Kleine Schätze und eine grosse Plage

Rüdtligen-Alchenflüh

Das historische Gemeindearchiv in der Zivilschutzanlage Alchenflüh ist umgezogen. Am Tag der offenen Tür können alte Dokumente an­geschaut werden – wie etwa ein Reglement über das Einsammeln von Maikäfern.

Elisabeth Kaltenrieder in ihrem neuen Reich: Die Archivarin wirft einen Blick in die Stellenvermittlung aus dem vorletzten Jahrhundert.

Elisabeth Kaltenrieder in ihrem neuen Reich: Die Archivarin wirft einen Blick in die Stellenvermittlung aus dem vorletzten Jahrhundert.

(Bild: Thomas Peter)

Nadja Noldin

Ein klaustrophobisches Gefühl beschleicht einen in den unterirdischen Gängen, so wie es eben ist in einer Zivilschutzanlage, die hermetisch abgeriegelt werden kann. Grün, gelb oder weiss sind die Wände gestrichen. In einigen Räumen ist noch ein Hauch von frischer Farbe zu riechen, andere wirken alt.

So gut wie alle der circa fünfzig Räume des einstigen Kommandopostens und des Notspitals in Alchenflüh sind leer. Nur in einem Raum stehen Regale, Pulte und Tische. Dort ist Elisabeth Kaltenrieder daran, für den Tag der offenen Tür die letzten Schriftstücke zur Ansicht hinzulegen. Denn morgen Samstag kann die umgebaute Zivilschutzanlage mit dem darin untergebrachten historischen Gemeindearchiv besichtigt werden.

Zum Beispiel das Schlafbuch

Elisabeth Kaltenrieder ist seit fast sechs Jahren Archivarin. Drei Schätze habe die Sammlung zu bieten, sagt die frühere Gemeindepräsidentin. Als Erstes deutet sie auf das älteste erhaltene Dokument: ein auf Pergament geschriebener Spruchbrief aus dem Jahr 1469.

Aus dem Jahr 1469: Das älteste erhaltene Dokument der Gemeinde. Bild: Thomas Peter

In diesem geht es um einen Streitfall zwischen Rüdtligen und Aefligen über Holz- und Nutzungsrechte im Schachen sowie Rechte am Dorfbach. Das Kernstück des historischen Archivs ist aber das «Schlafbuch», das sanft in einer Holzkiste schlummert. Mit Schlaf habe das Werk aber nichts zu tun, erklärt Kaltenrieder.

Darin zu finden sind Abschriften von Verträgen und Erlassen von 1469 bis 1898, die im Archiv «ruhend, schlafend lagern». Weiter wird ein 60-seitiges Inventarium über Gemeindeschriften zu sehen sein, das der damalige Gemeindeschreiber Johann Lehmann, ein Schüler Pestalozzis, 1837 erstellte.

Im Archiv lagern auch weniger wertvolle Papiere, die jedoch amüsante Geschichten bergen. Erwähnt sei ein Gemeindereglement betreffend die Einsammlung von Maikäfern von 1948. Damals gab es offenbar eine Käferplage.

«Das Mass der einzuliefernden Käfer beträgt 11 Liter oder 5 kg per Hektare (per Jucharte 4 Liter), sowie 4 Liter (2 kg) pro Haushaltung.»Aus dem Maikäferreglement

Der Gemeinderat konnte die Grundbesitzer und Haushalte in den Flugjahren dazu verpflichten, die Insekten einzufangen. «Das Mass der einzuliefernden Käfer beträgt 11 Liter oder 5 kg per Hektare (per Jucharte 4 Liter), sowie 4 Liter (2 kg) pro Haushaltung», steht im Artikel 3.

Die Insekten mussten in siedendem Wasser getötet und hernach an der Sammelstelle abgeliefert werden. Wer das vorgeschriebene Quantum nicht einlieferte, hatte für jeden fehlenden Liter 20 Rappen an die Gemeindekasse zu zahlen. Wer sich gar nicht beteiligte, konnte vom Gemeinderat mit 5 bis 30 Franken gebüsst werden.

Verloren, beseitigt, zerstört

Die Geschichte des alten Archivs indes nahm nach Lehmanns Zeit eine unrühmliche Wende: Es herrschte Raumnot, wie im Ortsbuch der Gemeinde nachzulesen ist. Etliche Dokumente sind offenbar schon früh verloren gegangen oder wurden absichtlich beseitigt.

Die Akten wurden später im grünen Schulhaus gelagert. Aber wie: Völlig unsortiert lagen sie kreuz und quer, die hohe Luftfeuchtigkeit und ein Wasserleitungsbruch hinterliessen Spuren: Fäulnis, Schimmel, Nässe zerstörten die Papiere. Hans Feuz, Archivar ab 1993, hat sie dann in akribischer Arbeit durchforstet, geordnet und beschriftet.

Sie wurden in einen Raum der Zivilschutzanlage gebracht. Aber weil es auch dort zu eng war, wurde das Archiv mithilfe der Kulturgüterschutzgruppe des Zivilschutzes im letzten Herbst an den jetzigen Standort gezügelt – in den Liegeraum des einstigen Notspitals.

Tag der offenen Türe: Samstag, 19. Mai, 9 bis 12 Uhr, Zivilschutzanlage unter dem Schulhaus.

Berner Zeitung

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