Schleierlose Freiheit im Iran

Immer mehr iranische Frauen widersetzen sich der Kopftuchpflicht. Das Regime will hart durchgreifen.

Protest weitet sich aus: Zahlreiche Iranerinnen legen öffentlich ihr Kopftuch ab. Video: Tamedia/Twitter

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In einem Gottesstaat gibt es viele Regeln. Sie werden meist von Männern durchgesetzt, Widerspruch gegen die Sittenwächter kann Folgen haben. Am Mittwoch wandte sich Teherans Staatsanwalt Abbas Jafar Dolatabadi mit einer deutlichen Warnung an die iranischen Frauen, die in den letzten Tagen auf belebten Strassen das Kopftuch abnehmen, an einem Stock als Fahne aufhängen und damit gegen die Kleiderordnung protestieren. «Das Kopftuch in der Öffentlichkeit abzunehmen, ist gegen das Gesetz und die islamische Pflicht und daher eine eindeutige Straftat», sagte Dolatabadi. Die Justiz werde «ihre Pflicht konsequent erfüllen». Das heisst: Das Regime will hart durchgreifen.

Die Frauen, die sich an der medienwirksamen Aktion beteiligen, sehen die Kopftuchpflicht als Eingriff in ihr Privatleben. Diese Woche liessen sich Dutzende Aktivistinnen schleierlos abbilden und posteten die Fotos in den sozialen Medien. «Ich bin eine stolze Muslimin, ich bete jeden Tag, aber ich habe keine Angst, mein Leben zu opfern, um gegen den Kopftuchzwang zu protestieren», sagte eine Frau in Teheran. Das Tragen eines Hidschabs sei eine persönliche Angelegenheit. «Ich kann meine 11-jährige Tochter nicht zwingen, ihre Haare zu bedecken. Wie kann das Regime so etwas mit mündigen Frauen tun?»

Eine Frau protestiert im Iran gegen die Kopftuchpflicht. Bild: My Stealthy Freedom

Solche Botschaften verbreiten sich viral im Internet und ermuntern weitere Frauen, die kleine Anti-Kopftuch-Revolution zu unterstützen. Wie die regierungsnahe Nachrichtenagentur Tasnim am Donnerstag meldete, hat die iranische Polizei 29 Frauen festgenommen, die ihre Haare in der Öffentlichkeit gezeigt haben. Wo und wann die Frauen festgenommen wurden, blieb offen.

Video: Proteste im Iran

Tausende Iranerinnen und Iraner demonstrieren auf den Strassen. Video: Reuters/Tamedia

Inzwischen wurde bekannt, dass die Behörden die 31-jährige Aktivistin Vida Movahed aus der Haft entlassen haben. Movahed, Mutter eines Kleinkindes, wurde Ende Dezember zum Symbol der Antiregierungsproteste im Iran. Am 27. Dezember hatte sie fast eine Stunde lang ohne Kopftuch auf einem Stromkasten in Teheran gestanden – ein Akt der Rebellion. Nach Angaben von Aktivisten wurde die Frau sofort inhaftiert, weil sie gegen das Gesetz verstossen hatte. Am nächsten Tag begann im Nordosten des Landes eine Protestwelle, die auch die Hauptstadt Teheran erreichte.

Sehnsucht nach einem politischen Wandel

Die etwa zehntägigen Unruhen forderten über 20 Todesopfer. Sie richteten sich zunächst gegen die Armut, die hohen Preise und gegen die Korruption. Später stellten immer mehr Menschen das ganze Mullah-System infrage. Vertreter des Regimes behaupteten Anfang Januar, der Aufruhr sei beendet. Doch die Anti-Kopftuch-Proteste zeigen, dass viele junge Iranerinnen und Iraner sich nach einem politischen Wandel sehnen. Die Jugendarbeitslosigkeit im Land beträgt fast 30 Prozent.

Vida Movahed und ihre Unterstützerinnen werden nun respektvoll «Die Töchter der Revolutions-Allee» genannt. Laut dem iranischen Strafgesetzbuch riskieren Frauen, die sich in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch zeigen, bis zu zwei Monate Gefängnis. Im Iran sind alle Frauen und Mädchen ab neun Jahren verpflichtet, ein Kopftuch und einen langen, weiten Mantel zu tragen, um Haare und Körperkonturen zu verbergen.

In den fast 40 Jahren des Bestehens der Islamischen Republik war das Verhüllungsgebot für viele Iranerinnen eines der grössten Ärgernisse. Sogenannte Patrouillen des Wohlverhaltens durften Frauen auf der Strasse verhaften, wenn sie keine sittsame Kleidung trugen. Vor der iranischen Revolution war es Frauen dagegen verboten, Kopftuch zu tragen. 2013 wurde der Verschleierungszwang ein wenig gelockert, die Kompetenzen der Sittenpolizei beschnitten.

Furcht vor der Allianz der Armen

Doch die Moralwächter kämpfen weiterhin für eine Gesellschaft, die vom religiösen Geist durchdrungen ist. Sie lassen keine geschlechtergerechte Interpretation des Korans zu. Was als sittsame Bekleidung im 7. Jahrhundert angesehen wurde, soll auch jetzt gelten. Dabei ist das Kopftuch nicht eindeutig in der Heiligen Schrift des Islam vorgeschrieben.

Koranvers 31 in Sure 24 hält fest: «Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Augen niederschlagen, und ihre Keuschheit bewahren, den Schmuck, den sie tragen, nicht offen zeigen, soweit er nicht normalerweise sichtbar ist, und ihre Tücher über ihre Busen ziehen.» Für die amerikanische Theologin und Menschenrechtsaktivistin Amina Wadud ist diese Aussage rein deskriptiv, nicht normativ: Der Koran lehrt also das Prinzip der Sittsamkeit, füllt ihn aber nicht mit konkreten Inhalten.

Die Anti-Hidschab-Bewegung im Iran zeigt, dass das Regime nicht nur unter dem Druck der armen Bevölkerungsteile steht. Die schleierlosen Aktivistinnen gehören meist der urbanen, gut vernetzten Mittelschicht an, die sich gegen die Kulturrevolution von 1979 wendet. Nichts fürchten die Herrscher in Teheran mehr als eine Allianz der Armen mit der Mittelschicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 19:35 Uhr

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