Die wundersame Vermehrung der Geschossfläche

Ostermundigen

Ist das geplante Hochhaus in Ostermundigen ein «Nutzungsrambo», wie es Architekt Rudolf Rast kritisiert? An die 30'000 Quadratmeter Geschossfläche sind geplant, lange waren es deutlich weniger.

So sollen das Hochhaus und der weit kleinere?Zusatzbau aussehen (Modellbild).

So sollen das Hochhaus und der weit kleinere?Zusatzbau aussehen (Modellbild).

(Bild: zvg)

Lucia Probst

Als «Nutzungsrambo» und «völlig überrissen» bezeichnet der Berner Architekt Rudolf Rast das geplante Hochhaus auf dem Ostermundiger Bären-Areal. Er ist nicht der Einzige mit Vorbehalten. Solche hat offenbar auch das Qualitätsteam, das die Planung begleitet. «Nach meiner öffentlichen Kritik hat mir ein Mitglied des Qualitätsteams in einem Schreiben gratuliert», sagt Rast. Auch dieses finde die geplante Nutzung überdimensioniert.

Erstmals steht das Qualitätsteam der Regionalkonferenz Bern-Mittelland in Ostermundigen im Einsatz. Nach dem regionalen Hochhauskonzept, das seit 2009 existiert, berät es Gemeinde und Bauherrschaft. Mathis Güller, Architekt und Präsident des Teams, bestätigt: «Wie hoch die Nutzung sein soll, ist für uns noch eine offene Frage.»

29'500 Quadratmeter Geschossfläche sind in den Überbauungsvorschriften, die derzeit im Rahmen der Mitwirkung öffentlich aufliegen, für das Hochhaus vorgesehen. Das ist viel mehr als die maximal 19000 Quadratmeter, die das Qualitätsteam in seiner Stellungnahme nach der Testplanung im Oktober 2011 empfohlen hat.

In der Zwischenzeit ist die Parzelle weit grösser, da sie um zwei Nachbarparzellen erweitert werden konnte. Statt für rund 4000 wird jetzt für rund 7000 Quadratmeter geplant. Die Bauherrschaft erhöhte auch die Nutzungsfläche um den gleichen Faktor. «Unsere Planer haben das so empfohlen», sagt Bernhard Marti, Verwaltungsratspräsident der Bären AG.

Im Qualitätsteam hat diese simple Hochrechnung aber Bedenken ausgelöst, wie Mathis Güller ausführt. «Das maximale Nutzungsmass ist nicht a priori die einzige Lösung.» Was wäre zum Beispiel der schlankste Turm, der noch wirtschaftlich ist? Wie sähe ein Turm aus, der besonders quartierverträglich ist? Das sind Fragen, die sich das Team stellt. Es forderte deshalb bereits vor Monaten eine Variantenstudie für die erhöhte Nutzung auf dem grösseren Baufeld, in der Wirtschaftlichkeit und Quartierverträglichkeit nochmals untersucht würden. Diese Studie gebe es noch nicht, sagt Güller. «Wir erachten sie aber als matchentscheidend.»

Deutlicher wird der Könizer Gemeindeplaner Thomas Furrer. Er war für die Testplanung Mitglied des Qualitätsteams und staunt über die Wende, die das Projekt nimmt: «Eine solche Berechnung der Nutzungsfläche ist eine Provokation», findet er. Das disqualifiziere das Projekt. «Städtebauliche Verträglichkeit lässt sich nicht einfach linear hochrechnen.» Vermutlich liege eine verträgliche Nutzung tatsächlich bei den rund 19'000 Quadratmetern Geschossfläche.

Schmaler nicht möglich

«Es wurde transparent gemacht, dass die Nutzung grösser wird», sagt Ostermundigens Gemeindepräsident Christian Zahler (SP). Auch das Qualitätsteam habe akzeptiert, mit dieser Variante in die Mitwirkung zu gehen. Die Gemeinde stehe für eine dichtere Bauweise ein. Klar sei der Eigentümer an einer hohen Ausnützungsziffer interessiert. «Wir haben dafür Verständnis», so Zahler.

«Es ist unser Ziel, ein wirklich hohes Haus zu bauen», begründet Bären-AG-Verwaltungsratspräsident Bernhard Marti die neue Berechnung weiter. Um Rentabilität alleine gehe es dabei nicht. «Auch ein 70-Meter-Hochhaus lässt sich vielleicht rentabel betreiben, aber ein 100 Meter hohes lässt sich erfolgreicher vermarkten. Alle wirklich hohen Hochhäuser in der Schweiz sind Erfolgsstorys.»

Marti führt aus: Schmaler könne man das Gebäude nicht planen, sonst sei eine Hotelnutzung nicht mehr möglich. Es gebe klare Vorgaben, wie viele Zimmer pro Etage Platz haben müssten. Faktisch heisst das: Vorab in der Höhe liesse sich der Bau verkleinern. «Aber dann stimmen die Proportionen nicht mehr.» Überdies verweist Marti darauf, dass das Hochhaus in den neuen Plänen rund 24'000 Quadratmeter Fläche habe. Der Rest entfalle auf einen neuen zweiten Bau. Doch Marti signalisiert auch Diskussionsbereitschaft: «Die Nutzung ist immer ein Thema.» Sicher werde man die Inputs dazu aus der Mitwirkung anschauen müssen.

«Teure Sandkastenübung»

Es stellt sich auch die Frage, wie wertvoll die von 2010 bis 2011 durchgeführte Testplanung überhaupt noch ist, nachdem das Projekt inzwischen stark grösser geworden ist hat. Für Marti ist sie dies durchaus: Die grössere Variante mit rund 30'000 Quadratmeter Nutzfläche sei am Anfang der Testplanung auch bereits ein Thema gewesen. «Man hat zuerst beide Varianten geprüft.» Es sei deshalb vertretbar, darauf abzustützen. «Natürlich wäre es idealer gewesen, hätten wir damals schon gewusst, dass die grössere Variante zum Zug kommt.» Aber Änderungen gebe es immer.

Weit kritischer sieht dies Thomas Furrer vom Qualitätsteam für die Testplanung: «Das ganze Testplanungsverfahren mit unserem Team war so kaum mehr als eine teure Sandkastenübung.» Dass auf die Testplanung kein Architekturwettbewerb folgt, stösst bei Kritikern wie Furrer und Rast ebenfalls auf Unverständnis (siehe Infobox). «Das Qualitätsteam hat auf das Projekt sehr wenig Einfluss», findet Rast. Und das bei einem Gebäude, das für hundert Jahre lang sehr dominant dastehen werde. «Es stört mich, dass hier offensichtlich die Grundeigentümer ihre Nutzungsvorstellungen durchsetzen.»

Die Mitwirkung läuft bis 11. Januar.

Berner Zeitung

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