Die wilden 70er

Zum Jubiläumskonzert traf sich in der Mahogany Hall das Who’s who der damaligen Berner Folkszene.

Geradezu eine Ehre war es, das Trio Hostettler, Diem und Mentha erleben zu dürfen.

(Bild: Nicole Philipp)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

An ein Klassentreffen erinnerte das Ganze ja schon – im durchaus positiven Sinne. Da lagen sich die Leute in den Armen, schickten Handküsse über die Stuhlreihen hinweg, winkten und prosteten sich zu und sinnierten darüber, wie viele Jahre wenn nicht Jahrzehnte mansich nicht mehr gesehen hatte. Tauschten Erinnerungen aus an feuchtfröhliche, rauchgeschwängerte Nächte und an die Musik, ja, den Sound der damaligen Zeit: die 1970er-Jahre in diesem Bern, in der Altstadt, dort unten am Klösterlizstutz.

Die Mahogany Hall feiert in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen. Sie begeht dies während zehn Tagen mit Jubiläumskonzerten. Der Dienstagabend stand im Zeichen der Nostalgie. Eine entscheidende Zeit im langen Leben der «Mahogere» wurde mit einer Soirée noch mal wiederbelebt: die Epoche des Folk Club Bern.

1968 noch als Jazzclub gegründet, verwandelte sich die Mahogany Hall ziemlich bald zum Zentrum der damaligen Berner Jazz- und Folkszene. Bereits 1971 wurde der Folk Club Bern gegründet und lockte mit seinen Hootenannies, also mit einer offenen Bühne, zahlreiche Musiker und Besucher von nah und fern an. Damalige und auch spätere Grössen der hiesigen Musikgeschichte gaben sich am Klösterlistutz die Klinke in die Hand.

Chlöisu Friedli etwa, Mani Matter, Dodo Hug und wie sie alle hiessen und heissen. Auch künftige Rocker wie Martin Diem und Henri Huber holten in der Mahogany Hall ihre ersten Bühnenerfahrungen. In dieser Zeit organisierten Gründer Ueli «Chita» Fricker und Daniel Leutenegger dann auch das erste «Internationale Folkfestival» auf dem Gurten – das erste Gurtenfestival 1977.

Im Gästebuch geblättert

Diese Hochzeit des Berner Folk wollte Chita Fricker nochmals zum Leben erwecken. So blättere er sich durch das Gästebuch, wühlte im Archiv und griff schliesslich zum Telefonhörer. Und siehe da, auch ein halbes Jahrhundert später sind viele Musiker von damals noch da, sind gut bis sehr gut gealtert und können dem Lockruf der Bühne nicht widerstehen.

So kam am Dienstagabend also das Who’s Who der damaligen Berner Folkszene zusammen und liess die alten Zeiten hochleben. Da sang etwa Silvio Ballinari seine herrlichen schwermütigen italienischen Balladen, Slavek Dusil frönte dem Blues, The Bernese Three mit Heinz Kempa, Gérard Theiler, Hans Holzherr und später in der erweiterten Formation Bluegrass Blossoms zupften an ihren Banjos und Mandolinen.

Den Musikern erging es dabei nicht anders als den Besuchern. Auch auf der Bühne sprachen sie davon, dass sie sich zehn, zwanzig, ja vierzig Jahre nicht mehr gesehen oder nicht mehr zusammen gespielt hatten. Bei den einen war das kaum zu merken, bei anderen schon. Da kreischten die Gitarren, die Mikrofone pfiffen.

Gerade die Bluegrass-Formationen hatten ein bisschen mit dem gemeinsamen Rhythmus zu kämpfen. Bei anderen musste auch mal auf die zu spielende Tonart hingewiesen werden. Doch irgendwie passte das ja in die Mahogany Hall, die schon immer vom Spontanen und Improvisierten gelebt hat.

Mit einem Schuss Wehmut

Je länger der Abend dauerte, desto besser ging es. Und sensationell wurde es, sobald Martin Diem die Bühne betrat. Der ehemalige Polo-Hofer-Gitarrist brachte die nötige Ruhe und Professionalität mit in die «Mahogere». Für die Nachgeborenen war es eine Ehre, das legendäre Trio Urs Hostettler, Martin Diem und Luc Mentha erleben zu dürfen.

Mentha an Mandoline und Violine und Diem an der Gitarre spielten so souverän und mit einer unverschämten Leichtigkeit, dass es eine wahre Freude war. Dazu kamen die Texte von Volkslieder-Aficionado Urs Ho­stettler, gewohnt balladesk, literarisch, mit einem Schuss Wehmut und immerzu voller Lebenshunger. 

Danach gesellte sich zu Martin Diem sein Gefährte Konrad Rohrer auf die Bühne. Die beiden spielen ebenfalls bereits seit den Anfängen der Mahogany Hall zusammen und sind heute wieder als Duo unterwegs. Die vier gespielten Stücke kamen so sauber, abgerundet und satt daher, wie das nur Musiker können, die sich ein Leben lang kennen – ein ganzes Mahogany-Leben lang.

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