«Der Charakter unseres Landes steht auf dem Stimmzettel»

Dann beginnt es also: Mit letzten Efforts vor den Midterm-Wahlen versuchen Trump und Obama die Wähler einzuschwören.

Barack Obama wird von deutschen Männern als Vorbild gesehen. Bild: Keystone

Barack Obama wird von deutschen Männern als Vorbild gesehen. Bild: Keystone

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Kurz vor den Kongresswahlen in den USA haben sich Präsident Donald Trump und sein Vorgänger Barack Obama ein Fernduell um die Gunst der Wähler für ihre Parteien geliefert.

Zwar stehen weder Trump noch Obama am Dienstag selbst zur Wahl. Sie hoffen aber, mit ihren Wahlkampfauftritten dank ihrer Bekanntheit Anhänger und Unentschiedene auf der Zielgeraden zu mobilisieren, um den Kandidaten ihrer Parteien zum Erfolg zu verhelfen.

Trump warnte vor verheerenden Folgen für die Wirtschaft und einem Einwanderer-Zustrom, sollten die Demokraten seinen Republikanern die Mehrheiten in den beiden Kongresskammern abjagen. Obama machte die Republikaner und Trump – ohne ihn beim Namen zu nennen – für eine von Lügen getriebene Politik verantwortlich, die das Land spalte.

«Guckt, was da anmarschiert»

«Diese Wahl wird entscheiden, ob wir auf diesem aussergewöhnlichen Wohlstand, den wir geschaffen haben, aufbauen», rief Trump Anhängern in Georgia zu. Er warnte, die Demokraten würden der US-Wirtschaft «eine riesige Abrissbirne bringen».

Ausserdem müssten die Amerikaner sich vor einem linken «Mob» in acht nehmen und vor dem Migranten-Trek, der sich von Zentralamerika aus der US-mexikanischen Grenze nähere. «Guckt, was da anmarschiert – das ist eine Invasion.»

Obama schwor seine Zuhörer dagegen auf die Demokraten ein: «Die einzigen, die das Benehmen dieser Republikaner derzeit in Schach halten, seid ihr und eure Stimme», rief er auf einer Veranstaltung in Indiana, wo sein Parteifreund Joe Donnelly um seine Wiederwahl als Senator zittern muss. «Der Charakter unseres Landes steht auf dem Stimmzettel.»

Hohe Wahlbeteiligung

Umfragen zufolge haben die Demokraten gute Chancen, die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu erobern, nicht aber im Senat. Allein der Verlust einer Kongresskammer reicht jedoch aus, dass Trump künftig deutlich grössere Probleme haben würde, seine Politik durchzusetzen.

Die Kongresswahlen gelten als Votum über Trumps bisherige Amtszeit. Es zeichnet sich eine hohe Beteiligung ab. Bis Sonntagmorgen haben nach Berechnungen der Universität von Florida bereits 34,4 Millionen Wähler die Möglichkeit genutzt, ihre Stimme früher abzugeben. Das sind über zwei Drittel mehr als 2014, den letzten «midterms», also den Kongresswahlen, die zwischen der alle vier Jahre stattfindenden Präsidentschaftswahl abgehalten werden.




Wer vertreibt Donald Trump aus dem Weissen Haus?

Bei den US-Kongresswahlen am Dienstag geht es auch schon um die Präsidentschaftswahlen zwei Jahre danach. Dies gilt besonders für die Opposition. Aus den Resultaten werden die Demokraten herauszulesen versuchen, mit welcher programmatischen Ausrichtung und welchem möglichen Kandidaten sie die besten Chancen haben, Donald Trump aus dem Weissen Haus zu vertreiben.

Ein Favorit für die demokratische Präsidentschaftskandidatur zeichnet sich bislang nicht ab. Auch hat noch niemand seine Bewerbung verkündet. Nach den Kongresswahlen dürfte es aber nicht mehr allzu lange dauern, bis die ersten Anwärter ihre Bewerbung erklären. Die Vorwahlen zur Kandidatenkür beginnen im Januar 2020. Eine Liste möglicher Trump-Herausforderer:

Elizabeth Warren: Einiges spricht dafür, dass es die Demokraten nach Hillary Clinton nochmals mit einer Frau versuchen könnten. Laut Umfragen ist in der weiblichen Wählerschaft die Opposition gegen Trump, der seinen Ruf des Frauenverächters immer wieder selber nährt, stark angeschwollen. Insofern erscheint Warren als plausible Kandidatin.

Die Kongressvertreterin des Ostküstenstaats Massachusetts hat sich als eine der aggressivsten Trump-Widersacherinnen hervorgetan. Ihre Kandidatur würde auch dem an der Parteibasis weit verbreiteten Bedürfnis nach einem stärker linksgerichteten Kurs entsprechen. Die frühere Harvard-Wirtschaftsprofessorin ficht etwa gegen die Macht der Wall Street.

Trump hat sich längst auf Warren eingeschossen. Weil die 69-Jährige anführt, eine Indianerin unter ihren Vorfahren zu haben, verhöhnt er sie als «Pocahontas»; dies war eine legendäre Indianerin der Kolonialzeit. Warren reagierte darauf kürzlich mit einem DNA-Test zum Nachweis ihrer indianischen Wurzeln - löste damit allerdings nur weiteren Trump-Spott aus.

Kamala Harris: Die Ex-Generalstaatsanwältin von Kalifornien hat bereits Geschichte geschrieben. Vor zwei Jahren wurde sie als erst zweite afroamerikanische Frau in den US-Senat gewählt. Seither hat auch sie sich als energische Trump-Gegnerin profiliert, etwa durch ihre bohrende Befragung von dessen Richterkandidaten Brett Kavanaugh.

Die 53-jährige Tochter eines Einwanderers aus Jamaika und einer Immigrantin aus Indien hat den Schutz von Migranten zu einem ihrer Schwerpunktthemen gemacht. Insgesamt ist sie jedoch weniger klar am linken Flügel positioniert als Warren.

Joe Biden: Der frühere Vizepräsident wäre der möglicherweise richtige Kandidat, sollten die Demokraten statt eines Linksrucks auf das Werben um Wähler der Mitte und frühere Trump-Wähler setzen. Der Ex-Stellvertreter von Barack Obama ist ein Moderater. Auch spricht er eine Sprache und verkörpert einen Typus mit Anziehungskraft für die weisse Arbeiterschicht.

Biden ist in seiner raubeinigen Art Trump nicht unähnlich – so gehören Prügeldrohungen an den Präsidenten zu seinem Repertoire. Sein grösstes Manko könnte sein fortgeschrittenes Alter von 75 Jahren sein.

Kirsten Gillibrand: Auch die Senatorin aus New York wäre eine Präsidentschaftsanwärterin mit dezidiert linkem Profil. Die Anwältin plädiert beispielsweise für eine Steuer auf Börsengeschäfte und Stärkung der Gewerkschaften.

Auch hat sich die 51-Jährige als Advokatin der «MeToo»-Bewegung gegen sexuelle Drangsalierung hervorgetan. So forderte Gillibrand etwa den Rücktritt Trumps, weil er von mehreren Frauen der Übergriffe bezichtigt wird.

Bernie Sanders: An der Parteibasis denken immer noch viele, dass mit dem von vielen jungen Menschen kultisch verehrten Senator vor zwei Jahren Trump geschlagen worden wäre. Der Verfechter einer dezidiert linken Agenda hatte Clinton im Vorwahlkampf schwer zu schaffen gemacht, bevor sie letztlich die Nominierung errang.

Möglich ist deshalb, dass Sanders es nochmals versucht. Allerdings ist er nicht jünger geworden – der Senator aus dem Neuenglandstaat Vermont zählt inzwischen 77 Jahre.

Weitere mögliche Anwärter: US-Medien spekulieren auch über Präsidentschaftsambitionen etwa der Senatorin Amy Klobuchar, des afroamerikanischen Senators Cory Booker sowie des Milliardärs und New Yorker Ex-Bürgermeisters Michael Bloomberg – der in den vergangenen Jahren parteilose 76-Jährige war erst kürzlich zu den Demokraten zurückgekehrt.

(red/sda/afp)

Erstellt: 06.11.2018, 08:00 Uhr

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