Nationalteam blamiert, Liga floriert

Am Samstag beginnt in der Schweizer Eishockey-Meisterschaft das Playoff. Doch das Scheitern von Pyeongchang war mehr als ein Betriebsunfall und beschäftigt die Liga.

Enttäuschte Nationalmannschaft in Pyeongchang

Enttäuschte Nationalmannschaft in Pyeongchang

(Bild: Keystone JAVIER ETXEZARRETA)

Philipp Muschg@tagesanzeiger
Kristian Kapp@K_Krisztian_

Entschlossene Blicke, schöne Tore, volle Ränge: Am Samstag beginnt in der National League das Playoff. Es ist der Höhepunkt der Schweizer Meisterschaft. Und für die besten Einheimischen eine Chance zur Imagekorrektur.

Denn erst letzte Woche war es, dass sie mit hängenden Köpfen und leeren Augen zu erklären versuchten, wie ihr Olympiaturnier gegen Deutschland ein jähes Ende nahm.

Grosse Ratlosigkeit, lancierte Diskussion

Selten war Ratlosigkeit so einhellig. «Ich weiss nicht, wie wir dieses Spiel verlieren», wunderte sich Luganos Philippe Furrer nach dem 1:2. «Ich habe keine Antwort darauf», äusserte Berns Eric Blum. «Keine Ahnung», sagte Tristan Scherwey.

Ursachen nannte erst der Trainer. «Das Powerplay war grottenschlecht», so Patrick Fischer. Und: «Es soll keine Ausrede sein, aber viele Spieler kamen ausgelaugt aus ihren Vereinen, und wir mussten sie zuerst aufpäppeln, bevor wir richtig loslegen konnten.»

Damit war die Diskussion lanciert: Warum war das Powerplay grottenschlecht? Weshalb haben die Schweizer ausser gegen Südkorea, die Nummer 21 der Welt, immer verloren? Fehlt es an Härte? An Ausbildung? Hat man sich einfach überschätzt? Oder ist am Ende gar die Liga schuld?

Der Schock von Pyeongchang hallte quer durchs Schweizer Eishockey. Davos-Trainer Arno Del Curto forderte öffentlich einen runden Tisch, an dem die verschiedenen Interessenvertreter die Zukunft ihres Sports diskutieren. Beim ­Verband sind mittlerweile Bestrebungen im Gange, eine solche Plattform in die Tat umzusetzen.

Renovationsbedarf – oder bloss schlechte Special Teams?

Ob das so weit führt wie 2003 in Schweden, wo sie nach einer epochalen Krise bei den Junioren ein Gipfeltreffen mit über hundert Teilnehmern veranstalteten und einen revolutionären Fünfjahresplan beschlossen?

Hierzulande finden jedenfalls nur wenige so klare Worte wie der Geschäftsführer der ZSC Lions. «Unter dem Strich haben einfach die Special Teams nicht funktioniert», so Peter Zahner. «Und wenn man zwei etwa gleich starke Mannschaften hat, sind Powerplay und Boxplay absolut entscheidend.» Für Zahner muss Pyeongchang keine strukturellen Lehren zeitigen, sondern taktische.

Etwas anders klingt es aus Davos. «Wahrscheinlich hat Zahner recht, wenn er sagt, dass ein Zusammensitzen eh nichts bringe», sagt Del Curto, «aber genau wegen diesem Punkt müssen wir es trotzdem tun. Denn erst wenn du je einen Präsidenten, Sportchef, Fan, Journalisten, Spieler, Nachwuchschef, Schiedsrichter und Agenten an einen Tisch bringst und über alle möglichen Themen sprichst, wissen alle, worum es geht. Dann sucht man vielleicht eher nach Lösungen.»

Dauerthema Zweikampfstärke

Doch wie offen würde an einem solchen Tisch tatsächlich gesprochen? Gerade in der kleinräumigen Schweiz, wo sich alle kennen und voneinander abhängen, sind wenige bereit, sich zu exponieren.

So sagt der Coach eines NL-Clubs über Pyeongchang: «Läuferisch sind wir bei den Besten. Aber von der Härte, der Physis, der Puckbehandlung, der Spielintelligenz her liegen wir weit zurück.» Namentlich erscheinen will er nicht.

Ein Sportchef fragt: «Welche Schweizer waren gut an Olympia? Die körperlich Durchsetzungsfähigen: Suter, Ambühl, Rüfenacht, Scherwey.»

Mangelnde Zweikampfhärte: Sie ist ein Dauerthema hierzulande. «Wir müssen den Spielern das richtige Verhalten immer und immer wieder zeigen», fordert Del Curto. Sobald man in Puckbesitz sei, müsse man den einen Gedanken stets präsent haben: «Es kommt einer, der dich checken will.» Dieses Bewusstsein müsse schon auf den unteren Nachwuchsstufen geschärft werden, doch würden dort oft falsche Anreize gesetzt.

Del Curto: «Mehr Anerkennung für die Nachwuchstrainer!»

Del Curto fordert, ­Juniorentrainer müssten Anerkennung für ausgebildete Spieler erhalten statt Tadel für schlechte Resultate: «Dabei sollte mindestens bis zur U17-Stufe die Ausbildung der Spieler im Vordergrund stehen, nicht der Meistertitel», sagt Del Curto.

Mögliche Ideen des Davoser Trainers: «Die Ausbildner für ihre Arbeit in den Fokus bringen. Ihr Lohn-Niveau deutlich nach oben heben. Und warum nicht den Ausbildner des Jahres auszeichnen? Eine Art regionale Oscars für jene Trainer vergeben, die am meisten Nachwuchsspieler weitergebracht haben.»

«Hier wird einfach alles gepfiffen und viel zu kleinlich»

Der andere Dauerbrenner in der Diskussion sind die Unparteiischen. «Da können sie in der Schweiz noch so sagen, es gebe keinen Unterschied zum internationalen Refereeing: Das Stimmt einfach nicht», sagt ein Trainer aus der National League, «hier wird einfach alles gepfiffen und viel zu kleinlich.» Auch er will anonym bleiben.

Nadir Mandioni, langjähriger ­Profi-Schiedsrichter, bestreitet eine ­Differenz: «Es ist nicht wahr, dass bei uns strikter gepfiffen wird. Bei und wird hingegen mehr auf dem Eis diskutiert, was das Spiel langsamer und gehässiger macht.»

Das ständige Fordern des Foulspiels

Del Curto nimmt die Schiedsrichter generell in Schutz. In der Pflicht seien auch andere: «Der Stürmer, der im Zweikampf vor dem Tor dagegenhält und sich nicht bewusst leicht fallen lässt. Der Trainer, der dies unterbindet und vom Spieler explizit das richtige Verhalten im Zweikampf einfordert. Die Medien, die zwischen hartem und unfairem Spiel besser zu unterscheiden wissen. Und die Zuschauer, die korrekte Checks von gegnerischen Spielern zumindest respektieren lernen und nicht ständig Strafen fordern.»

Del Curto plädiert explizit beim Kampf im Slot vor den Toren für weniger Strafen: «So wie die Deutschen bei Olympia beispielsweise ihr Tor verteidigten. Das soll erlaubt sein.»

Dies sei erlaubt, auch bei uns, wirft Mandioni ein: «Du darfst den Gegner mit Stockarbeit aus dem Slot arbeiten, so lange du dies stossend mit angelegtem Stock machst. In der Schweiz sehen wir aber zu oft Crosschecks auf Nackenhöhe. Und das ist nicht das Gleiche.»

Dies lässt Del Curto indes so nicht gelten: «Es zeigt, warum wir nicht vorwärts kommen. Man findet immer irgendeinen Einwand, um nichts unternehmen zu wollen. Natürlich muss es für Schläge in den Nacken Strafen geben. Aber das sind die Ausnahmefälle, wir müssen jetzt nicht über diese reden.»

Zahner: «Diese Diskussion ist nicht sehr zielführend»

Der Katalog zeigt: Verantwortlich sind alle. Schuld hat also immer auch ein anderer. Perfekt ins Bild passt die Analyse des Nationaltrainers. Bei den Clubs kam es jedenfalls gar nicht an, dass Fischer von ausgelaugten Spielern sprach, die man nach dem dichten Meisterschaftsprogramm wieder habe aufpäppeln müssen.

Denn abgesehen von der russischen KHL wurde nirgends der Meisterschaftsbetrieb früher unterbrochen. Und die Spieler aus Deutschland, Tschechien oder Finnland hatten alle mehr Spiele in den Beinen als die Schweizer. «Diese Diskussion ist nicht sehr zielführend», findet Peter Zahner, «Tat­sache ist: Die Special Teams haben nicht funktioniert.»

Das Powerplay wurde von Jahr zu Jahr schlechter

Auch das ist keine neue Erkenntnis, schon gar nicht für Fischer. Drei grosse Turniere hat der Zuger mittlerweile als Chef absolviert, doch der Trend geht in die falsche Richtung. Schon bei ­seiner ersten WM in Moskau gehörte sein Powerplay zu den schlechteren des ­Turniers (21,4 Prozent Erfolgsquote).

Von der WM in Paris (12,9) bis Pyeongchang (8,3) sackte es weiter ab. Auch vom Unterzahlspiel, das einmal das schlechteste und einmal das drittschlechteste war, lässt sich wenig Gutes sagen.

Woher kommt die Schwäche der Schweizer in Überzahl? Vielleicht daher, dass sie in der heimischen Liga diesbezüglich Nebenrollen haben? Schaut man an, wie sehr sich die Clubs in ­Überzahl auf Ausländer verlassen, liegt der Verdacht nahe. Bei Ambri geht nur gut ein Drittel der Powerplay-Eiszeit an Spieler, die auch für die Schweiz ­spielen dürften (37,1 Prozent) – am ­anderen Ende der Skala steht mit zwei Dritteln Servette (67,2).

Wer setzt auf Schweizer im Powerplay? Genf: 67,2%. ZSC: 65,7%. Kloten: 64,7%. Davos: 63,2%. Lugano: 61,8%. Biel: 60,5%. Lausanne: 57,5%. Bern: 56,7%. Fribourg: 56,5%. Zug: 53,0%. Langnau: 48,7.% Ambri: 37,1%.  -  Ausgerechnet nach Eiszeit im Powerplay jener Spieler, die im CH-Nationalteam eingesetzt werden dürfen. Stand 2. März

Und es zählt ja nicht nur die Zeit, sondern auch die Rolle. Ein Sportchef hat die Powerplay-Formationen aller zwölf Clubs verglichen. Sein Fazit: «Ausser Roman Wick beim ZSC und Tanner Richard bei Servette kommen an der wichtigen Spielmacherposition an der Bande nur Ausländer zum Einsatz.»

Zur Erinnerung: Wick ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, Richard wurde für Olympia nicht aufgeboten.

Wie sehr werden die Imports im Powerplay forciert? Ambri: 43,48%. Fribourg: 43,47%. Langnau: 43,3%. Lausanne: 42,5%. Zug: 42,0%. Biel: 39,5%. Bern: 39,3%. Lugano: 37,9%. Davos: 36,8%. Genf: 32,7%. Kloten: 31,1%. ZSC: 27,8%. - Ausgerechnet nach Eiszeit im Powerplay der ausländischen Import-Spieler. Ausländer mit Schweizer Lizenz (Nilsson, Zwerger etc) sind hier NICHT miteinberechnet. Stand 2. März

Vielleicht liegt es daran, dass Fischer trotz zwei Vorbereitungsturnieren und zehn Tagen Trainingscamp bis zum bitteren Ende mit dem Überzahl-Personal experimentierte. Womöglich hat es aber auch einen anderen Grund. «Drei Powerplay-Blöcke sind ein Zeichen, dass man allen ein gutes Gefühl geben will», vermutet ein Clubverantwortlicher.

Zu sehr starkgeredet?

Viel war bei der Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) vor Olympia von ­offensivem Hockey die Rede. Betonten Verbandsvertreter die läuferischen, spielerischen Qualitäten des Teams und sprachen von grossen Träumen.

Der Nationaltrainer dachte laut über eine Medaille nach, alle zeigten Selbst­bewusstsein und sahen sich nicht mehr in der Rolle des Underdogs. In diesem Klima sah ein Verbandssponsor kein Problem bei einer Werbekampagne, die voll aufs Thema Edelmetall setzte.

Vielleicht stammte die Enttäuschung in den Gesichtern der Spieler nach dem Olympia-Out darum nicht nur von der Niederlage, sondern auch vom Verlust einer Illusion. Die Schweizer hatten sich so starkgeredet, dass etwas anderes als Erfolg gar nicht mehr denkbar war.

Symp­tomatisch die Worte von Captain Rafael Diaz, der nach dem 1:5 zum Turnierstart gegen Kanada darauf bestand: «Wir sind alles Winnertypen.»

So wurden die Schweizer in Pyeongchang auch Opfer ihrer eigenen Propaganda. Das mag bitter sein, doch Trost ist nahe. Die heimische Meisterschaft floriert, in sechs Tagen beginnt das Playoff. Da werden in zwei Monaten garantiert Schweizer Nationalspieler jubeln. Und Olympia fast vergessen sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt