Koloniale Spuren in Bern

Bern

Vor zwei Jahrhunderten haben Schweizer mit Sklaven gehandelt und zu der Überlegenheit der weissen Rasse geforscht. Nun will ein SP-Stadtrat die Vergangenheit aufarbeiten.

Die Vergangenheit aufarbeiten - am Montag findet im Berner Gaskessel eine Veranstaltung zur Rolle der Schweiz während der Kolonialisierungszeit statt.

Die Vergangenheit aufarbeiten - am Montag findet im Berner Gaskessel eine Veranstaltung zur Rolle der Schweiz während der Kolonialisierungszeit statt.

(Bild: Urs Baumann)

Kolonialismus und die Schweiz – zwei Begriffe, die nach gängiger Meinung nichts miteinander zu tun haben. Denn die Schweiz hat nie Kolonien besessen, keine Völker in Afrika unterjocht. «Trotzdem kann man nicht sagen, dass die Schweiz eine reine Weste hat», sagt Francesca Falk, Oberassistentin Geschichte an der Universität Freiburg. «Es finden sich überall Spuren von kolonialem Denken und Wirken.» So hätten Schweizer Kaufleute aus Basel, Neuenburg und Genf in den Sklavenhandel investiert und Sklavenschiffe besessen.

Diese Vergangenheit möchte SP-Stadtrat Halua Pinto de Magalhães aufarbeiten. Am Montag finden im Gaskessel zu diesem Zweck Vorträge von Historikern der Uni Freiburg, der Uni München und der ETH Zürich statt. «Wir müssen eine aktive Debatte führen, wie wir mit unserem kolonialen Erbe umgehen», sagt Pinto. Zu diesem Erbe gehöre etwa auch das Wappen mit dem Kopf eines stereotypisierten schwarzen Mannes, das die Zunft zum Mohren in Bern ziere und zu dem er mit SP-Stadtrat Fuat Köçer schon einen Vorstoss eingereicht habe. «Die Darstellung zeigt, welche Denkmuster damals vorherrschten.»

Grosser Baumwollhandel

Im Gespräch zählt Francesca Falk etliche weitere Beispiele von kolonialen Verflechtungen auf. Etwa die der Familie von Haller aus Bern. Der bekannte Naturforscher Albrecht von Haller verfasste ein Gedicht zu den Alpen, das für die nationale Identitätsbildung der Schweiz sehr wichtig wurde. Darin finden sich zahlreiche Bezüge zum kolonialen Kontext der Zeit. Sein Sohn Emmanuel, der mit der Tochter eines niederländischen Kolonialbeamten verheiratet war, beteiligte sich direkt am Sklavenhandel: Sklaven gegen bedruckte Stoffe. «Und der ebenfalls berühmte Grossneffe Carl Ludwig von Haller hat ein Rechtstraktat geschrieben, das erklärte, weshalb die Sklaverei sinnvoll und natürlich sei», sagt Falk.

Das Winterthurer Unternehmen der Gebrüder Volkart kontrollierte bis zu zehn Prozent des indischen Baumwollhandels. Die Stadt Bern war zudem eine der grössten Aktionärinnen der Südseekompagnie. Der Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant, wiederum leitete ein Kolonialprojekt in Algerien.

Neben der Wirtschaft war auch die Wissenschaft mit dem Kolonialismus verflochten. «An Schweizer Universitäten erforschten Wissenschaftler Schädelgrössen, um die Überlegenheit der weissen Rasse zu beweisen und damit den Kolonialismus zu legitimieren», so Falk.

Die Folgen der Kolonialisierung sind bis heute sichtbar. Nicht nur für die ehemaligen Kolonien und die Kolonialmächte, sondern auch für die Schweiz: «Die Migration zum Beispiel hat viel zu tun mit Ungleichheiten, die durch den Kolonialismus entstanden sind – und das spüren auch wir.»

Bern dekolonisieren, Montag, 23. März, 19 Uhr im Gaskessel

Berner Zeitung

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