Ihr Ziel ist der Jungfrau-Marathon

Wie viele andere Läufer bereitet sich Selin Wüthrich dieses Jahr auf ihr persönliches Ziel vor. Im September will die Bernerin den Jungfrau-Marathon absolvieren. Der Auftakt zu unserer Serie.

Selin Wüthrich ist begeisterte Läuferin. Ihr diesjähriges Ziel ist der Jungfraumarathon im September.

Selin Wüthrich ist begeisterte Läuferin. Ihr diesjähriges Ziel ist der Jungfraumarathon im September.

(Bild: Raphael Moser)

Annic Berset

«Beweg dich!», meldet die Uhr von Selin Wüthrich, obwohl diese erst seit knapp einer halben Stunde auf dem Stuhl sitzt. «Die Uhr befürchtet vielleicht, dass ich mein Tagesziel von 12 500 Schritten nicht erreiche», sagt sie mit einem Lachen. Sorgen muss sich das Hightechgerät deswegen aber gewiss nicht machen, denn die bald 28-Jährige aus Wichtrach ist tatsächlich Tag für Tag in Bewegung – auch, um für den Jungfraumarathon im September so fit wie möglich zu sein. «Zum Glück lobt mich meine Uhr auch, wenn ich etwas geschafft habe, das hält die Motivation hoch.»

Die Bauleiterin und Architekturstudentin wird in diesem Jahr gemeinsam mit vielen Tausend Laufbegeisterten verschiedene Läufe absolvieren, um für ihr Saisonziel gewappnet zu sein. Am Wochenende wurde die Laufsaison 2018 mit dem Kerzerslauf offiziell eröffnet, über 8000 Läuferinnen und Läufer nahmen die 5 oder 15 Kilometer unter die Füsse. Selin Wüthrich war jedoch keine von ihnen – warum nicht? «Für mich hat das Laufen keine Saison, ich jogge das ganze Jahr über. Da hat auch das Wetter keinen Einfluss drauf.» Sie habe sich aber nicht bewusst gegen den Kerzerslauf entschieden, denn die Bernerin freut sich auf die kommenden Laufevents in der Region Bern, die sie als Vorbereitung für ihr Saisonziel absolvieren wird. «Die Stimmung an diesen Läufen treibt einen schon noch zusätzlich an, da holt man auch das letzte Bisschen aus sich heraus.»

Lauffieber

Angefangen zu laufen hat Selin Wüthrich vor neun Jahren mit ihrem Vater, der jeweils den Grand Prix von Bern absolvierte. «Es kam häufig vor, dass wir gemeinsam um fünf Uhr morgens aufgestanden sind, um joggen zu gehen», erzählt sie. Dank ihm habe sie das Lauffieber gepackt – und bis jetzt nicht wieder losgelassen. «Laufen ist für mich besser als jede Therapie, da kann ich den Kopf durchlüften und Stress abbauen.»

Nach ihren ersten 16 Kilometern am Grand Prix lief Selin Wüthrich 2010 dann gleich den Nachtmarathon von Biel. «Das war das letzte Rennen, das ich zusammen mit meinem Vater gelaufen bin», sagt sie schmunzelnd. Er habe im Anschluss an die 42 Kilometer solche Krämpfe gehabt, dass er seither keine längeren Läufe bestritten habe. Seine Tochter hingegen setzte ein Jahr später noch einen drauf und nahm am 100-Kilometer-Rennen von Biel teil. «Es hat mich gejuckt, herauszufinden, ob ich eine solche Distanz überhaupt bewältigen kann.» Sie konnte. Nach siebzehn Stunden war die Strecke geschafft. «Solche Ziele brauche ich, sie motivieren mich zusätzlich», erklärt die 27-jährige Sportskanone. «Ich wusste, nach den 100 Kilometern musste ich etwas Neues ins Auge fassen, denn weiter in die Länge konnte ich ja nicht mehr gehen.» Also entschied sie sich, die Herausforderung in der Höhe zu suchen. Der Jungfrau-Marathon schien hierfür mehr als geeignet.

Verletzung

Dass aber noch sieben Jahre vergehen würden, bis dieses Ziel in die Nähe rückt, war eigentlich nicht geplant. Im Volleyball, die Sportart, die Selin Wüthrich betrieb seit sie zehn Jahre alt war, erlitt sie 2011 einen Kreuzbandriss, der den Sport allgemein kurzzeitig in den Hintergrund ­rücken liess. Doch die Bernerin kehrte wieder in die Halle zurück, trainierte im Volleyball, drehte wieder Joggingrunden, und auch das Rennvelo wurde zu einer neuen Leidenschaft. Die Volleyballschuhe hat sie mittlerweile an den Nagel gehängt. «Ich habe meine Rückenschmerzen und Knieprobleme auf Dauer nicht mehr in den Griff bekommen.» Häufig musste Selin Wüthrich für die Spiele Schmerztabletten nehmen. «Das wollte ich auf Dauer nicht.»

Vergessen ging das Ziel vom Jungfrau-Marathon während dieser ganzen Zeit nie. «Dieses Jahr habe ich mir gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann?» Das Knie werde zwar nie mehr so sein wie vor dem Unfall, Schmerzen hat sie beim Laufen aber keine. Und jünger oder fitter werde ja auch sie kaum, bemerkt sie leichthin. Seit Anfang März trainiert die Bernerin nun vermehrt längere Distanzen. Weil die körperliche Belastung beim Jungfrau-Marathon intensiv ist, hat sie sogar mit ihrer Physiotherapeutin ein Programm zum Aufbau und Training des Marathons erarbeitet.

Triathlon

Und was passiert, wenn auch das Ziel eines Marathons in der Höhe erreicht ist? «Das Laufen wird mich noch lange begleiten, und am liebesten würde ich als nächsten Schritt auch noch richtig gut schwimmen lernen», sagt Selin Wüthrich. Die nächste Disziplin, die sie dann in Angriff nehmen will, ist der Triathlon. Und wenn man sie so sieht, bestehen keine Zweifel, dass sie auch dieser neuen Sportart sofort gewachsen sein wird.

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