Aufstand der Irren

Das Theater an der Effingerstrasse bringt mit «Einer flog über das Kuckucksnest» ein Stück auf die Bühne, das man sofort mit Miloš Formans gleichnamigem Film in Verbindung bringt.

Wer noch nicht verrückt ist, wird es hier: Die Irrenanstalt ist in Neongelb gehalten.

Wer noch nicht verrückt ist, wird es hier: Die Irrenanstalt ist in Neongelb gehalten.

(Bild: Severin Nowacki)

Helen Lagger@FuxHelen

Wer nicht verrückt ist, der wird es hier: Die auf der Bühne des Effingertheaters dargestellte Irrenanstalt besteht aus neongelb gestrichenen Wänden, vergitterten Fenstern und veraltet wirkenden Apparaturen. Gespielt wird «Einer flog über das Kuckucksnest» von Dale Wasserman nach dem Roman des amerikanischen Schriftstellers Ken Kesey.

Doch noch bekannter als der Roman dürfte die gleichnamige Verfilmung von Miloš Forman aus dem Jahr 1975 sein. Das Meisterwerk wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet. Jack Nicholson in der Rolle des kleinkriminellen McMurphy, der in einer Irren­anstalt festgehalten wird, und Louise Fletcher als tyrannische Psychiatrieschwester schrieben Filmgeschichte.

Das Theater an der Effingerstrasse hat bereits viele legen­däre Romane beziehungsweise Filmstoffe auf die kleine Bühne gebracht. So sah man hier schon «Die Blechtrommel» von Günter Grass oder Werner Fassbinders «Angst essen Seele auf». Der Vorteil dieser Strategie: Bei solch legendären Stoffen ist garantiert, dass die Geschichte nicht langweilen kann, sie ist schlicht zu gut. Der Nachteil dabei: Die Zuschauer haben die filmischen Vorlagen derart präsent, dass es ihnen vorkommt, als würden sie einen lauwarmen Abklatsch auf der Bühne sehen.

Mit «Einer flog über das Kuckucknest» nimmt Regisseur Alexander Kratzer die Wette an. Kann durch die Mittel des Theaters dieser brillant verfilmten Story etwas Substanzielles hinzugefügt werden? Nicht wirklich. Sehenswert ist das Stück trotzdem. Das liegt an den tollen Darstellern und an der Geschichte selbst, die niemanden kaltlassen kann.

Der stumme Indianer

Der Roman «One Flew over the Cuckoo’s Nest» des amerikanischen Schriftstellers Ken Kesey (1935–2001) erschien 1962. Manches in Keseys Roman basiert auf eigenen Erfahrungen. So hatte Kesey während des Kalten Krieges in einer Psychiatrieabteilung gearbeitet und an einem Testprogramm teilgenommen, hinter dem die CIA steckte. An den Testpersonen wurde unter anderem das damals noch legale LSD ausprobiert. Kasey führte in seiner Dienstzeit solche Experimente durch und schrieb dabei seinen Roman, der 1963 auf die Bühne kam.

Im Effingertheater spielt Horst Krebs den scheinbar taubstummen Indianerhäuptling Chief Bromden, der stoisch den Boden fegt. Erst ganz zum Schluss bekommt der Riese seine innere Grösse zurück. Krebs spielt diese Rolle beeindruckend minimalistisch. Bevor er seine Stimme wiederfindet, spricht er nur nachts direkt zum Publikum und erzählt dabei Haarsträubendes über das Vorgehen in der Irrenanstalt. Bis er sich mit Mc­Murphy (Christoph Kail) anfreundet, ist es schon zu spät für ein glückliches Ende.

McMurphy, der in der Anstalt festsitzt, weil er sich als psychisch Kranker ausgegeben hat, um einem Gefängnisaufenthalt zu entgehen, hat nicht mit der Bösartigkeit der Institution gerechnet. Oberschwester Ratched (eiskalt: Sinikka Schubert), die er «Radshit» nennt, wird ihn zuletzt brechen. Doch zuerst mischt der notorische Zocker die Anstalt auf. Er stachelt seine Mitinsassen zum Widerstand auf und gibt ihnen ein bisschen Würde zurück. Kein Wunder, wurde Kesey zur Kultfigur der Hippiebewegung, die alle Autoritäten infrage stellte.

Das Frauenbild in Keseys Roman ist aus heutiger Sicht jedoch arg eindimensional. Nebst der offensichtlich frigiden Psychoschwester gibt es eine plakativ ordinäre Prostituierte, die es bei ihrem Besuch am liebsten mit der gesamten Belegschaft treiben will. Und von einem psychisch kranken Stotterer erfährt man: Hinter seinem Leiden steckt eine böse Mama. Was sonst?

Vorstellungen: bis Sa, 26.10., Theater an der Effingerstrasse, Bern.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt