Wo der Jazz aus den Wänden vibriert

Zeitlos oder aus der Zeit gefallen? Heute startet das 43. Internationale Jazzfestival Bern – im gediegensten Jazzclub des Landes, in Marians Jazzroom.

Jazz, Blues und Single Malt: In Marians Jazzroom kann Benny Zurbrügg (49) alle drei Leidenschaften verbinden.<p class='credit'>(Bild: Raphael Moser)</p>

Jazz, Blues und Single Malt: In Marians Jazzroom kann Benny Zurbrügg (49) alle drei Leidenschaften verbinden.

(Bild: Raphael Moser)

Michael Feller@mikefelloni

Naserümpfer gibts immer und überall, besonders wenn einer beharrlich seiner Wege geht. In der Jazzstadt Bern wird alljährlich ein wenig über das Jazzfestival Bern die Nase gerümpft. Zu wenig Innovation, zu wenig Nachwuchsförderung, zu wenig Berner grüssen aus dem Programmheft, lauten die wiederkehrenden Vorwürfe.

Wenn man Marians Jazzroom aber betritt, den Hauptaustragungsort des längsten Jazzfestivals der Welt (12. März bis 19. Mai) – dann kommt einem für diesen Raum nichts Passenderes in den Sinn als eben den guten ­alten Blues und den Jazz der Legenden, made in the USA. Nicht nur Amerikaner treten hier auf, aber sie machen einen guten Teil des Programms aus.

Dritte Leidenschaft: Whisky

Festivalleiter Benny Zurbrügg (49) giesst sich einen Single Malt ins Glas und setzt sich an die Bar des leeren Lokals. Alles steht bereit für die Konzerte von Eddie Cotton jr., den ersten Act im Marians nach der Opening Night von heute Abend im Bierhübeli (siehe Kasten). Der Whisky ist die dritte Leidenschaft Zurbrüggs nach dem Jazz und dem Blues. Eine Kombination wie geschaffen für diesen Club, der aus der Zeit gefallen und Geschichte zu atmen scheint, der aber gar noch nicht so alt ist.

1992 wurde bei der Sanierung des Hotels Innere Enge der Keller zum Konzertlokal ausgebaut. Ein «Hotel-Jazzkeller» sei das Marians aber nicht. «Das tönt ein wenig danach, dass man den Abend mit einem Barpianisten noch ein wenig ausklingen lässt.» Die Ambition war von Beginn weg eine andere. Zurbrüggs Vater, der neue Hotelbesitzer Hans Zurbrügg, nutzte seine Kontakte in die US-Jazzszene, um die interessanten Figuren und grossen Namen nach Bern zu lotsen. Er hatte bereits 1966 den Wolve­rines Jazz Club gegründet und 1969 im Hotel National das erste Berner «Hot Jazz Festival» durchgeführt. Seit 1994 arbeitet Benny Zurbrügg mit und ist längst Programmchef des Festivals. «Wir suchen die gute Mischform – zwischen grossen Namen, die das Publikum will, und den neuen Kräften im swingenden Jazz», sagt er. Auch die Jazzaffinität bei jüngeren Zuhörern steige. «Hier muss Musik erfahrbar sein und Spass machen.» Das heisst: keine verkopfte Musik, Jazz fürs Herz.

Für Zurbrügg ist das Marians eine «Insel dafür, den Alltag zu vergessen und schöne Musik zu geniessen». Darum ist der experimentelle Jazz nicht die Sache des Clubs. Auch die Akustik ist Old School, es braucht wenig Verstärkung für einen guten Sound.

Diverse Bands haben im Marians schon Platten aufgenommen. Viele Musiker kommen gerne wieder. «Sie schätzten das sehr aufmerksame Publikum, das sind sie sich nicht von überall gewohnt, schon gar nicht aus den Staaten», sagt Zurbrügg. An der Wand hängen die Bilder von lebenden und verstorbenen Legenden. Der gute alte Jazz ist eine Branche, die kein Pensionsalter kennt. «Hier sind Musiker am Werk, die spielen, bis sie tot umfallen. Es ist schon schön, gestandene, alte Musiker zu Gast zu haben – und sich von ihnen in Sachen Humor und Lebensenergie beeindrucken zu lassen», sagt Zurbrügg.

Zu den unvergesslichen Erlebnissen zählt er ein Gastspiel aus der Anfangszeit des Clubs, mit der damals 70-jährigen Linda Hopkins, die letztes Jahr gestorben ist. Er berichtet von be­eindruckender Energie und Trink­festigkeit. Oder von Louie Bellson, «einem der liebsten Menschen, den ich in je getroffen ­habe».

Der Schwede Svend Asmussen, auch er letztes Jahr verstorben, habe als leicht angeschlagener 90-Jähriger darauf bestanden, zwei volle Sets pro Abend zu spielen, Vertrag sei Vertrag.

Liebhaberei über alles

Für Zurbrügg ist die Liebhaberei das oberste Prinzip. Doch die Rechnung muss stimmen. «Ohne die Synergien mit dem Hotel ginge es nicht.» Das Marians profitiert von der Infrastruktur, das Hotel verkauft sich andererseits als Jazzhotel und ist besonders während des Jazzfestivals gut ausgelastet. Es führt «Musikerzimmer», in denen originale ­Stücke von Musikern ausgestellt sind. «Viele Gäste haben das Gefühl, dass der Jazz hier aus den Wänden vibriert», sagt Zurbrügg.

Berner Zeitung

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