«Die Grossmütter leisteten Pionierarbeit»

Bei der Suche nach den Enkeln wurden Methoden vorangetrieben, die heute bei einer Identifizierungen zum Standard gehören, sagt der Forensiker Tidball-Binz.

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Sie haben 1985 auf Wunsch von Estela de Carlottto deren Tochter Laura exhumiert. Warum?
Es ging um die Frage: Hat Laura ein Kind geboren oder nicht? Estela besass Hinweise darauf, war sich aber nicht sicher. Nach der Untersuchung der Leiche war die Sache klar. Ihre Tochter Laura musste zumindest ein Kind geboren haben. Für Estela war es ein enorm wichtiger Moment. Ab da begann die ­Suche nach ihrem Enkel. Und auch für die wissenschaftliche Forensik in Argentinien war die Untersuchung entscheidend. Estela verlangte, bei der Exhumierung dabei zu sein, was zu dieser Zeit geradezu revolutionär war. Die Empfehlung, dass Eltern oder Angehörige von Opfern bei Exhumierungen präsent sind, ist heute internationaler Standard, auch beim ­Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, für das ich arbeite. Dieses Vorgehen schafft Transparenz und hilft Opferfamilien, die Erkenntnisse von uns Forensikern zu akzeptieren.

Mit Laura Carlottos Exhumierung wurden auch die Gründe für ihren Tod wieder zum Thema.
Auch da besteht Klarheit. Militärs hatten erklärt, sie sei in einem Gefecht getötet worden. Das ist falsch. Estelas Tochter wurde mit zwei aus kurzer Distanz abgegebenen Schüssen exekutiert. Mitglieder der von den Militärs organisierten Repressionsgruppen, «grupos de tarea» genannt, bestätigten unsere Ergebnisse später offiziell.

Weiss man, wer geschossen hat?
Man kennt die obersten Verantwortlichen, aber nicht die direkten Mörder.

Estela de Carlotto hat ihren Enkel dank der nationalen ­DNA-Datenbank gefunden, die Argentinien für ­Opferfamilie einrichtete, um ­Familienangehörige zu finden. In den 80er-Jahren gab es aber noch keine DNA-Analysen. Wie ging man damals vor?
Mit sicheren Merkmalen, die man aufgrund von Bluttests sammeln konnte. Die Gruppierung «Abuelas de Plaza de Mayo» (Grossmütter vom Maiplatz), der Estela angehört, leistete hierfür Pionierarbeit. Ihre Arbeit begann im Jahr 1984. Sie riefen eine internationale Expertengruppe zusammen, um Techniken zu entwickeln, und sie liessen in Argentinien rechtliche Grundlagen dafür schaffen. Die Daten wurden in einem öffentlichen Spital in Buenos Aires gesammelt und aufbewahrt. Bald konnte dank der Blutanalyse ein Mädchen gefunden werden. Dank der Gentests und der nationalen Gendatenbank geht das natürlich heute viel einfacher. 2009 wurde das bestehende Gesetz erweitert und den neuen Technologien der forensischen Genetik angepasst. Chile und Peru haben das argentinische System weitgehend übernommen, Kolumbien und Mexiko arbeiten in eine ähnliche Richtung.

Estela de Carlottos Enkel Guido hat aus eigener Initiative einen Gentest machen lassen. Der Staat bietet diese Möglichkeit. Welches Recht hat die Justiz, Gentests anzuordnen?
Wo Zweifel an der Abstammung bestehen, können Richter Gentests anordnen. Die Sache ist einfach: Man muss davon ausgehen, dass bei Fällen wie jenem von Guido auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden. Solche Straftaten müssen ermittelt und geahndet werden.

Es soll 400 verschwundene Enkel geben. Guido war das 114. Kind, das gefunden wurde. Das 115. ist eine Frau, die in Europa lebt und erst vor wenigen Tagen identifiziert wurde, deren Name aber geheim bleibt. Wie läuft die Suche in Europa?
Das System der Gentests gilt weltweit. Alle Konsulate und Botschaften haben Formulare. Das Genmaterial wird vor Ort entnommen und mit der Diplomatenpost nach Argentinien geschickt, um es dort zu analysieren und mit den bereits registrierten Daten in der nationalen Gendatenbank abzugleichen. Die Kosten trägt der Staat.

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