Brett Kavanaugh, Symbol eines Glaubenskrieges

Der Streit um Trumps Richterkandidat hetzt die Gesellschaft auf. Es geht um alte Machtgefüge, Scheinmoral und heimlichen Groll.

Hunderte Menschen haben im Senatsgebäude in Washington gegen Trumps Richterkandidaten Brett Kavanaugh protestiert. (Storyful/Tamedia)

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Ironisch ist es schon, dass die Causa Kavanaugh auf den Tag ein Jahr nach der Veröffentlichung der Weinstein-Vorwürfe im US-Senat zur Abstimmung stand. Harvey Weinstein war jener Filmproduzent, der durch seine scham- und grenzenlose Übergriffigkeit die «Me Too»-Bewegung auslöste. Die wurde zum Höllenfeuer für all jene, die in Frauen vornehmlich ein Sexobjekt sehen und ihre Machtfantasien entsprechend austoben.

Brett Kavanaugh ist jener US-Richter, der nach dem Willen des Präsidenten und einer schmalen republikanischen Mehrheit einen Platz am Obersten Gericht einnehmen soll, und der nach der Darstellung mehrerer Frauen in jungen Jahren nicht weniger schamlos und gewaltsam seine Libido austobte.

Mit Kavanaugh explodierte der Konflikt

Die Fälle Weinstein und Kavanaugh unterscheiden sich deutlich. Allerdings entfalten sie sich unter demselben gesellschaftspolitischen Grundrauschen oder besser: -tosen. Zwölf Monate liegen zwischen Weinstein und Kavanaugh, während derer die Auseinandersetzung über den Umgang der Geschlechter politisiert und zu einem Lager- und Glaubenskrieg umgewandelt wurde. Mit Kavanaugh explodierte dieser Konflikt nun in dramatischer Weise.

Die widersprüchlichen Aussagen und die politische Wucht der Richter-Bestallung am Vorabend der so entscheidenden Zwischenwahlen haben den Fall Kavanaugh zur neuen Demarkationslinie eines unheilbar polarisierten und ideologisierten Amerika gemacht.

Bei Kavanaugh geht es nicht mehr um Recht oder Unrecht, um mutmassliche Exzesse eines Heranwachsenden oder politisch motivierte Unterstellungen. Es geht nicht um die Impulskontrolle eines Richterkandidaten oder die Ideologisierung des Obersten Gerichts. Kavanaugh ist Verfügungsmasse in einem viel grösseren Spiel geworden: der Mobilisierung tiefer Ressentiments, der Aufheizung der Gesellschaft.

Donald Trump legte selbst die Lunte

Der Präsident selbst hat mit seinem unnachahmlichen Instinkt die Lunte gelegt, als er das mutmassliche Opfer Kavanaughs verhöhnte und veralberte und in gespielter Sorge sagte, es seien «gruselige Zeiten für junge Männer in Amerika, weil sie für etwas schuldig gesprochen werden können, wofür sie keine Schuld tragen».

Und der republikanische Senator Lindsey Graham befeuerte den Zorn der Geschlechtsgenossen mit der miesen Unterstellung: «Ich bin ein alleinstehender weisser Mann aus South Carolina, und mir wird gesagt, ich solle den Mund halten. Aber ich werde nicht den Mund halten, wenn es recht ist.»

Die «Man-wird-doch-noch-sagen-dürfen»-Fraktion

Nein, niemand verbietet Graham den Mund, aber der Senator offenbart, welch mobilisierende Kraft er in der Auseinandersetzung um den korrekten Umgang der Geschlechter wittert. Die «Man-wird-doch-noch-sagen-dürfen»-Fraktion bedient die Ressentiments einer Gesellschaft, die in Trump ihren Heerführer gegen all die liberalen Umtriebe und den gesellschaftlichen Wandel gerade im Verhältnis zwischen Frauen und Männern gefunden hat.

Es ist ihr Präsident, der keinen Preis dafür zahlen musste, als er sich brüstete, Frauen «an die Pussy» langen zu können. Es ist ihr Amerika, das genug hat von «Me Too» und all den Tabus, die plötzlich auftauchen und das alte Machtgefüge und die Scheinmoral stören. Für diese Klientel ist auch Brett Kavanaugh nur ein Opfer. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.10.2018, 13:38 Uhr

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