Das Schlimmste sind Trumps Lügen

Der US-Präsident sei gefährlich und humorlos, so Ex-FBI-Chef Comey. In seinem Buch «Grösser als das Amt» erinnert er auch an dunkle Seiten der Bush-Präsidentschaft und lobt Obama.

Vergleicht den US-Präsidenten in seinem Buch mit einem Mafia-Boss: Der frühere FBI-Direktor James Comey. (Video: Tamedia/Mit Material von Reuters)

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Irgendwann in den letzten Wochen des Jahres 2016 kommt eines seiner fünf Kinder zu FBI-Chef James Comey und zeigt ihm «einen Tweet, der die allgemeine Gefühlslage jener Zeit widerzuspiegeln schien: 'Dieser Comey ist ein Mitläufer. Ich kapiere bloss nicht, bei welcher Partei.'» Diese Umschreibung, die in Kapitel 11 unter der Überschrift «Schweigen oder Sprechen» seines Buchs zu finden ist, fasst die öffentliche Wahrnehmung des 58-Jährigen gut zusammen.

Für viele Demokraten hat Comey, der Mitglied der Republikaner ist, durch sein Agieren in der Affäre um die Arbeits-E-Mails von Hillary Clinton dafür gesorgt, dass Donald Trump US-Präsident geworden ist und die Welt mit Tweets in Atem hält und mitunter in Kriegsangst versetzt. In den Augen der Konservativen ist der 58-Jährige besessen davon, Trump aus dem Weissen Haus zu verjagen und bereit, Informationen an die Medien zu leaken (Trumps Tweet über Comey als «verlogenen Schleimball» trifft den Eindruck der Basis recht gut).

Mit dem Buch «Grösser als das Amt», das am Dienstag erscheint und bereits die Bestseller-Listen grosser Online-Versandhändler anführt, legt der vor einem knappen Jahr gefeuerte Comey nun Rechenschaft ab und will sein Verhältnis zu Clinton und Trump erklären. Dass er in der Vorbemerkung ein Buch über «Führungsethik» ankündigt, ist clever: So wirkt jedes Lob für die vielen Chefs seiner langen Karriere als Staatsanwalt oder Vize-Justizminister wie eine weitere «Anklage» (so der deutsche Untertitel) gegen Trump. Diesen nennt er einen «Mann ohne Moral», der «ohne jede Bindung an die Wahrheit und die Werte unserer Demokratie» handle.

Detailliert beschreibt er in den letzten drei Kapiteln (in der deutschen Fassung ab Seite 293) seine Begegnungen und Dialoge mit Trump, und Comey verbirgt seine Geringschätzung nicht. Beim ersten Treffen hatte Comey am 6. Januar 2017 die unschöne Aufgabe, den President-Elect im Trump Tower über die im Steele-Dossier versammelten Gerüchte zu informieren, dass Trumps Wahlkampfteam Kontakte zur russischen Regierung gehabt habe.

Die Formulierung «Als er mir die Hand entgegenstreckte, stellte ich fest, dass sie kleiner war als meine, aber nicht ungewöhnlich klein» gehört zu jenen, die womöglich nur ein Ziel haben: Trump soll «explodieren» (so ein anonymer Mitarbeiter des Weissen Hauses zu Politico) und weitere unbedachte Äusserungen machen.

Comey wiederholt bekannte Anschuldigungen – garniert mit Details

Angewidert beschreibt Comey, dass die Nachricht von Russlands Einmischung in die US-Wahl bei Trumps Team aus Jasagern keine Frage wie «Wie können wir das Land dagegen schützen?» auslöste, sondern sofort über die beste PR-Strategie debattiert wurde – während die Chefs der US-Nachrichtendienste noch im Raum waren.

Der Ex-FBI-Chef schildert jenes Abendessen, bei dem er sich von Trump nach Mafia-Art bedrängt fühlte («Ich brauche Loyalität. Ich erwarte Loyalität») – und bei dem der Präsident darüber sprach, dass ihn «auch nur die einprozentige Wahrscheinlichkeit» bekümmere, dass seine Frau Melania den «Golden Shower»-Gerüchten glauben könnte.

Was Comey als nächstes schreibt, zeigt dessen abgrundtiefe Verachtung für seinen früheren Chef: «Das lenkte mich ein wenig ab, weil ich mich sofort fragte, warum seine Frau auch nur im Traum glauben sollte, er habe sich in Moskau mit aufeinander urinierenden Prostituierten abgegeben.

Trotz all meiner Schwächen beträgt die Chance null Prozent – wirklich absolut null -, dass Patrice (Comeys Ehefrau, Anm. d. Red) Anschuldigungen glauben würde, wonach ich in Moskau mit Nutten zusammen gewesen wäre, die sich gegenseitig anpinkelten. Allein die Idee fände sie lachhaft. Was für eine Ehe mit was für einem Mann mag das sein, wo die Partnerin zu dem Schluss kommt, die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Gatte so etwas nicht getan hat, beträgt 99 Prozent?»

Mangelnde Klarheit kann Comey niemand vorwerfen, der das erste «Tell it All»-Buch eines Insiders der Trump-Ära verfasst hat und auch in TV-Interviews Details nennt, die für die sonst strikt überparteilichen FBI-Direktoren tabu sind. Comey ist eindeutig parteiisch und freut sich diebisch, wenn er Trumps fehlende Bildung belegen kann: «'Die schreiben diese Dinger einzeln, mit der Hand', staunte Trump und meinte wohl das Personal des Weissen Hauses. 'Ein Kalligraf', erwiderte ich nickend. Er sah mich fragend an. 'Die schreiben die mit der Hand', wiederholte er.»

Substanziell neue Erkenntnisse über «Trump und seine einzigartigen eigenen Chaos-Marken» liefert Comey nicht – seine Anschuldigungen hatte er schon im Juni 2017 vor dem Senat gemacht: Der US-Präsident drängte ihn, die Ermittlungen gegen Trumps entlassenen Sicherheitsberater Mike Flynn einzustellen. Ob dies wirklich der «Versuch der Justizbehinderung» war, muss nun Sonderermittler Robert Mueller entscheiden – Comey hält dies für «denkbar».

Comey: Ich wollte nicht, dass Clinton «unrechtmässige Präsidentin» wird

Ein Fünftel seines Buches widmet er den Ermittlungen um die E-Mails von Ex-Aussenministerin Hillary Clinton. Ausführlich referiert er, wie die Bundespolizei in solchen Fällen ermittle und versucht, diverse Verschwörungstheorien auszuräumen. Der FBI-Chef sei nie bei Vernehmungen dabei, also habe er Clinton im Juni 2016 keine Fragen gestellt. Ebenso üblich sei es, Entwürfe des «Sachstandberichts» vorab anzufertigen – es sei stets ergebnisoffen ermittelt worden.

Comey nennt das Vergehen von Ex-CIA-Chef David Petraeus (er hatte 2011 seiner Geliebten Geheimdokumente gegeben und bekam wegen Geheimnisverrats eine Bewährungsstrafe) viel fahrlässiger als Clintons Umgang mit den E-Mails. Hier gab es keinen kriminellen Vorsatz, weshalb er die Ermittlungen im Juli 2016 einstellte.

Dass er damals eine Pressekonferenz gab, lag nur daran, dass sich Justizministerin Loretta Lynch nicht äussern wollte, weil sie kurz davor ein Vier-Augen-Gespräch mit Bill Clinton geführt hatte. Dass Hillary Clinton «äusserst leichtfertig» gehandelt habe, würde Comey rückblickend nicht mehr sagen – aber nur wegen möglicher juristischer Fehlinterpretationen.

Ausführlich berichtet er im Kapitel «Prügelknabe» darüber, warum zehn Tage vor der Wahl neue Ermittlungen in der Clinton-Affäre aufgenommen wurden. Seine Mitarbeiter hätten geglaubt, dass sich auf dem Laptop von Anthony Weiner einige der E-Mails befinden könnten, die die Demokratin angeblich gelöscht hatte (Weiners Ex-Frau ist die Clinton-Vertraute Huma Abedin). Ihm sei versichert worden, dass die Untersuchung Wochen dauern werde – also bis nach der Wahl.

Er habe den Vorgang öffentlich gemacht, weil er fürchtete, dass die haushohe Favoritin Clinton «durch Verschweigen der neu in Gang gesetzten Ermittlungen zu einer unrechtmässig gewählten Präsidentin werden» könnte. Es erscheint zweifelhaft, dass dies die vielen liberalen Comey-Kritiker überzeugen wird; unstrittig ist aber, dass sich der damalige FBI-Direktor in einer Situation befand, in der er nur verlieren und eine Politisierung der Bundespolizei kaum verhindern konnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2018, 17:02 Uhr

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