Das Smartphone muss in den Beutel

Eine New Yorker Schule hat einen Weg gefunden, der Handy-Epidemie Herr zu werden. Die Reportage.

Kein Handy im Unterricht, das akzeptieren die Schüler. Aber schon ein Heimweg ohne Zugriff auf die sozialen Medien empfänden sie als Zumutung. Foto: iStock

Kein Handy im Unterricht, das akzeptieren die Schüler. Aber schon ein Heimweg ohne Zugriff auf die sozialen Medien empfänden sie als Zumutung. Foto: iStock

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Freitagmorgen um 7.15 Uhr an der Brooklyn School of Math and Research, kurz «Bsmart». Die Sicherheitskräfte bereiten Körperscanner vor, wie man sie vom Flughafen kennt. Die ersten Schüler erscheinen, leger gekleidet, weil sie freitags keine Schuluniform tragen müssen. Tief sitzende Hosen über offenen Turnschuhen, lange T-Shirts. Sie ziehen ihr Smartphone raus, stellen es leise oder machen es aus, bevor sie es Cris Negroni geben.

Cris Negroni ist der «Community Manager», Abwart und Sozialarbeiter in einem. Er steckt die Handys in einen Beutel, verschliesst ihn und notiert sich die Beutelnummer. Dann gibt Negroni den Beutel an den Schüler zurück und wünscht einen schönen Tag. Das geht so bis kurz nach acht, bis der Unterricht beginnt. Und es geht so seit Februar, als sich die Bsmart zu diesem Schritt entschlossen hat.

Vom ersten bis zum letzten Gong können die etwa 14-jährigen Schüler ihre Smartphones nicht benutzen, nichts schreiben, checken, filmen, fotografieren, posten. «Das Problem wurde immer grösser», sagt Perry Rainey, der Schuldirektor. «Die Lehrer konnten den Schülern die Geräte nicht wegnehmen, weil die Eltern sich beschwert hätten. Aber im Unterricht haben sie gestört, die Schüler waren permanent abgelenkt.»

Europa hinkt nach

In den USA ist man schon ein wenig weiter als in Europa. In Frankreich hat Präsident Emmanuel Macron Ende Juli eines seiner Wahlversprechen eingelöst und das Handyverbot in Schulen durchgesetzt. Es betrifft sowohl Vor- und Grund- als auch weiterführende Schulen, also Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 15 Jahren. Wie das Verbot in Frankreich umgesetzt werden soll, ist noch nicht geklärt. Logistisch ist es nicht ganz einfach, denn was tun, wenn Schüler trotzdem mit dem Smartphone auftauchen? Sie wieder nach Hause schicken? Es abnehmen? Für wie lange? Wer sammelt sie ein, wer lagert sie, wer haftet, wenn etwas kaputtgeht?

Schüler der Brooklyn School of Math and Research. Bild: bsmartnow.com.

An der Bsmart in New York behalten die Schüler ihre Smartphones, aber sie sind eben verpackt. Die Beutel sind mit einem Metallstift gesichert, den Negroni in einen Magneten klickt, ein ähnliches Prinzip, mit dem Kleidung im Modegeschäft geschützt wird. «Wir fangen gerade an, jedem Schüler eine persönliche Tasche zu geben, auf die er aufpassen muss. Auch das ist dann seine Verantwortung», sagt Direktor Rainey. Manche Schüler halten es nicht aus, einige Stunden nicht auf ihr Smartphone zu blicken. Doch wer dreimal eine Tasche kaputtgemacht hat, muss sein Gerät abgeben, und die Eltern werden benachrichtigt. Im schlimmsten Fall darf der Schüler nicht mehr mit dem Handy zur Schule kommen.

Die Schüler sind verantwortlich

Routiniert legen die Schüler ihre Taschen und Rucksäcke auf das Band des Scanners, gehen durch die Personenkontrolle. Negroni und Rainey kennen jeden der 269 Schüler mit Namen, die Stimmung wirkt nicht misstrauisch, sondern ausgesprochen freundlich. Sicherheit muss sein in einem Land, in dem Amokläufe an Schulen zu einer permanenten Bedrohung geworden sind. In dem grossen Gebäude im Norden von Brooklyn sind neben der Bsmart drei weitere Highschools untergebracht.

Bilder: Die Handysüchtigen sind überall

Die anderen Schulen haben andere Systeme, um der Epidemie der Smartphone-Nutzung Herr zu werden. Am selben Eingang, an dem Negroni die Handys in Beutel packt, geben die Schüler der Nachbarschule ihre Geräte ab, sie werden in grossen Plastikkisten gelagert. Dieses Vorgehen ist aufwendiger, die Schule muss Personal anstellen, um die Smartphone-Sammlung zu bewachen und alphabetisch zu ordnen, damit man sie findet, wenn ein Schüler einen Notfall hat und früher nach Hause muss. Ein immenser Aufwand dafür, dass man ungestört unterrichten kann.

Direktor Rainey hat in seinem Büro Platz genommen, an einem Besprechungstisch mit einem Schild, auf dem steht: «I am responsible» – ich bin verantwortlich. Um Verantwortung geht es ihm vor allem. Wenn man die Smartphones einfach einsammelt, geht die Verantwortung dafür an die Schule über. Mit den Beuteln aber bleibt das Handy und damit die Verantwortung bei den Schülern. Sie können ihr Smartphone zu Hause lassen, das ist am einfachsten, sie können es mitbringen und in den Beutel stecken. Sie können den Beutel wieder öffnen lassen, wenn sie die Schule verlassen. Sie dürfen sich nur nicht mehr damit im Unterricht erwischen lassen.

Ein US-amerikanischer Jugendlicher sieht im Schnitt mehr als 90-mal am Tag auf sein Smartphone.

Ein US-amerikanischer Jugendlicher sieht im Schnitt mehr als 90-mal am Tag auf sein Smartphone. Geht man von acht Stunden Schlaf aus, ist das etwa alle zehn Minuten. Was das mit den Jugendlichen macht, ob sie Aufmerksamkeitsstörungen entwickeln, Kontaktprobleme im echten Leben, Suchtverhalten – all das wird seit Jahren diskutiert. Die Ahnungen reichen von einem entspannten Ansatz, dass die Kinder den Umgang mit modernen Medien lernen müssten, bis zur düsteren Überzeugung, dass die permanente Smartphone-Nutzung in den Gehirnen dasselbe anrichte wie die Verbrennung fossiler Brennstoffe beim Klima. Aus Bequemlichkeit schlittern die Menschen demnach in eine Katastrophe, die nicht mehr einzudämmen ist, wenn sie sich erst einmal voll entfaltet hat. Das wird von vielen Pädagogen vermutet und von Eltern befürchtet, belegt ist es nicht.

«Addictive Design» ist der Schlüsselbegriff für die Industrie: Die sogenannten sozialen Medien sind so konstruiert, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer binden. Es ist nicht ohne Ironie, dass eine Schule, die zu Verantwortung erziehen will, sich Bsmart nennt – sei schlau. Und eine Industrie, die ihre Nutzer ablenken will, ihr Produkt Smartphone nennt. Wobei nicht so sehr das Gerät selbst problematisch ist, sondern die Anwendungen: Whatsapp, Facebook, Instagram, Twitter.

Den meisten ist ihr Gerät so lieb, dass sie sofort nach der Schule alle Mitteilungen checken.

Der Botenstoff Dopamin wird ausgeschüttet, wenn man ein positives Echo auf eine Nachricht bekommt, das ist belegt. Nach dieser Anerkennung werden nicht nur Jugendliche schnell süchtig, sondern auch Eltern. Es gibt erste Erkenntnisse, wie sehr kleine Kinder sich fürchten, wenn sie Mutter oder Vater dabei zusehen, wie diese ins Smartphone tippen. Die Kinder gruseln sich vor dem unbewegten Gesicht, so wie sie sich vor einem lächelnden Roboter gruseln würden. Natürlich kann man den Kindern das Smartphone nicht einfach verbieten, schon gar nicht, wenn die Eltern selber ständig darauf herumtippen. Der Nachwuchs muss den Umgang damit früher oder später lernen. Wie viel Zeit Kinder allerdings damit zubringen dürfen, da scheiden sich die Geister.

Es gibt Schüler der Bsmart, die ihr Smartphone nicht mehr mitbringen, weil ihnen das morgendliche Sicherheitsritual zu mühsam ist. Aber den meisten ist ihr Gerät so lieb und teuer, dass sie sofort nach der Schule alle Mitteilungen checken und schon den Heimweg ohne soziale Medien als Zumutung empfinden würden.

Am Auftritt eines Komikers

Die Lehrer seien von den Magnetbeuteln sofort begeistert gewesen, sagt Direktor Rainey. Die Atmosphäre in den Klassenzimmern schlug schnell um, keine Ablenkungen mehr von der Aussenwelt, keine parallele Dauerkommunikation. Manche Eltern waren allerdings skeptisch, die Massnahme wurde kurz nach einer Massenschiesserei in einer Highschool in Parkland, Florida, eingeführt.

«Was, wenn ich meine Eltern anrufen muss?»Ein Schüler

Eine Mutter beschwerte sich, sie wolle ihre Kinder erreichen können, sollte sich so etwas in Brooklyn ereignen. Direktor Rainey beruhigte die Frau auf seine Weise: «Wenn es je eine Schiesserei an dieser Schule geben sollte, ist das Letzte, was Sie wollen, dass das Smartphone Ihres Kindes in diesem Moment klingelt.» Auch die Schüler haben sich anfangs bitter beschwert, «das ist nicht fair», klagten sie. Und: «Was, wenn ich meine Eltern anrufen muss?» Die Schule hat die Kontaktnummern der Eltern; sollte etwas Dringendes sein, kann der Schüler seine Eltern anrufen.

Stacy Morrison, die Assistentin von Direktor Rainey, hatte die Magnetbeutel bei einem Auftritt des Komikers David Chappelle entdeckt. Sie mochte die Atmosphäre bei der Show, «die Konzentration, dass niemand abgelenkt war, dass die Leute miteinander gelacht und gesprochen haben». Es dauerte eine Weile, bis Morrison die Firma ausfindig machen konnte, welche die Beutel herstellt. Sie beliefert mittlerweile aber diverse Schulen, insgesamt 600 in den gesamten Vereinigten Staaten.

«Mein ganzes Leben ist auf dem Smartphone»

Sajed Malik, ein aufgeweckter Zehntklässler, kommt ins Zimmer des Direktors, nimmt am Besprechungstisch Platz und erklärt, wieso es für ihn unmöglich wäre, das Handy zu Hause zu lassen. «Ich muss meine Mama anrufen, damit sie weiss, wo ich nach der Schule bin. Ausserdem ist mein ganzes Leben auf dem Smartphone, alle Apps, alles, was ich brauche, es ist mein bester Freund.» Nervt es ihn dann nicht, dass er es tagsüber nicht bei sich haben kann? «Nein, das ist eine sehr angenehme Zeit, ich bin einfach nicht abgelenkt. Ich merke, dass ich mich besser konzentrieren kann, dass ich mehr lerne, ohne mich mehr anstrengen zu müssen.»

Wenn die Schüler sich daran gewöhnt haben, ein paar Stunden ohne Smartphone zu sein, wird ihnen klar, zu welchen Konzentrationsleistungen sie fähig sind. Sajed begreift es mittlerweile als Geschenk, ein paar Stunden Pause von der Ablenkung zu haben. Aber er hält die Pause keinen Augenblick länger aus als nötig. Cris Negroni, der seit Februar jeden Morgen die Smartphones in die Taschen sperrt und sie am Nachmittag wieder befreit, sagt: «Man sieht es den Schülern im Gesicht an, wie unglaublich erleichtert sie sind, wenn sie das Gerät wieder in der Hand halten, wenn sie endlich nachsehen können, was sich in ihrer Welt zugetragen hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2018, 17:32 Uhr

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