«Die Beweise gegen Lee Harvey Oswald sind erdrückend»

Vor 50 Jahren ist US-Präsident John F. Kennedy in Dallas erschossen worden. Richard Mosk half mit, die Hintergründe des Attentats herauszufinden. Auch heute hält er nichts von Verschwörungstheorien.

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Jon Mettler@jonmettler

Richter Mosk, wer hat Präsident John F. Kennedy am 22.November 1963 in Dallas ermordet? Richard Mosk: Es war einzig und allein Lee Harvey Oswald.

Was macht Sie da so sicher? Die Beweise sind erdrückend. Die Schüsse, die Präsident Kennedy getroffen haben, kamen aus Oswalds Gewehr. Die Schussrichtung stimmt mit Oswalds Aufenthaltsort zum Zeitpunkt des Attentats im Schulbuchlager in Dallas überein. Oswalds Handabdrücke sind an der Stelle, wo die Schüsse abgegeben worden sind, gefunden worden. Und Oswald hat versucht, aus dem Schulbuchlager zu flüchten.

Was war Oswalds Motiv? Da können wir nur spekulieren. Ich halte mich lieber an die Fakten. Tatsache ist, dass Oswald nicht das stabilste Individuum war. Zur Erinnerung: Er war zur Sowjetunion übergelaufen, er wollte nach Kuba gehen, er hat einen General angeschossen, er hat einen Polizisten erschossen, und er hat damit gedroht, Richard Nixon umzubringen. Ein Zusammenhang zwischen dem Attentat und seinen Aktivitäten für das «Fair Play Committee for Cuba» konnte hingegen nicht zweifelsfrei hergestellt werden.

50 Jahre nach dem Attentat gibt es viele Menschen, welche nicht an die offizielle Version des Einzeltäters glauben. Warum überzeugt der Warren-Bericht nicht? Vermutlich, weil die Skeptiker den Bericht gar nicht gelesen haben. Für viele Menschen ist es halt schwer zu ertragen, dass eine erbärmliche Figur wie Oswald den mächtigsten Mann der Welt niederstrecken konnte. Also muss aus deren Sicht mehr dahinterstecken, mehr Sinn und Bedeutung. Es braucht eine Ursache, welche der Wirkung ebenbürtig ist. Und das ist für viele Menschen eine Verschwörung.

Die Ermordung von Oswald durch Jack Ruby nach dem Attentat wirft zumindest die Frage auf: Sollte da ein Mitwisser zum Schweigen gebracht werden? Ich gebe zu, Oswald Ermordung durch Ruby war ein unnatürliches Ereignis. Zwei Punkte fallen aber auf: Am Tag vor dem Attentat suchte Oswald seine Frau Marina auf, von der er getrennt lebte. Er hatte gehofft, dass beide noch einmal einen Neuanfang versuchen und am Tag des Attentats zusammen eine Wohnung in Dallas suchen würden. Hätte sie damals zugestimmt, wäre es nicht zum Anschlag gekommen. Zweitens wurde Oswalds Transfer vom Polizeiposten in Dallas zum lokalen Gefängnis um eine Stunde verzögert. Ohne diese Verzögerung wäre Ruby nie in der Lage gewesen, auf Oswald zu schiessen. Diese reinen Zufälle deuten darauf hin, dass es keine Verschwörung gab.

Aber es gibt zwei offizielle Versionen des Attentats: Die der Warren-Kommission und die des Untersuchungsausschusses des Repräsentantenhauses. Führen nicht gerade solche Widersprüche zu Zweifeln? Die Version des Ausschusses bestätigt in allen Belangen die Version der Warren-Kommission: Oswald hat dreimal auf Kennedy geschossen. Der Ausschuss hat aber noch den Funkverkehr der Polizei während des Attentats ausgewertet und ist zum Schluss gekommen, dass es einen vierten Schuss gab. Kurz darauf hat die Nationale Akademie für Wissenschaften diesen akustischen Beweis erneut analysiert und herausgefunden, dass es keinen vierten Schuss gab. Damit ist die These vom zweiten Schützen und der Verschwörung widerlegt worden.

Hat die Warren-Kommission je in Betracht gezogen, dass inneramerikanische Organisationen wie die CIA oder Mafia oder fremde Regierungen wie die Sowjetunion oder Castros Kuba hinter dem Anschlag stecken? All diese Möglichkeiten haben wir berücksichtigt und gründlich untersucht. Mit der Warren-Kommission wollte Präsident Lyndon B. Johnson ja verhindern, dass die USA vor dem Hintergrund des Kalten Krieges überhastete Schlüsse über mögliche Urheber des Attentats ziehen. Unsere Ermittlungen waren nicht immer leicht. Es gab Behörden wie der Geheimdienst CIA und die Bundespolizei FBI, die uns Informationen vorenthielten.

Das Verhalten der Behörden ist doch merkwürdig. Aber es hat nichts an unseren Schlussfolgerungen geändert. Dem FBI war es schlicht peinlich, Kontakte zu Oswald unterhalten zu haben. Deshalb wollte es diese Informationen unter dem Deckel halten. Zur Frage, ob Oswald der Täter war oder nicht, hätten sie nichts beisteuern können. Höchstens zur Frage, ob das Attentat hätte verhindert werden können oder nicht.

Wie schnell zeichnete sich die These des Einzeltäters ab? Um ehrlich zu sein, sind wir von Anfang an von dieser Prämisse ausgegangen. Oswalds Verhaftung unmittelbar nach dem Attentat und seine Ermordung durch Jack Ruby liessen einen starken Anfangsverdacht zu. Wir mussten dann herausfinden, ob es Beweise für eine andere Beteiligung am Attentat gibt.

Wie ist es zu Ihrer Anstellung bei der Kommission gekommen? Ich war gerade dabei, meine Zeit beim Militär abzuschliessen. Ich war auf der Suche nach einer Referendariatsstelle bei einer Anwaltskanzlei. Nach dem Attentat schickte ich stattdessen meine Bewerbung an die Warren-Kommission. Ich kannte den Vorsitzenden der Kommission, den obersten Bundesrichter Earl Warren, bereits. Er hat mich tatsächlich als Mitarbeiter eingestellt. An meinem ersten Arbeitstag hat mich Warren zur Seite genommen und gesagt: «Die Wahrheit ist unser einziger Klient.»

Wie ist die Warren-Kommission bei Ihrer Arbeit vorgegangen? Es sind verschiedene Gruppen gebildet worden, welche einzelne Aspekte des Attentats untersucht haben. Eine Gruppe kümmerte sich um Oswald, eine weitere um Ruby, eine dritte um mögliche Verstrickungen ausländischer Regierungen. Wir griffen auf behördliche wie private Quellen zurück und nutzten auch eigene Ressourcen.

Welche Aufgaben erhielten Sie? Als jüngster Mitarbeiter der Kommission habe ich beispielsweise Oswalds Hintergrund als Scharfschütze in der US-Armee recherchiert. Es gab ja Spekulationen, dass Oswald zu schlecht war, um mit einem Gewehr des Typs Mannlicher-Carcano drei gezielte Schüsse in geschätzten 4,8 bis 7 und mehr Sekunden auf ein bewegtes Ziel abzugeben.

Die Kommission ist zum Schluss gekommen, dass er dies konnte. Oswald hat in seiner Jugend gejagt. Er hat beim United States Marine Corps eine Ausbildung an der Waffe genossen und sich sogar als Scharfschütze qualifiziert. Als er in Russland war, trat er einem Jagdclub bei. Bei seiner Rückkehr nach Dallas hat er das Schiessen geübt. Ein Experte sagte mir damals, dass es mit Oswalds Fähigkeiten und besagten Gewehr eine einfache Sache gewesen ist.

Sie hatten also keine Hinweise auf Komplizen? Ich habe auch Oswalds Finanzen unter die Lupe genommen, um herauszufinden, ob es finanzielle Unterstützung durch einen Verschwörer gab. Ich habe keine verdächtigen Kontobewegungen gefunden. Der Abschnitt im Warren-Bericht über die Schutzmassnahmen für den Präsidenten stammt ebenfalls von mir.

Wie haben Sie von Kennedys Ermordung erfahren? Ich war auf der Amarillo Air Force Base in Texas stationiert. Die Nachricht hat mich natürlich umgehauen. Mein Vater kannte die Familie Kennedy persönlich. Er hatte Kennedys Präsidentschaftswahlkampf in Kalifornien geleitet.

Sie haben Kennedy sogar getroffen. Ich studierte 1960 an der Stanford-Universität. Kennedy hielt dort noch als Senator eine Rede. Ich ging zu ihm und stellte mich vor. Da er unbedingt die Unterstützung meines Vaters für seinen Wahlkampf brauchte, schenkte er mir viel Aufmerksamkeit. Zwei Wochen später traf er meine Mutter und meinen Vater. Er erzählte ihnen ausführlich, wie er mich kennen gelernt hatte. Das hat meine Eltern tief beeindruckt und wohl dazu geführt, dass mein Vater ihn in Kalifornien unterstützt hat. Ich halte Kennedy nach wie vor für einen der intelligentesten und umsichtigsten US-Präsidenten.

50 Jahre Attentat auf Kennedy: Lesen Sie am Sonntag, warum John F. Kennedy so charismatisch und furchtlos war. Den Jahrestag begleitet diese Zeitung kommende Woche mit weiteren Artikeln.

Berner Zeitung

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