Warum wir so viel Wasser verbrauchen können

Weil Wasser so reichlich vorhanden ist, kann sich die Schweiz einen Luxus leisten: Mehr als die Hälfte des Trinkwassers wird hierzulande für die Körperhygiene und die WC-Spülung verbraucht.

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Stephan Künzi

Jeder Schweizer, jede Schweizerin konsumiert 162 Liter Wasser. Jeden Tag. Der Branchenverband der Gas- und Wasserversorgungen hat die Zahl so errechnet, und er schlüsselt sie gleich noch ein Stück weiter auf: Ohne das, was jeder und jede am Arbeitsplatz, beim Sport, in den Ferien – kurz: ausserhalb der eigenen vier Wände – verbraucht, sinkt die Zahl auf 142 Liter.

142 Liter pro Kopf und Tag beträgt der sogenannte Haushaltsverbrauch also – und davon geht über die Hälfte allein beim Duschen, Baden und Spülen der Toiletten buchstäblich den Bach runter (siehe Bildstrecke oben). Das hat der Verband anhand von Zählern festgestellt, die über eine gewisse Zeit in rund 700 Wohnungen an den Hahnen montiert waren. Was für eine Verschwendung, mag da so manchem spontan durch den Kopf schiessen.

Verschwendung oder nicht?

Jacques Ganguin relativiert. «Einverstanden», sagt der Chef des kantonalen Amts für Wasser und Abfall: Es gebe immer wieder Trockenperioden, in denen man das Wasser an einzelnen Orten rationieren müsse. Über den ganzen Kanton hinweg gesehen, seien die Wasservorräte aber völlig ausreichend. Seinen Grund hat dies zum einen im reichlich vorhandenen Grundwasser, das in erster Linie über die Niederschläge im Frühling und im Herbst gespiesen wird, wenn wenig verdunstet und auch die Landwirtschaft nicht viel Wasser braucht.

Zum andern versiegt das Schmelzwasser sogar im Hochsommer nicht, wie Ganguin mit einem Blick ins Oberland sagt, wo Gletscher die Aare und ihre Zuflüsse unablässig versorgen. Das werde trotz Klimaerwärmung auch in den nächsten 20 bis 30 Jahren so bleiben, und für die Zeit danach erarbeite man erst die Grundlagen. Federführend sei der Bund.

Es gibt kaum Alternativen

Vor diesem Hintergrund liegen für Ganguin die Prioritäten im Moment woanders. Weil es «lokal durchaus zu Engpässen kommen kann», wie er den Faden wieder aufnimmt, setzt sich der Kanton für den Ausbau der Wasserverbünde ein. Dank solcher Zusammenschlüsse könne man den Ausgleich zwischen Gebieten mit wenig und Gebieten mit viel Wasser schaffen, erklärt er.

Ganguin lässt offen durchblicken, dass es sich die Schweiz unter heutigen Voraussetzungen leisten kann, für die Hygiene so viel Wasser zu verbrauchen. Zumal Alternativen problematisch und auch teuer wären: Regenwasser etwa lasse sich nur bedingt zum Duschen und Baden verwenden, weil es immer ein Stück weit verunreinigt sei. Und dafür ein drittes Netz als Ergänzung zu den Trink- und den Abwasserleitungen aufzubauen, komme aus Kostengründen nicht infrage.

Technologischer Fortschritt

In der jüngeren Vergangenheit ist der Wasserverbrauch pro Kopf und sogar insgesamt ohnehin zurückgegangen. Wieso das so ist, wo doch die Bevölkerung unablässig wächst? Der Branchenverband, der den Fokus wieder auf die ganze Schweiz lenkt, macht verschiedene Ursachen aus. Er erinnert daran, dass Wassersparen in den Privathaushalten zum Trend geworden ist.

Zwar wird heute mehr geduscht als früher, und auch die Tendenz zu Einpersonenhaushalten treibt den Verbrauch eher in die Höhe. Dafür wird zu Hause weniger gekocht, und: Mit dem technologischen Fortschritt geht der Verbrauch in den sanitären Anlagen zurück. Das gilt für die Waschmaschinen ebenso wie für die WC, wo für eine Spülung früher 9 Liter, heute 6 Liter und künftig wohl nur noch gegen 4 Liter draufgehen.

Ins Ausland verlagert

Für die rückläufigen Zahlen genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, ist der Wandel von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft. Der Wegfall vieler ­Fabriken aus wasserintensiven Branchen wie der Lebensmittel- oder der Papierindustrie wirkt sich automatisch dämpfend aus. Wobei dieser Verbrauch zumindest zum Teil nur ins Ausland verlagert wurde und heute über importierte Produkte zurück in die Schweiz kommt.

Im internationalen Vergleich findet sich die Schweiz beim Wasserverbrauch im Mittelfeld wieder. Dass sie unter den europäischen Ländern eher zu den grossen Konsumenten gehört, führen Fachleute auf die gute Verfügbarkeit des Wassers zurück. In Ländern mit tieferen Werten können zudem die gesetzlichen Vorgaben anders sein. So schreibt Belgien bei Neubauten die Regenwassernutzung vor.

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