Das Schattenregime der Politologen

Wenn Politikerinnen und Politiker um die Gunst der Stimmberechtigten ringen, spielen Politologen eine immer bedeutendere Rolle. Als Übersetzer, Erklärer, Einschätzer – und Bewerter politischer Parteien und Figuren. Was Politologen von Politikern unterscheidet, ist manchmal nicht mehr ganz klar.

Jürg Steiner@Guegi

Claude Longchamp erklärt in der SF-«Wahlarena». Regula Stämpfli wettert auf Facebook. Georg Lutz argumentiert in «10vor10». Lukas Golder erläutert auf DRS3. Mark Balsiger bewertet auf SF info. Adrian Vatter erörtert bei TeleBärn. Michael Hermann deutet auf «20 Minuten online».

Die Schlussphase des Wahlkampfs ist auch eine öffentliche Leistungsschau der schweizerischen Politologengilde. Manchmal könnte man meinen, an den eidgenössischen Parlamentswahlen vom 23.Oktober werde nebenbei auch noch der eloquenteste Politwissenschaftler gewählt. Die Omnipräsenz der prominentesten Politologen auf sämtlichen Medienkanälen beschert ihnen einen Bekanntheitsgrad, der wohl locker reichen würde, einen Nationalratssitz zu holen.

Politologen in Fraktionsstärke

Ein ständiger Sitz in Bundesbern ist ihnen allerdings auch so sicher. 1992 kommentierte Pionier Claude Longchamp im TV-Abstimmungsstudio erstmals Hochrechnungen seines eigenen Forschungsinstituts. Jahrelang besorgte er fast im Alleingang die Übersetzung des komplexen Politgeschehens in eingängige, oft brillante Kurzdiagnosen. Zuerst zaghaft, in jüngster Zeit dezidierter setzen sich Konkurrenten in Szene. In der ablaufenden Legislatur haben die Medienpolitologen mindestens Fraktionsstärke erreicht. Wer jetzt im Wahlkampf gute Auftritte zeigt, dürfte eine weitere Amtszeit an der Medienfront auf sicher haben.

Wobei es nicht in erster Linie die Politologen selber sind, die aktiv an die mediale Öffentlichkeit drängen. Sie reagieren marktgerecht auf eine in den letzten Jahren massiv gestiegene Nachfrage aus Printmedien, Onlineportalen, Radio- und TV-Stationen nach politischer Einordnung im Telegrammstil. Salopp gesagt: Viele Redaktionen, mitunter auch diese Zeitung, lagern die Einschätzung politischer Ereignisse (und damit auch das Risiko von Fehlanalysen) routinemässig an Politologen aus, die ihrerseits die Chance ergreifen, sich zu profilieren und sich Vorteile im Wettbewerb um Forschungs- und Beratungsaufträge für ihre Firmen und Institute zu verschaffen.

Analyse! Subito!

Den Bedeutungszuwachs der kommentierenden Politologen an den diversen Meinungsfronten befördert hat die in den letzten Jahren vor allem durch die Onlinemedien verursachte enorme Beschleunigung der politischen Analyse. Was sich im Bundeshaus ereignet, muss eingeschätzt werden. Sofort. Journalisten zieren sich – und rufen Politologen an. Inoffizieller Schweizer Meister in der Disziplin Subitoanalyse ist der Zürcher Politgeograf Michael Hermann. Nur einen Wimpernschlag beispielsweise, nachdem Bundesrätin Micheline Calmy-Rey kürzlich im Bundeshaus ihren Rücktritt angekündigt hatte, kommentierte Hermann das Ereignis bereits auf «Blick online»: «Es könnte zu einer bürgerlichen Retourkutsche kommen.»

Schnell, spitz, smart: Hermann entspricht damit am perfektesten dem aktuellen Anforderungsprofil an den modernen Medienpolitologen. Seine Kollegen sowie Regula Stämpfli, weit und breit die einzige Frau unter den öffentlichkeitswirksamen Politwissenschaftlern, stehen ihm allerdings kaum nach.

Akteure der Politik

Aus der Mechanik der Bundespolitik sind die sieben wortmächtigsten Politologen, die wir hier einer Legislaturbilanz unterziehen und mit Spinnennetzgrafiken bewerten, heute nicht mehr wegzudenken. In der medialen Vermittlung politischer Debatten ans Publikum, ein existenzieller Prozess in einer modernen Demokratie, übernehmen sie eine immer zentralere Funktion. Nicht nur als distanzierte wissenschaftliche Beobachter. Sondern immer mehr auch – gewollt oder ungewollt – als Akteure. Als Interpreten, Beeinflusser, Zuspitzer.

Im Glashaus der aktuellen politmedialen Grossinszenierung «Treffpunkt Bundesplatz» von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) lässt sich der gewachsene Einfluss der Politikwissenschaftler live besichtigen. Kaum ein Sendegefäss kommt ohne politologische Begleitung aus. Während erfahrene Bundeshausjournalisten vor der Kamera bloss noch Onlinekommentare von Zuschauern verlesen, sorgen Politologen für Einschätzung und Einordnung. Sehr weit auf die Personalisierungsschiene wagt sich dabei der Berner Politberater Mark Balsiger, indem er für SRF einzelne Politiker nach einem 2-Minuten-Auftritt wie ein «Musicstar»-Juror beurteilt.

In solchen Rollen sind Politologen plötzlich auch ein wenig Politiker. Man könnte sogar sagen: Gelegentlich tragen sie selber zur Polarisierung und Personalisierung in der schweizerischen Politik bei, die sie später in ihren Studien diagnostizieren und problematisieren.

Position im Dunkeln

Je stärker das Gewicht des Politologenworts in der öffentlichen Meinungsbildung wächst, desto deutlicher tritt die Kehrseite zutage. Politwissenschaftler operieren in den Medien mit einem wissenschaftliche Gütesiegel, das Unabhängigkeit und Unbeeinflussbarkeit suggeriert. Womit dem Medienkonsumenten in der Regel Denkschule und politische Positionierung verborgen bleiben.

Jürg Steiner, als emeritierter Professor für Politikwissenschaften an der University of North Carolina und der Universität Bern ein Doyen der Branche, sieht deshalb in der ausufernden Medientätigkeit der Schweizer Politologen ein Transparenz-Problem, das er auf Anfrage mit einem Vergleich mit den USA verdeutlicht.

In den USA würden politische Kommentare in den Medien vor allem von Mitgliedern von Denkfabriken abgegeben, wobei allgemein bekannt sei, wo die einzelnen Denkfabriken politisch stehen. «Damit», so Steiner, «besteht Transparenz, von welcher Position aus argumentiert wird.» Zudem bemühten sich die amerikanischen Medienschaffenden, gleichzeitig konträre Ansichten zur Geltung zu bringen.

Ohne Kurzkommentare?

In der kleinen Schweiz hingegen gibt es mit Avenir Suisse nur eine Denkfabrik, die eine klar deklarierte neoliberale Schule vertritt. Deshalb, sagt Steiner, sprängen Universitäten in die Lücke, wobei diese sich politisch nicht lokalisieren liessen. «Damit mangelt es an der Transparenz, aus welcher Position die politologischen Argumente entwickelt werden.»

Die Kleinheit der Schweiz erschwere gute Lösungen. Am besten, findet Steiner, würden die Medien auf Kurzkommentare von Politologen verzichten und dafür sorgen, dass jeweils mehrere Politwissenschaftler gleichzeitig zu Wort kommen. Damit würde besser ersichtlich, dass politologische Forschungsergebnisse für die politische Praxis ganz unterschiedlich interpretiert werden könnten. «So», glaubt Steiner, «könnte die Politikwissenschaft viel stimulierender zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen als mit den vielen Kurzkommentaren.»

Deckmantel des Experten

Das Missverhältnis zwischen zunehmender Deutungsmacht und im Schatten liegender politischer Haltung von Politologen beschäftigt auch aktive Politiker. Den Berner Nationalrat Hans Grunder beispielsweise, Chef der BDP. Seine Partei ist derzeit häufig Gegenstand politologischer Einschätzungen, weil ihr Wahlerfolg und ihr taktisches Verhalten Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Bundesrats haben werden. «Ich halte den Einfluss der Politologen auf die Meinungsbildung für ziemlich gross, weil sie oft politische Statements unter dem Deckmantel des Experten abgeben», sagt Grunder. Wenn ein Politologe am TV Konkordanz definiere, komme das als Wahrheit herüber. In Wirklichkeit hänge es von der politischen Haltung ab, was Konkordanz bedeute.

Mühe macht Grunder, wenn Politologen Wahlprognosen abgeben. «Das sind», sagt Grunder, «versteckte politische Urteile» – die allerdings oft von der Realität widerlegt würden. Er habe es schon mehr als einmal erlebt, dass die BDP in kantonalen Wahlen entgegen den Prognosen Sitze gewann – und vorschnelle Politologen ihre Analyse anpassen mussten. Deshalb hätten politologische Befunde in den Medien für die Strategie seiner Partei «praktisch keine Bedeutung». Auch die SVP verlässt sich bei der Planung auf eigene Einschätzungen, wie Generalsekretär Martin Baltisser, der selber Politikwissenschaften studierte, festhält.

Darsteller im Spektakel

Der Einfluss der meinungsstarken Politologen läuft neben den Parteien. Sie bringen die Politik näher zum Publikum. Sie machen sie spannender, spielerischer, sympathischer. Erst wenn Claude Longchamp eine «Wahlarena», in der sich vier Politiker ihre unverrückbaren Positionen rituell an den Kopf werfen, in zwei Sätzen einordnet, wird sie verdaulich. Die von Michael Hermann miterfundenen Spinnennetzgrafiken sind eine populäre Orientierungshilfe, die Politik für den Hausgebrauch aufbereitet. Das alles ist sehr angenehm.

Wahr ist aber auch, dass die Politologen mitbefördern, was Michael Hermann in einem «Zeitpunkt»-Interview beschrieb: «Wir erleben, wie sich die Symbolpolitik von der Realpolitik ablöst», sagte Hermann. «Uns gefallen die grossen Würfe, die scharfen Konflikte, die schrillen Figuren. Genau so findet Politik in der Öffentlichkeit heute vor allem statt – als Theaterspektakel mit grossen Symbolschlachten.» Und mit Politologen als wichtigen Darstellern.

Berner Zeitung

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