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Papablog: Wie wir wohnenAuf gute Nachbarschaft!

Auch wenns altbacken klingen mag: Warum wir alles daran setzen sollten, dass Freundschaften zwischen Nachbarn wieder zum Normalfall werden.

Wer kommt vorbei, wenn ein Umzug ansteht? Wer leiht dir kurz sein Auto? Nachbarschaft kann grossartig sein!
Wer kommt vorbei, wenn ein Umzug ansteht? Wer leiht dir kurz sein Auto? Nachbarschaft kann grossartig sein!
Foto: Getty Images

Corona ist ein Arschloch! Ich glaube, darauf können sich die meisten von uns einigen. Diejenigen von uns, die ihre Zeit nicht damit verbringen, ihren Mitmenschen durch krude Thesen zur Nichtexistenz dieser Seuche mitzuteilen, für wie überflüssig und ätzend man sie hält, versuchen einigermassen vernünftig durch die Pandemie zu kommen. Das heisst Beschränkungen, Abstand, Verzicht, selbstgewählter Hausarrest – Sie kennen das. Seit mittlerweile knapp einem Jahr heisst es: Dies ist keine Übung, das ist die echte Katastrophe. Und, meine Fresse, waren wir alle schlecht vorbereitet. Gleichzeitig ist es faszinierend zu sehen, dass die Dinge und Zusammenhänge, die man intuitiv für wichtig hält, auch wirklich wichtig sind. Eigentlich noch wichtiger, als man gedacht hat.

Kinderbetreuung zum Beispiel. Während man uns jahrelang weisgemacht hat, dass familiäre Belange gegenüber Erwerbstätigkeit und derlei mehr nachrangig zu behandeln sind, wissen wir heute, dass es genau andersherum ist: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft setzen Dinge wie Familie, Kümmern, Kindererziehung, Pflege und Zusammenhalt voraus. Ohne Sie geht es nicht. Das sind keine weichen, vernachlässigbaren Themen, sondern die zentralen Felder, in denen sich zeigt, ob wir als Gesellschaft funktionieren und resilient genug sind, um eine Krise von den gegenwärtigen Ausmassen meistern zu können. Bruttoinlandprodukt schön und gut. Aber womit messen wir eigentlich, wie stark Menschen zusammenhalten, Verantwortung übernehmen und füreinander einstehen? Woran zeigt sich, dass eine Gemeinschaft funktioniert?

Die Regel meiner Eltern gilt noch heute

Ein zentrales Motiv, das mich bei dieser Frage nicht erst seit Corona beschäftigt, ist Nachbarschaft. Denn ich habe mit meiner Familie mittlerweile in allen vier Himmelsrichtungen Deutschlands gelebt und sehr unterschiedliche Formen der Nachbarschaft kennengelernt. Mal hatte sie urbanen, mal dörflichen Charakter. Mal umfasste sie eine beinahe unüberschaubar grosse Gruppe, mal eine einzelne zentrale Bezugsperson.

Mal war sie von Ignoranz oder Feindseligkeit und mal von Wertschätzung und Akzeptanz geprägt. «Auf gute Nachbarschaft», das klingt irgendwie altbacken nach etwas, das unseren Eltern mal wichtig war, aber mittlerweile irgendwie uncool und überholt ist. Schliesslich sind wir alle total digital, kennen hier Leute, haben da Verwandte und dort Instagram- und Facebook-Freunde. Aber die Regel, die meine Eltern mir mitgaben, als die Virtualisierung von freundschaftlichen Beziehungen begann, gilt heute noch: Wer kommt vorbei, wenn ein Umzug ansteht? Und weiterführend: Wer betreut deine Kinder, wenn du gerade mal für eine halbe Stunde weg musst? Wer leiht dir sein Auto, wenn du etwas Grosses zu transportieren hast? Wer lädt dich nicht umständlich und termingebunden zum Essen ein, sondern fragt einfach beiläufig und weil es sich anbietet, ob deine Familie und du mitessen wollen?

Lokale Strukturen stärken

Nachbarschaft kann ignorant, anstrengend oder sogar übergriffig sein. Aus diesem Grund fliehen queere Menschen nach wie vor in die Anonymität einer Grossstadt. Sie kann aber auch mitfühlend, helfend, wertschätzend und einfach grossartig sein. Und gerade in einer Krise wie dieser sollten wir uns fragen, warum wir eine gute Nachbarschaft als Lotteriespiel behandeln, in dem man entweder Glück oder Pech hat. Und was wir alle miteinander tun können, um möglichst viele lokale Strukturen so zu fördern und zu stärken, dass eine gute Nachbarschaft der Normalfall wird.

Früher sagte man oft, dass es ein Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen. Ersetzen wir Dorf durch Nachbarschaft, Freunde und Familien und fragen uns, welche Gesellschaft wir brauchen, um Abertausende dieser Dörfer zu schaffen. In diesem Sinne: Auf gute Nachbarschaft!

6 Kommentare
    MichaelAndreas

    Nette Nachbarn zu haben ist schön, aber kann man leider nicht voraussetzen. Auch wenn man die hinlänglichen Spielregeln einhält, sich vorzustellen wenn man neu eingezogen ist. Entweder man akzeptiert es, das es so ist oder wenn es einen zu sehr stört muss man umziehen.

    Und ich werde auch sicher nicht meine Energien verschwenden um zu versuchen, aus Grantlern freundliche Menschen zu machen. Ich bleibe stets freundlich, halte diesen Menschen auch die Tür auf und grüsse sie auf dem Flur. Kostet mich nichts, auch wenn ich keine Antwort bekomme. Ich will mich ja nicht auf deren Niveau begeben.