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Sommerserie«Sonst würde ich die Grenze gar nie finden»

Michael Maurer nähert sich als Testpilot für Gleitschirme täglich dem Grenzbereich für das Material und auch für sich selber. Wie denkt der in Frutigen lebende Adelbodner über diese permanente Überschreitung des schmalen Grats darüber?

Michael Maurer startet am Niesen mit einem Prototyp zu einem Testflug.
Michael Maurer startet am Niesen mit einem Prototyp zu einem Testflug.
Foto: Bruno Petroni

Den Umgang mit Babypuder kennt er nicht erst, seit er zweifacher Familienvater geworden ist. Und auch mit Faden, Nadel und Klebeband weiss Michael Maurer gut umzugehen: Als Testpilot des Thuner Gleitschirmherstellers Advance AG ist er es gewohnt, am Start- oder Landeplatz an einem Prototyp eines neuen Gleitschirmmodells herumzubasteln, die Eintrittskanten um Millimeter zu verformen oder eine Leine etwas zu kürzen – nur damit das Fluggerät ein klein bisschen andere Flugeigenschaften annimmt. Und ab zum nächsten Testflug.

Als mehrfacher Akro-Schweizer-Meister hat Maurer indes auch reichlich Erfahrung im Ausloten von persönlichen Grenzbereichen.

Über die Grenze = Notschirm

Die Frage nach der Grenze beantwortet der 29-jährige jüngere Bruder des sechsfachen X-Alps-Gewinners Chrigel Maurer in seiner gewohnt pragmatischen Art: «Wo die Grenze ist, hängt davon ab, wo ich bin. Wenn ich über einem See eine neue Akrofigur einübe, gehe ich weiter, nähere mich dem absoluten Grenzbereich und gehe bewusst das Risiko ein, zu weit zu gehen – was dann die Auslösung des Notschirms bedeuten würde.»

Zweimal war dies schon der Fall. Das war vor zehn Jahren, als Maurer den sogenannten Infinity Tumbling übte – also den Salto mit dem Gleitschirm. «Wenn ich die Grenze nicht suchen würde, könnte ich gar nie herausfinden, wo sich diese befindet. Zudem bin ich der Meinung, dass eine bewusste Annäherung an die Grenze weit weniger gefährlich ist als eine unbewusste, wie zum Beispiel wenn man während des Autofahrens auf dem Handy herumfingert.»

Im Gegensatz zum Training kommt Michael Maurer bei einer Akroshow oder in einem Wettkampf aber bei weitem nicht in den kritischen Grenzbereich: «Da fliege ich nur Manöver, die ich wirklich beherrsche.» Auch bei der täglichen Arbeit, beim Testen von Prototypen neuster Schirmmodelle, tastet sich Maurer nur langsam an den Grenzbereich heran: «Wenn ich den Grenzbereich nur zu 90 Prozent ausreize, habe ich viel mehr Spass und finde viel mehr über den Schirm heraus, als wenn ich mich den 100 Prozent nähere, wo ich nur noch Stress habe.»

Wo liegt die Perfektion?

Wo sind eigentlich die Grenzen in der Materialentwicklung der Gleitschirme? «Schon als ich vor 15 Jahren mit der Fliegerei begonnen habe, aber auch schon vor 30 Jahren herrschte in der Szene immer wieder die Einigkeit, dass die Grenzen des Möglichen wohl bald erreicht sein würden. Seither gab es aber immer wieder Quantensprünge, sodass wir heute bei der Gleitzahl 12 angelangt sind, was wohl noch nicht die Limite bedeutet.» Maurer glaubt, dass künftig bei gleichbleibender Beherrschbarkeit der Fluggeräte die Leistung noch wird erhöht werden können. Mit der weiteren Annäherung des Profilbaus der Flügel an die perfekte Aerodynamik könne in Zukunft noch einiges herausgeholt werden. «Und je mehr wir uns dieser Perfektion – oder eben dieser Grenze – nähern, desto kleiner werden die Fortschritte. Wir nähern uns step by step dem Grenzbereich, was auch meinem persönlichen Motto entspricht.»

Bliebe zum Schluss nur noch die Frage zu beantworten, was um Himmels willen Michael Maurer denn mit Babypuder anstellt. Nun, dieses verwendet der Testpilot, wenn Rückstände von Klebeband auf der silikonbeschichteten Oberfläche der Gleitschirm-Prototypen von ihrer Klebewirkung neutralisiert werden müssen. Noch Fragen?

Michael Maurer beim Sortieren der Leinen vor dem Start zu einem Testflug ab der Schwandegg (Niesen).
Michael Maurer beim Sortieren der Leinen vor dem Start zu einem Testflug ab der Schwandegg (Niesen).
Foto: Bruno Petroni
Michael Maurer bei einem Akromanöver mit dem Gleitschirm in der Abendstimmung.
Michael Maurer bei einem Akromanöver mit dem Gleitschirm in der Abendstimmung.
Foto: PD/Adrian Geissegger