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Rückblick im ComicAufzeichnungen eines Bowie-Besessenen

Ein opulenter Comicband widmet sich David Bowie und seiner 70er-Jahre-Kunstfigur Ziggy Stardust.

Keine herkömmliche Biografie, sondern viel mehr ein Fanzine: Der androgyne Bowie als Comic.
Keine herkömmliche Biografie, sondern viel mehr ein Fanzine: Der androgyne Bowie als Comic.
Illustration: PD

Es beginnt mit einem Konzert, Juli 1973 in London. «Von allen Shows auf dieser Tour wird uns diese besonders lange in Erinnerung bleiben», ruft David Bowie ins Publikum. Was damals niemand ahnt: Es ist Bowies Abschied von seiner legendären Kunstfigur Ziggy Stardust und von seinen Mitmusikern, den Spiders from Mars.

Jetzt, 47 Jahre später, lässt der amerikanische Zeichner Mike Allred diese androgyne Clownsfigur in einem Comicband auferstehen, wobei der Untertitel «Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume» das manchmal verwirrliche Geschehen recht gut trifft: Es geht um den Aufstieg, den Höhepunkt und das frühe Ende eines überlebensgrossen Geschöpfs, das den damals hippen Glam Rock nicht nur personifizierte, sondern auch transzendierte.

«Wir stehen alle kurz vor dem Durchbruch. Ich fühle es.»

Marc Bolan, T. Rex

Bald wird allerdings klar, dass es sich hier nicht um eine herkömmliche Biografie handelt, eher schon um das bildhaft in alle Richtungen wuchernde Fanzine eines «Bowie-Besessenen», wie sich Allred selbst beschreibt. Jedenfalls setzt die von ihm und Steve Horton ersonnene Binnengeschichte 1962 ein, da kennt die Welt noch keine Beatles und keine Rolling Stones. Und Bowie heisst David Jones, ist 15-jährig, spielt aber schon in verschiedenen Bands und absolviert eine Ausbildung zum Pantomimen.

Als er im Comic einmal mit seinen Jugendfreunden Marc Bolan (dem späteren Frontmann von T. Rex) und Steve Mariott (Small Faces) vor einer Londoner Bar sitzt, sagt Bolan: «Wir stehen alle kurz vor dem Durchbruch. Ich fühle es.» Worauf Jones/Bowie seine Zähne blitzen lässt und entgegnet: «Yeah. Vielleicht wenn ihr beide nicht so scheisse singen würdet.» Klingt vielversprechend.

Mit Bolan wird Bowie (der seinen Künstlernamen von einem ehemaligen US-Soldaten entlehnte) tatsächlich eine langjährige Freundschaft und Rivalität verbinden. Und der aufstrebende Sänger lässt sich von wegweisenden Bands inspirieren, vor allem von The Velvet Underground. Originalzitat Bowie: «Ich hörte eine Coolness, von der ich nicht wusste, dass man sie dauerhaft an den Tag legen kann. Hinreissend.»

Als seine erste Solo-LP floppt, bewirbt sich der Sänger für das Musical «Hair» und den Film «The Rocky Horror Picture Show» – erfolglos – und entscheidet sich schliesslich für die Produktion eines Werbefilms namens «Love You Till Tuesday» (1969), um die eigene Musik besser zu vermarkten. Ein XXL-Clip aus der Frühzeit, sozusagen. Und in diesem von «2001: A Space Odyssey» und «Barbarella» inspirierten Werk singt Bowie «Space Oddity». Es ist der Auftakt zu einer Weltkarriere, auch weil der Song von der BBC während der Mondlandung gespielt wird, und es ist das Grandiose eines Comicbands, der mit kraftvollen Splash-Panels, knalligen Farben und frei schwebenden Figuren im Pop-Art-Stil dem Kunstwillen und Erfolgsrausch jener Zeit huldigt.

So virtuos Allreds Zeichenkunst anmutet, so schwach sind dagegen seine Erzählfähigkeiten, welche kaum Dramaturgie, dafür umso mehr Skills punkto Anekdoten, Collagen und Namedropping erkennen lassen: Alice Cooper, Elton John, Freddie Mercury, Iggy Pop, alle bekommen sie ihre kleinen Auftritte. Doch von kritischer Distanz ist immer weniger zu spüren, und wer all die schiefen Bilder in den Texten aufzählen wollte, der hätte viel zu tun.

«Ich erschuf dich, um mein wahres Ich vom Rock ’n’ Roll zu trennen. Nicht, um von ihm verschlungen zu werden.»

David Bowie über Ziggy Stardust

Immerhin – die Schlusspointe gelingt. Da tritt Bowie in traumartiger Umgebung Ziggy gegenüber und sagt: «Ich erschuf dich, um mein wahres Ich vom Rock ’n’ Roll zu trennen. Nicht, um von ihm verschlungen zu werden.» Da schimmert eine quirlige Art von Erkenntnis durch.

Alle weiteren Schöpfungen und Figuren Bowies werden dann in einem 15-seitigen Epilog zusammengefasst. Das erscheint angesichts einer 50-jährigen Musikkarriere etwas gar dünn, vom Background ganz zu schweigen. Aber, wie gesagt, Allreds Werk sollte man nicht als gültiges Dokument, sondern als kaleidoskopartigen Spiegel der damaligen Ziggy-Mania verstehen.

Wer eine umfassende Bowie-Biografie sucht, muss sich dagegen noch ein wenig gedulden. Der deutsche Comic-Virtuose Reinhard Kleist – er porträtierte unter anderen Johnny Cash und Nick Cave – wird dieses Monumentalwerk in zwei Bänden 2021 und 2023 vorlegen. Aber es gibt jetzt schon Gucklöcher in die Zukunft. Wer wissen will, was da kommt, kann die aktuellen Entwicklungen von Kleists Arbeit hier verfolgen.

Mike Allred, Steve Horton, Laura Allred: Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume. Cross Cult, Ludwigsburg 2020. 160 S., ca. 52 Fr.