesischen Arbeiterinnen Anne Onymous am meisten am Herzen lag, war ihren Beobachtern sofort klar, dass andere Zitate Romneys für den US-Wahlkampf noch brisanter waren: nämlich jene Stellen, in denen der Republikaner sich auslässt über «die 47 Prozent», die angeblich so vom Staat abhängig sind, dass sie ohnehin Barack Obama wählen. «Um die muss ich mich gar nicht erst kümmern», sagt Romney seinen Gönnern in tatsächlich ziemlich unbekümmertem Ton.

Das ganze Video zeigt Wirkung

Für das weitere Schicksal der Videos waren die Sätze über China dennoch entscheidend. Journalisten von «Huffington Post» und vom Onlinemagazin «BuzzFeed» kontaktierten Romneyexposed alias Anne Onymous. Und noch einer: James Carter, der für den Journalisten David Corn von «Mother Jones» der Quelle nachging. Er hatte schliesslich Erfolg, weil Corn bereits Artikel über die Zustände in chinesischen Fabriken geschrieben hatte. «Huffington Post» präsentierte zwar vergangenen Montag einige Teile des Videos. «Mother Jones» konnte aber 45 Minuten später das ganze Video veröffentlichen, bild- und tontechnisch bearbeitet und verbessert.

Die Romney-Kampagne versuchte erst gar nicht, die Authentizität der Aufnahmen zu bestreiten. Romney beschränkte sich bloss darauf, er habe sich an jenem Dinner mit Gönnern etwas undiplomatisch ausgedrückt, aber er stehe hinter der Substanz seiner Aussagen. Seit drei Tagen bestimmen seine geheimen Einblicke nun die Berichterstattung in den USA, vor allem der Teil über die 47 Prozent. Seine Auslassungen über chinesische Fabriken, seine Verachtung für Latinos, seine Gleichgültigkeit gegenüber einem Frieden in Nahost – all das entfaltet erst langsam seine Wirkung.

Eine erstaunliche Karriere für Videoclips, die schon seit Mai auf dem Netz zu sehen waren. Wer sie aufnahm, weiss womöglich nicht einmal James Carter IV. Doch niemand zweifelt, dass die Identität des Filmers bald bekannt wird. Die Jagd nach Anne Onymous ist noch nicht zu Ende.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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