Eine Krankheit, viele Gesichter

Bern-Grauholz

Einmal zu einem entspannten Ausflug aufbrechen und die Multiple Sklerose vergessen: Der Lions Club Bern-Grauholz hat es Betroffenen ermöglicht.

Gruppenbild nach dem Ausflug: Fritz Bähler, Kurt Spori, Walter Messerli (vorne von links) sowie René Berger und Beatrice Schenk (stehend).

Gruppenbild nach dem Ausflug: Fritz Bähler, Kurt Spori, Walter Messerli (vorne von links) sowie René Berger und Beatrice Schenk (stehend).

(Bild: Markus Grunder)

Stephan Künzi

Am Schluss stellen sie sich noch kurz für ein Gruppenbild zusammen. Im Rollstuhl, am Rollator oder auch nur mit einem Stock in der Hand lassen sich Fritz Bähler aus Bern, Kurt Spori aus Ostermundigen, Walter Messerli aus Belp, René Berger aus Bern und Beatrice Schenk aus St.Antoni vom BZ-Fotografen ins rechte Licht rücken – in Gedanken immer noch beim Ausflug, der gerade zu Ende gegangen ist.

Für einmal hat es der Lions Club Bern-Grauholz nicht beim Fahrdienst zu den monatlichen Treffen bewenden lassen, die jeweils etwas Abwechslung in den Alltag der fünf Multiple-Sklerose-Patienten und weiteren Betroffenen bringen. Am diesjährigen Lions Day hat die Vereinigung gleich eine zweistündige Reise über den Thunersee organisiert. Rund hundert Leute sind an Bord des Extraschiffs gestiegen, Lions-Mitglieder, Betreuer, natürlich und in erster Linie aber Erkrankte.

So unterschiedlich wie die Verfassung, in der die fünf zum Fototermin erscheinen, so unterschiedlich zeigt sich das Gesicht der Krankheit, die noch immer als unheilbar gilt. Die einen sitzen, die anderen stehen, die einen benötigen schweres Hilfsgerät, die anderen nur leichtes – multiple Sklerose verläuft beim einen kaum gleich wie bei der anderen.

Die Arbeit verloren

René Berger zum Beispiel ist auf den ersten Blick wenig anzumerken. Wenn er geht, und das ist über kürzere Strecken nach wie vor sogar ohne Stock möglich, ist das leichte Hinken erst bei genauerem Hinschauen erkennbar. Viele meinten daher, er habe sich nur eine Sportverletzung zugezogen, erzählt der 47-Jährige. Ja, es stimme: Bei ihm verlaufe die Krankheit bisher vergleichsweise milde.

Dennoch hat René Berger, als die Diagnose 2003 feststand, seinen Job als Tram- und Busfahrer über Nacht verloren, «weil meine Reaktionszeit beim Bremsen langsamer wurde». Seine Gesundheit ist und bleibt halt labil. Das hat er unlängst schmerzlich erfahren. In der Hoffnung auf Linderung der Symptome liess er sich Vitamine spritzen und wurde halbseitig gelähmt, zum Glück nur vorübergehend.

Fritz Bähler ist mit seinen 84 Jahren um einiges älter, und bei ihm ist die Krankheit auch fortgeschrittener. Weil er sich kaum mehr richtig bewegen kann, sitzt er im Elektrorollstuhl und ist auch sonst auf pflegerische Hilfe angewiesen. So haben er und seine Frau letztes Jahr ihre Wohnung aufgegeben und sind ins Heim gezogen. Dennoch mag auch Fritz Bähler nicht klagen. Immerhin konnte er fast bis zum ordentlichen Pensionsalter als Psychiatriepfleger arbeiten, wenn auch am Schluss halbtags.

Zweimal in der Familie

Walter Messerli und Kurt Spori sitzen ebenfalls im Rollstuhl, können beide aber, wie sie betonen, über kürzere Strecken gehen und deshalb noch in einer eigenen Wohnung leben. Beide haben die Krankheit lange vor der eigentlichen Diagnose bemerkt. Der 58-jährige Kurt Spori weiss noch heute, wie es ihn an einem Morgen wie ein Blitz durchfuhr, «ich spürte Funken durch den ganzen Körper». Beim 54-jährigen Walter Messerli begann alles mit einer langwierigen Augenentzündung. Schon damals hatten die Ärzte den Verdacht auf multiple Sklerose, allerdings erfuhr er dies erst über zwanzig Jahre später. «Zum Glück, so konnte ich bis dann ein ganz normales Leben führen.»

Beatrice Schenk hat gerade einen ihrer eher seltenen Schübe hinter sich. Sie ist froh, «dass wir es wieder hingekriegt haben» und sie weiterhin am Rollator gehen kann. Die 50-Jährige ist die Schwester von René Berger, und sie erzählt, wie man ihrem Bruder versicherte, er werde auf alle Fälle keine multiple Sklerose bekommen. Weil sie in ein und derselben Familie kaum zweimal vorkomme.

Passiert ist es trotzdem. Eben: Die Krankheit verläuft immer anders.

Am diesjährigen Lions Day haben sich die Lions Clubs aus der Schweiz und Liechtenstein an über zweihundert Orten gemeinnützig engagiert.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...