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Folgen von Covid-19 Aus der Quarantäne ins Atomkraftwerk

Die Atomkraftwerke stehen vor ihrer Jahresrevision – mit weit mehr Personal vor Ort als üblich. Die Atomaufseher prüfen, ob die Arbeiten stattfinden können. Falls nicht, drohen Konsequenzen.

Physical Distancing: In Leibstadt müssen die Mitarbeiter wie in allen Schweizer AKW Abstandsregeln einhalten.
Physical Distancing: In Leibstadt müssen die Mitarbeiter wie in allen Schweizer AKW Abstandsregeln einhalten.
Foto: Eddy Risch/Keystone

Es wird enger. Zu den 460 Mitarbeitern im Atomkraftwerk Beznau sollen vom 17. April an für etwas mehr als einen Monat 400 externe Fachleute dazukommen. Grund ist die jährliche Revision, die unter anderem den Ersatz von Brennelementen im Reaktordruckbehälter beinhaltet, dem Herzstück des AKW. Das zusätzliche Personal stammt aus Deutschland, Österreich und Italien.

In Leibstadt soll es am 8. Mai losgehen. Wie viele Menschen sich zusätzlich im Werk aufhalten werden, können die Betreiber noch nicht sagen. Sie würden derzeit die «konkreten Implikationen der Corona-Krise für die Revision» analysieren, sagt ein Sprecher. Letztes Jahr unterstützten rund 1000 externe Fachkräfte die 500 Leibstadt-Mitarbeiter.

Die Mitarbeiter müssen ausserordentlich umsichtig vorgehen. Noch mehr, als sie es ohnehin tun.

Antonio Sommavilla, Axpo-Sprecher

Sind die Revisionen zu verantworten? Oder begünstigt der aufgeblähte Personalbestand Ansteckungen mit Covid-19 und damit neue Übertragungsketten? Die Betreiber versichern, frühzeitig Vorkehrungen getroffen zu haben, etwa beim Eingang ins Werk mit separaten Zutrittskontrollen, bei der Arbeit selber mit Hygiene- und Abstandsregeln und während des Essens, etwa mit abgepackter Verpflegung. Ansteckungen hat es gleichwohl gegeben (siehe Box). «Die Mitarbeiter müssen ausserordentlich umsichtig vorgehen. Noch mehr, als sie es ohnehin tun», sagt Antonio Sommavilla, Sprecher des Energiekonzerns Axpo, der Beznau betreibt. Nur das notwendige Personal sei auf der Anlage.

Die Axpo macht eigenen Angaben gemäss strenge Auflagen: Externes Personal aus dem Ausland muss vierzehn Tage vor dem Einsatz in die Schweiz einreisenmit dem Privatauto. Danach geht es für 14 Tage in Quarantäne. Dabei müssen sich die Arbeiter verpflichten, ihre Unterkunft, etwa Hotels, nur für Einkäufe, Mahlzeiten sowie allfällige Arztbesuche und individuelle Spaziergänge zu verlassen. Zudem müssen sie sich einer Gesundheitsprüfung unterziehen sowie einen speziellen Fragebogen ausfüllen. «Der Zutritt nach Beznau wird nur gewährt, wenn die Eintrittsfragen ohne Beanstandungen beantwortet werden können», sagt Sommavilla. Eine ähnliche Regel gelte auch für externe Mitarbeiter aus der Schweiz.

Weitgehend ohne Fremdpersonal auskommen will das AKW Gösgen mit seinen 550 Mitarbeitern. Die im Umfang reduzierte Revision ist für Mai und Juni vorgesehen. An ihrer Absicht, die Arbeiten durchzuführen, halten bis jetzt alle Betreiber fest. Ob sie dafür grünes Licht erhalten, ist aber noch nicht entschieden. Die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) überprüft derzeit die Revisionsplanungen, wie sie auf Anfrage bekannt gibt.

«Es wäre viel zu gefährlich, ein Atomkraftwerk ohne Revision weiterlaufen zu lassen.»

Roger Nordmann, Nationalrat SP

Auch in Deutschland könnte die Corona-Krise die Agenda der Betreiber durcheinanderwirbeln. Das Atomkraftwerk in Grohnde sollte am 12. April für die geplante Revision vom Netz. Doch es gibt Sicherheitsbedenken. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, sagt ein Sprecher des niedersächsischen Umweltministeriums. Es werde derzeit «jedes denkbare Problem identifiziert und diskutiert».

Politisch umstritten

Für Energiepolitiker kommt eine Revision der Schweizer Atomkraftwerke nur infrage, wenn die Mitarbeiter vor Ort die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten können. «Das ist zwar schwierig, aber vielleicht möglich», sagt SP-Nationalrat Roger Nordmann. Umstritten ist, welche Konsequenzen eine aufgeschobene Revision hätte. Für Nordmann ist klar: «Es wäre viel zu gefährlich, ein AKW ohne Revision weiterlaufen zu lassen.» Das Werk müsse in diesem Fall vom Netz – am besten für immer. Denn Covid-19 verteuere und verkompliziere den Weiterbetrieb von Beznau, mit Jahrgang 1969 einer der dienstältesten Meiler der Welt.

Ständerat Damian Müller (FDP) dagegen sagt, diese Frage müssten die Betreiber und das Ensi beantworten. Sollten sich aber aus dem Aufschub Sicherheitsprobleme ergeben, müssten die Werke unverzüglich vom Netz. «Mit Blick auf die Versorgungssicherheit wäre dies kein Problem», ist der FDP-Ständerat überzeugt. Die Nachfrage nach Strom sei aufgrund der Pandemie derzeit ja geringer als üblich.

Abschaltdatum unklar

In der Tat hat der Bund am Montag einen spürbar rückläufigen Stromverbrauch gemeldet, unter anderem wegen der Corona-Krise. Hinzu kommt: Im Frühsommer steht mit dem Einsetzen der Schneeschmelze normalerweise genügend elektrische Energie zur Verfügung.

Doch die Energieversorgung, entgegnet Beat Rieder, sei matchentscheidend, gerade in Krisensituationen. Der CVP-Ständerat will deshalb kein Risiko eingehen: «Die Revisionen sind durchzuführen soweit für die Sicherheit und den Betrieb notwendig und unter den Auflagen des Bundesamts für Gesundheit.» Die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (Aefu) hingegen halten es für «kaum möglich», dass die vom Bundesrat erlassenen Corona-Vorschriften bei den meist knappen Platzverhältnissen in Atomkraftwerken einhaltbar seien. Die mögliche Folge laut Aefu: eine zusätzliche Belastung für das Personal, daraus erwachsend Stress und Überforderung – alles Faktoren, welche die Sicherheit der Atomanlagen beeinträchtigen können.

Die AKW lassen sich laut Ensi über die geplanten Revisionsdaten hinaus betreiben, allerdings nur befristet. Nach dem Wechsel der Brennelemente nimmt die Reaktorleistung mit der Zeit ab. Die Betreiber müssen ihre Anlagen spätestens dann herunterfahren, wenn der sogenannte Abbrand des Brennstoffs einen vorgängig definierten maximalen Wert erreicht hat. Der Zeitpunkt dafür, so das Ensi, liege im Bereich von Wochen bis Monaten. Wann genau dies für Beznau, Leibstadt und Gösgen der Fall ist – das sagt das Ensi nicht.