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Viel Aufwand für den grossen TraumAuf der Leiter nach oben

Noa Linn Münger will Fussballprofi werden. Die 15-jährige Bernerin hat bereits einen beachtlichen Weg zurückgelegt – aber noch ein grosses Stück vor sich.

Nachwuchshoffnung im Schweizer Frauenfussball: Die 15-jährige Noa Linn Münger aus Köniz.
Nachwuchshoffnung im Schweizer Frauenfussball: Die 15-jährige Noa Linn Münger aus Köniz.
Foto: Nicole Philipp

Nach acht Wochen Lockdown wegen der Covid-19-Pandemie ist am 11. Mai auch Noa Linn Münger in die Schule zurückgekehrt. Seit drei Jahren absolviert sie in Biel das Sport-Kultur-Studium. Obwohl die Neuntklässlerin eine Regelklasse besucht, unterscheidet sich ihr Stundenplan von dem ihrer Mitschüler. Jeden Tag stehen ein bis zwei Trainings auf dem Programm.

Noa Linn Münger gilt als eines der grössten Talente im Schweizer Frauenfussball mit Jahrgang 2005. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) holte sie deshalb vor drei Jahren ins Ausbildungszentrum (AZ) nach Biel. Sie hatte zuvor eine lange Selektionsphase mit einem vorentscheidenden Wochenende in Magglingen überstanden. «Ich wurde dort mit einer Tessinerin in ein Zimmer eingeteilt», erinnert sie sich lachend, «ich verstand kein Italienisch, sie sprach nichts anderes. Wir redeten kein Wort miteinander.» Für die damals Elfjährige war das eine neue Erfahrung. Der Wille, zu reüssieren, war aber stärker als die sprachliche Barriere, so hielt sie dem Druck stand und schaffte wie auch die Tessinerin die Aufnahme ins AZ als Einzige zum frühestmöglichen Zeitpunkt auf die 7. Klasse. Heute, nach fast drei gemeinsamen Jahren in Biel, unterhalten sich die beiden Freundinnen bestensund das hauptsächlich auf Französisch.

Wohnen bei der Gastfamilie

Ein paar Monate später erfolgte der Umzug von Köniz nach Biel und somit auch vom Elternhaus in eine zugeteilte Gastfamilie. «Am Anfang fehlte mir das Familienleben, ich hatte Heimweh», erzählt sie. Ans Aufgeben dachte sie trotzdem nie. Denn Noa Linn Münger ist sich bewusst, wer seinen Traum verwirklichen will, muss Opfer bringen. Ein strukturierter Tagesablauf ist für sie normal und kann zum Beispiel so aussehen: Um 6.15 Uhr Tagwache, Schule, Training, Mittagessen mit den anderen Fussballerinnen in der Tissot-Arena, am Nachmittag Schule, Training, Aufgabenstunde, Nachtessen, gegen 20 Uhr Rückkehr zur Gastfamilie. Der Teenager ist sich der Entbehrungen durchaus bewusst: «Ich verzichte auf viel, habe fast keine Freizeit und muss etwa die meisten Einladungen für Geburtstagsfeste oder gemeinsame Aktivitäten mit Freundinnen absagen. Aber das nehme ich in Kauf.»

Am Freitagnachmittag kommt sie jeweils heim nach Köniz. Am Abend steht dort das Training mit dem Club an. In ihrem Fall ist das noch die U-14-Equipe des Teams Köniz (eine regionale Auswahlmannschaft). Hier spielt sie mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Nil. Am Samstag ist Matchtag, am Sonntag müssen Schulaufgaben nachgeholt und erledigt werden, bevor sie wieder ins Seeland reist. Im Sommer endet die Schulzeit und dreijährige SFV-Ausbildung im AZ Biel.
«Das Heimweh hatte ich nach ein paar Monaten überwunden. Insgesamt war es eine mega coole Zeit, das kann ich schon jetzt sagen. Ich habe sehr grosse Unterstützung in der Schule und im Sport erhalten. So habe ich extrem profitieren können.»

Erstes Länderspiel

Wie Bruder Nil wird Noa Linn ab August die Sportklasse des Gymnasiums Neufeld in Bern besuchen. Am Morgen trainiert sie dann mit den YB-Junioren, am Abend mit dem Team Köniz. Ihr Ziel ist klar: «Ich möchte die Leiter nach oben gehen, bei den YB-Frauen ins NLA-Team kommen, für das Schweizer Nationalteam spielen und später ins Ausland wechseln.» In der bisherigen Laufbahn ging es für sie immer aufwärts, von Rückschlägen und Verletzungen blieb sie verschont. Im vergangenen Herbst gab sie ihr Länderspieldebüt im U-16-Nationalteam. Trotzdem weiss die Könizerin: «Es warten noch viele Hürden. Und eine Garantie für eine erfolgreiche Karriere gibt es nie. Deshalb ist mir die schulische Ausbildung ebenfalls sehr wichtig.»

Lehrerin als Plan B

Einen Plan B hätte Noa Linn Münger schon im Hinterkopf. «Wenn es mit dem Fussball nicht klappt, möchte ich Lehrerin werden.» Die diesbezüglichen Vorbilder liegen auf der Hand: Vater Lorenz unterrichtet am Gymnasium Burgdorf und an der Pädagogischen Hochschule Bern, Mutter Kathrin an einer Primarschule in Köniz.

Doch vorerst gilt Plan A. Den Lockdown hat sie genutzt, um mehrheitlich zwei Mal pro Tag im physischen Bereich zu arbeiten. «Hier muss ich zulegen, um mit den Jungs mithalten zu können.» Dass sie als Mädchen dabei exponiert ist, macht ihr nichts aus. «Ich kenne nichts anderes. Probleme gab es nie, ich wurde weder geschont noch übergangen.» Seit zwei Jahren ist die offensive, zentrale Mittelfeldspielerin Captain im Team Köniz.

Neben ihrer Persönlichkeit zählt Noa Linn Münger die Technik, das taktische Verständnis und die Spielintelligenz zu ihren Stärken. In der TV-Sendung von SRF «Belächelt, beschimpft, bejubelt50 Jahre Frauenfussball in der Schweiz» äussert sich auch A-Nationalcoach Nils Nielsen zum Jungtalent: «Sie hat eine starke Persönlichkeit, ich bin überzeugt, dass sie ihre Ziele erreichen wird.» Für Noa Linn Münger sind die Worte des Dänen ein weiterer Ansporn, die Leiter weiter zu erklimmenbis ganz nach oben, bis sie ihren Traum vom Fussballprofi verwirklicht hat.