Der Kampf um das Erbe von Andrew Breitbart

Wer wird das rechtspopulistische Leitmedium der USA? Nach dem Rauswurf von Stephen Bannon bei «Breitbart News» bringen sich andere Webseiten in Stellung.

Ein Bild aus harmonischeren Zeiten: Bannon (l.) mit Geschäftsführer Solov vor einem Porträt des 2012 gestorbenen Gründers Breitbart. (13. Juli 2012) Foto: Brian van der Brug/Los Angeles Times via Getty Images

Ein Bild aus harmonischeren Zeiten: Bannon (l.) mit Geschäftsführer Solov vor einem Porträt des 2012 gestorbenen Gründers Breitbart. (13. Juli 2012) Foto: Brian van der Brug/Los Angeles Times via Getty Images

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Wer schon tief gefallen ist, der bekommt den Spott kostenlos dazu. «Wir glauben immer an zweite Chancen, auch für Stephen Bannon. Hier beim Daily Caller beginnt übrigens in zwei Wochen das Programm für die Frühjahrspraktikanten», sagt Geoffrey Ingersoll über den Rauswurf des ehemaligen Wahlkampf-Chefs von Donald Trump als Chef von Breitbart News.

Die Website Daily Caller, die Ingersoll als Chefredakteur leitet, gehört wie etwa das One News America Network zu einer Handvoll Websites, die von der jetzigen Situation profitieren und die eigene Marke als konservatives Leitmedium etablieren wollen. Als neues Breitbart.

Viele Schüler des Gründers haben ehrgeizige Pläne

Ein Absturz in die Bedeutungslosigkeit ist aber ebenso wenig zu erwarten wie eine Änderung der Prioritäten von Breitbart News, glaubt die Professorin Nicole Hemmer. «Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Website ihre Unterstützung für Trump aufgeben wird», sagt die Autorin des Buchs «Messengers of the Right» zu der Online-Plattform Politico.

Auch Chris Ruddy von der konservativen Newsmax-Mediengruppe rechnet damit, dass Breitbart mächtig bleiben werde. Er erinnert daran, dass die Website auch erfolgreich war, als Bannon Trumps Chefstratege im Weissen Haus war. Ähnlich hätten auch Geschäftsführer Larry Solov und Chefredakteur Andrew Marlow in einer Telefonkonferenz mit allen Breitbart-Angestellten argumentiert, in der es um die Zukunft der Website ohne ihren prominentesten Mitarbeiter ging, meldet CNN unter Berufung auf anonyme Quellen. Der Kurs werde fortgesetzt.

Momentan heisst das: Im Vordergrund stehen die Themen Islam-Kritik und Einwanderung, wobei Flüchtlinge als potenzielle Terroristen gelten. Gnadenlos eingeprügelt wird auf das konservative Establishment und jene Bürokraten, die nicht an Trumps «Amerika zuerst» glauben.


Steve Bannon verlässt «Breitbart»

Der ehemalige Chefstratege des US-Präsidenten tritt als Vorsitzender von «Breitbart» zurück. Grund dürfte seine Rolle im Enthüllungsbuch «Fire and Fury» sein.


Im Vergleich zum Wahljahr 2016, als Breitbart News über Facebook die konservative Medienblase dominierte, war der Klick-Erfolg schon 2017 etwas zurückgegangen; zudem hatten Werbekunden Anzeigen storniert. Ob Bannons Rückzug der Website schadet, ist noch schwer zu sagen: Unter der Meldung über seinen Abschied stehen mehr als 4200 Kommentare, in denen dem 64-Jährigen gedankt wird, er aber auch für seine harsche Kritik an der Familie Trump («Donald junior hat wie ein Verräter gehandelt») angefeindet wird, mit der er das Skandalbuch Fire and Fury befeuerte. Es wütete nicht nur der US-Präsident selbst; auch die Familie Mercer, Bannons wichtigste Geldgeber, verstiess ihn.

Sollten viele Leser Breitbart nun aus Protest ignorieren, so würden sie wohl zu Angeboten wie Gateway Pundit abwandern, die noch weiter rechts stehen und noch mehr Verschwörungstheorien verbreiten, glaubt Ben Shapiro. Unter Bannon sei Kritik an Trump tabu gewesen, klagt Shapiro, der im Frühjahr 2016 aus diesem Grund kündigte und mittlerweile mit Daily Wire eine erfolgreiche Website betreibt.

«Andrew war es egal, ob ihn die Mächtigen in Washington kannten»Ben Shapiro

Der 33-Jährige ist nicht nur einflussreich, weil sein Podcast The Ben Shapiro Show monatlich mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen wird. Er versucht am erfolgreichsten, sich als Nachfolger des 2012 verstorbenen Andrew Breitbart zu inszenieren, der im konservativen Amerika verehrt wird. Breitbart hatte zunächst bei der Huffington Post gearbeitet, bevor er den Kämpfer für die einfachen Leute gab. Keine Zuspitzung zu radikal, wenn es darum ging, die «da oben» zu attackieren.

«Andrew war es egal, ob ihn die Mächtigen in Washington kannten», sagte Shapiro kürzlich der Washington Post. Breitbart habe sich als «cultural warrior» verstanden, als Kulturkämpfer, dem die Verlogenheit von Hollywood-Stars ebenso ein Dorn im Auge war wie die Zögerlichkeit der Republikaner. Auch die populäre konservative Talkradio-Moderatorin Dana Loesch schwärmt über ihren Ex-Chef: «Andrew wollte Vorurteile an Hochschulen, in den Medien sowie in der Entertainment-Industrie blossstellen und attackieren.» So erklärt sich, dass gerade alle konservativen Medien Oprah Winfrey für deren angebliche Präsidentschaftskandidatur verspotten. TV-Star, Milliardenbesitz, bisher kein politisches Amt – warum sollte Winfrey mit dieser Biografie besser fürs Weisse Haus geeignet sein als Trump?

Freier Markt und das Recht auf Waffenbesitz

Sich zu sehr in die Tagespolitik eingemischt zu haben, das ist die häufigste Kritik der anderen Konservativen an Stephen Bannon. Anstatt Gegenkandidaten für republikanische Senatoren zu suchen, sei es wichtiger, auf Instagram oder Snapchat präsent zu sein und an Universitäten aufzutreten, so Shapiro. Man müsse den Studenten Argumente für den freien Markt und das Recht auf Waffenbesitz liefern, um den liberalen Mainstream zu kontern.

Der Kampf um das Erbe von Andrew Breitbart ist nach Bannons Rauswurf also wieder voll entbrannt. Neben Ben Shapiro besitzen noch andere besondere Glaubwürdigkeit, weil sie eng mit dem konservativen Enfant terrible zusammengearbeitet haben. Einer davon ist der Mann, den Breitbart als ersten Mitarbeiter einstellte. Sein Name ist Andrew Marlow – und er ist weiterhin Chefredakteur bei Breitbart News.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2018, 21:47 Uhr

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