Die Hoffnung der Demokraten verflüchtigt sich

In zwei Wochen wählen die Amerikaner – lange Zeit galt ein Sieg der Opposition als sichere Sache. Doch die Lage ist nicht so eindeutig.

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Die Propheten sind etwas vorsichtiger geworden. Sie haben sich blamiert vor zwei Jahren. Im Herbst 2016 sagten Amerikas Meinungs- und Wahlforscher einstimmig einen Sieg der Demokratin Hillary Clinton bei der Präsidentschaftswahl voraus. Es kam dann anders.

In zwei Wochen, am 6. November, wählen die Amerikaner wieder, dieses Mal ihr Parlament, den Kongress. Alle 435 Sitze im Abgeordnetenhaus stehen zur Wahl sowie 35 der 100 Sitze im Senat. In beiden Kammern haben derzeit die Republikaner die Mehrheit. Und wie vor zwei Jahren galt es in den letzten Wochen als ausgemacht, dass die Demokraten gewinnen – mit Sicherheit das Repräsentantenhaus, eventuell auch den Senat. Von der «blauen Welle» war die Rede, die Amerika überspülen werde. Blau ist die Farbe der Demokraten.


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Was den Senat angeht, hat sich dieser Optimismus verflüchtigt. Dass die Demokraten diese Kammer erobern, war von Beginn an eine eher theoretische Möglichkeit. Das liegt daran, dass etliche demokratische Senatoren und Senatorinnen in konservativen Bundesstaaten wie West Virginia oder North Dakota zur Wiederwahl stehen, in denen 2016 Trump gewonnen hat. Ihre Sitze waren ohnehin gefährdet, und der harte Widerstand der Demokraten im Senat gegen Trumps Richterkandidaten Brett Kavanaugh hat ihnen geschadet. Im Senat wäre es für die Demokraten daher schon ein Wahlerfolg, wenn sie keine grossen Verluste erleiden.

Im Abgeordnetenhaus sieht es nach wie vor recht gut aus für die Opposition. Die magische Zahl in dieser Kammer ist die 23: Die Demokraten müssen den Republikanern 23 Sitze abnehmen, um die Mehrheit zu erringen. Und zwar netto. Für jeden Sitz, den sie selbst am 6. November verlieren, steigt diese Hürde um einen Sitz an.

23 Sitze – das sollte machbar sein für die Demokraten. Und es ist nach derzeitigem Stand auch wahrscheinlicher, dass es ihnen gelingt, als dass sie es nicht schaffen. Aber das bedeutet nicht, dass ein Sieg der Demokraten sicher wäre. Es mag unwahrscheinlich sein, dass die Republikaner ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus verteidigen. Doch es ist nicht unmöglich. Die Siegesgewissheit mancher Demokraten erinnere ihn stark an jenen Tag, «als Hillary Clinton Präsidentin wurde», ätzt ein erfahrener republikanischer Stratege.

Die Lage ist tatsächlich nicht eindeutig. Der Wahlstatistiker Nate Silver zum Beispiel gibt den Demokraten derzeit auf seiner Internetseite FiveThirtyEight.com eine Chance von 86,5 Prozent, das Abgeordnetenhaus zu erobern. Die Chance der Republikaner, ihre Mehrheit zu verteidigen, liegt dementsprechend bei 13,5 Prozent. Das ist niedrig, aber beileibe nicht null. Andere Wahlforscher beziffern die Chance der Republikaner, das «Haus» zu halten, zum Teil niedriger, aber auch höher; die Zahlen schwanken zwischen sieben und 29 Prozent.

Das bedeutet: Sicher ist nichts. Wenn man sich die einzelnen Wahlkreise anschaut, wird deutlich, wie eng das Rennen um das Abgeordnetenhaus tatsächlich ist. Zwar haben die Demokraten in den landesweiten Umfragen meist einen klaren Vorsprung von sieben, acht Prozentpunkten – mehr Amerikaner wollen die Demokraten in der Kammer an der Macht sehen als die Republikaner. Doch diese Erhebungen haben nur eine begrenzte Prognosekraft. Denn entschieden wird über Sieg und Niederlage nicht landesweit, sondern in den einzelnen Wahlkreisen. Und dort liegen die Kandidaten beider Parteien oft deutlich enger beieinander.

In vielen Wahlkreisen liegen die Kandidaten in den Umfragen gleichauf

Das Zentralorgan der amerikanischen Wahlanalystenszene, der Cook Political Report, sieht derzeit 17 republikanische Sitze als höchst gefährdet an. Sie werden in zwei Wochen mit grosser Wahrscheinlichkeit an die Demokraten gehen. Aber 17 Sitze reichen nicht für die Mehrheit.

Darüber hinaus identifiziert der Cook Report 29 Sitze, die von Republikanern gehalten werden und in denen Demokraten echte Chancen auf Siege haben. Das ist das Reservoir, aus dem die Demokraten am ehesten die noch fehlenden Sitze schöpfen können, die sie über die 23-Sitze-Hürde zur Mehrheit heben. Allerdings liegen die Kandidaten in diesen Wahlkreisen jeweils Kopf an Kopf. Die Siegchance der Demokraten beträgt also in jedem dieser Rennen nur 50 Prozent. Es gibt zwar noch Dutzende weitere umkämpfte Wahlkreise, doch dort sind die Republikaner stärker.

Es ist gut möglich, dass die Demokraten den Grossteil der umkämpften Sitze gewinnen. Aber vielleicht kippen diese Wahlkreise am Ende doch wieder in die Richtung der Partei, die sie jetzt hält – die Republikaner. Es ist kein Zufall, dass Präsident Donald Trump und die konservativen Medien den Wählern im Moment mit einer «Migrantenkarawane» voller Krimineller und Terroristen Angst machen, die angeblich die USA stürmen will. Das ist der Versuch, die eigenen Anhänger in engen Rennen zu mobilisieren, und er könnte Erfolg haben.

Das Grundproblem bei Wahlprognosen ist, dass sich Siegchancen in Prozenten und mögliche Zugewinne mit einer gewissen Bandbreite ausdrücken lassen. Es klingt beeindruckend, wenn Experten wie Silver den Demokraten eine Chance von 80 Prozent geben, 20 bis 62 Sitze zu erobern. Aber Sieg und Niederlage sind absolut. Entweder die Demokraten gewinnen 23 Sitze. Oder nicht. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.10.2018, 21:34 Uhr

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