Ein Hauch von Las Vegas

Trotz Trainingsrückstand feiert Alain Chervet am Stephanstag-Meeting im Berner Kursaal einen Punktsieg. Für einen K. o. und freche Sprüche sorgt Andranik Hakobyan.

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Adrian Ruch

Profiboxen und Provokation, das gehört oft zusammen. Schon Muhammad Ali verhöhnte seine Gegner und kündete zuweilen in Gedichtform an, in welcher Runde er sie umhauen würde. Mittlerweile wird oft auch die unterste Schublade geöffnet, wenn es darum geht, einen Kampf anzuheizen. In der Schweiz ist solches Gebaren unüblich, in Bern sowieso. Der traditionelle Boxing Day wurde lange von Yves Studer geprägt, heute ist Alain Chervet als Lokalmatador das Aushängeschild. Der eine galt, der andere gilt als fairer, properer Sportsmann.

Dieses Mal sind im Berner Kursaal ein paar Dinge ungewohnt. So steht ein Produktionswagen hinter dem Gebäude, denn Teleclub zeichnet die ersten drei Fights auf und überträgt die beiden letzten auf dem Gratiskanal Zoom live. Fernsehabdeckung durch eine nationale Fernsehstation ist für den Schweizer Boxsport, das Stephanstag-Meeting sowie Veranstalter Leander Strupler ein grosser Schritt vorwärts.

Markige Sprüche

Nachdem Egzon Maliqaj seinen ukrainischen Gegner abgefertigt hat, verkündet er im Ring, er strebe einen Kampf um den Schweizer-Meister-Titel an. Den Namen des möglichen Wider­sachers nimmt der Aargauer nicht in den Mund; er sagt nur, dieser werde gleich zu sehen sein. Gemeint ist Andranik Hakobyan, in Armenien geboren und ebenfalls im Aargau daheim. Nach zwei verhalten absolvierten Runden legt der 29-jährige den Schalter um und lässt einen Schlaghagel auf Ivans Levickis niederprasseln. Nach einem heftigen Körpertreffer wird der Lette an- und kurz darauf nach einem präzisen Leberhaken ausgezählt.

Hakobyan, der sich der Einfachheit halber Ando Hakob nennt, lässt im Interview mit Speaker Albi Saner den Spruch fallen, «wir sind hier beim Boxen, nicht beim Pingpong oder beim Tennis». Maliqajs verbale Herausforderung beeindruckt ihn nicht. Jeder wisse, wer der bessere Boxer sei. Es sind Aussagen, wie sie sonst im Boxmekka Las Vegas zu hören sind. Auch kurz darauf in den Katakomben hält er sich nicht zurück. Er sei froh, vorzeitig gewonnen zu haben, berichtet Hakobyan, «aber ich hätte den Leuten gern länger eine Show geboten. Es soll nicht arrogant klingen, aber ich bin der beste Boxer hier, ja der beste Boxer in der Schweiz. Meine Schnelligkeit und meine Reflexe sind ausserordentlich, das hat sonst niemand zu bieten.»

Den Superleichtgewichtler als einfältigen Sprücheklopfer abzuqualifizieren, wäre ungerecht. Der ehemalige Flüchtling wird im Januar im Badener Stadtzentrum ein Gym eröffnen. Dort will er Jugendliche mit Migrationshintergrund trainieren und ihnen so helfen, Aggressionen abzubauen. «Ich war selber mal ein Junge von der Strasse, daher bin ich ein Vorbild für sie.» Sein soziales Engagement ändert nichts daran, dass er von schweizerischer Bescheidenheit nichts hält. Wenn er auf sich aufmerksam machen will, riskiert er nicht nur eine blutige, sondern zuweilen auch eine dicke Lippe. Übrigens: Ungefähr gleichzeitig gewinnt in Kreuzlingen der Thurgauer Zino Meuli durch Mehrheitsentscheid gegen den Tschechen Josef Zahradnik den WM-Titel im Weltergewicht des unbedeutenden Verbands WBF.

Blutige Nase

Nachdem Yoann Kongolo, Sohn eines Kongolesen und einer Freiburgerin, sowie der Italo-Aargauer Davide Faraci ihre intensiven Kämpfe nach Punkten gewonnen haben, steigt auch noch Chervet in das Seilviereck. Am Körper des 28-Jährigen aus Zollikofen ist nicht das kleinste Fettpölsterchen zu entdecken, doch der optische Eindruck täuscht: Aufgrund eines Beckennierenrisses in der Vorbereitung ist Chervet konditionell nicht in Topform. Das zeigt sich ab der vierten Runde. Im fünften Umgang verpasst ihm der Tansanier Khalid Manje dann mit einem Schwinger eine blutige Nase.

Doch der Berner übersteht die heikle Phase und kontrolliert in der Folge das Geschehen wieder. Das Publikum feuert ihn lautstark an. Am Ende sehen die Punktrichter Chervet als klaren Sieger. Das Nasenbluten habe ihn nicht irritiert, den Rückstand im physischen Bereich habe er aber gespürt. Der Gegner sei stark gewesen. «Ich musste jede Sekunde aufpassen, nicht in einen Hammer zu laufen.» Chervet hat vor, künftig besser im Wettkampfrhythmus zu bleiben und 2019 etwa dreimal anzutreten. Doch vorerst fliegt er heute nach Las Vegas – nicht des Boxens wegen, sondern um mit seiner Familie Ferien zu geniessen.

Berner Zeitung

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