Neues Programm übersetzt Ärztechinesisch

Das Problem ist chronisch: Arztrechnungen sind unverständlich und unübersichtlich. Die Ärzte weisen die Schuld von sich. Nun soll ein neues Übersetzungsprogramm Abhilfe bringen. Im Einsatz ist es bisher erst bei der Krankenkasse Atupri.

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(Bild: Max Spring)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Nur schon die Darstellung ist derart verwirrlich, dass die meisten ihre Arztrechnungen wohl rasch wieder weglegen. Andere kapitulieren spätestens beim Versuch, die fachchinesischen Ausdrücke inmitten der vielen Zahlen zu verstehen. Die Unverständlichkeit von Arztrechnungen ist ein chronisches Leiden und schon oft beklagt worden. Passiert ist bisher nichts.

Das ist ein ernsthaftes Problem. Ärzte und Spitäler stellen für ambulante Leistungen jährlich mehr als 10 Milliarden Franken in Rechnung. Bei diesem Volumen und dem anhaltenden Kostenwachstum wäre es hilfreich, wenn die Patienten die Rechnungen verstehen und kontrollieren könnten.

Doch davon kann keine Rede sein. «Nach bald zehn Jahren sind die Rechnungen immer noch voll unverständlicher Codes und Details. Zentrale Informationen wie die total verrechnete Zeit fehlen»: Diese Fundamentalkritik, verfasst von der Finanzkon­trolle des Bundes, stammt notabene aus dem Jahre 2010. Heute weiss man: Sieben Jahre später sieht es noch genau gleich aus.

Der Anstoss kam von aussen

Das Problem der Rechnungen ist verknüpft mit dem Problem des Tarmed, des Tarifs für ambulante Leistungen. Dieser ist längst überholt und trotzdem noch in Kraft. Aber so wenig Ärzte, Spitäler und Versicherer bisher in der Lage waren, sich auf einen neuen Tarif zu einigen, so wenig schafften sie es, die Verständlichkeit der Rechnungen zu verbessern.

Dabei ­ist die Vorgabe des Gesetzes klar: Die Ärzte müssen den Patienten «eine detaillierte und verständliche Rechnung zustellen». Detailliert sind die Rechnungen gewiss, verständlich nicht.

Doch jetzt gibt es Hoffnung auf Besserung. Ein neues Compu­terprogramm «übersetzt» die Tarmed-Rechnungen in allgemein verständliche Sprache und verbessert vor allem die Darstellung enorm. Symptomatisch ist die Entstehungsgeschichte des Übersetzungsdiensts: Dahinter stehen weder Ärzte noch Spitäler oder Krankenkassen, sondern Aussenstehende.

Aus «Applana­tionstonometrie» wird «Augen­untersuchung».

Die Stiftung für Konsumentenschutz hatte sich vor Jahren mit dem Problem an die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) gewandt. Dort machte sich Felix Steiner gemeinsam mit einem Team vom Departement für angewandte Linguistik daran, einen Fach­chinesisch-Übersetzer für den Tarmed zu konstruieren.

Es war später auch Steiner, der dafür sorgte, dass der Tarmed-Dolmetscher doch noch den Weg in die Praxis findet: Die ­Suva übernahm die ­Finanzierung und die Vermarktung des Projekts. Sie vergibt heute Lizenzen an Krankenkassen, die das Programm verwenden wollen.

50 bis 100 Aufrufe am Tag

Bisher hat indes erst eine angebissen: Die Atupri-Gesundheitsversicherung stellt ihren Kunden das Programm seit Januar zur Verfügung. Die rund 200'000 Versicherten der früheren ­SBB-Betriebskrankenkasse können ihre Rechnungen online unkompliziert übersetzen lassen. Das Angebot werde rege benutzt und gemäss Feedbacks von den Kunden auch sehr geschätzt, teilt Atupri auf Anfrage mit. Pro Tag verzeichne man bisher 50 bis 100 Aufrufe.

Wer nicht bei Atupri versichert ist, hat noch keine Möglichkeit, das Programm zu verwenden. Die Suva hält aber fest, es hätten sich schon weitere Krankenkassen gemeldet, die es anbieten wollen. Ziel der Suva ist, dass der Übersetzer möglichst breit zum Einsatz kommt. Er soll die Transparenz im Gesundheitswesen erhöhen und dazu beitragen, dass Arzt und Patient auf ­Augenhöhe kommunizieren können.

Der Suva geht es dabei auch um die Kosten: Sie will das Bewusstsein dafür schärfen, dass ­jeder Einzelne etwas gegen den Kostenanstieg tun kann, wenn er seine Rechnungen kontrolliert und nicht bezogene oder zu viel verrechnete Leistungen der Versicherung meldet. All dies geht aber nur, wenn die Patienten die Rechnungen verstehen.

Der Tarmed-Dolmetscher machts möglich. Sein Hauptvorteil liegt darin, dass er die Darstellung aufs Wesentliche reduziert und die ­einzelnen Posten der Rechnung in Kategorien ­einteilt von «Untersuchungs­gespräche» über «Material» bis «Medikamente». Zudem sind medizinische Fachausdrücke laienverständlich übersetzt. So wird die «Applanationstonometrie» zur «Augenuntersuchung», oder die «aktivierte partielle Thromboplastinzeit» taucht neu unter dem Titel «Labor» als «Blutuntersuchung» auf.

Dschungel mit 4600 Bäumen

Allerdings umfasst der Tarmed über 4600 einzelne Positionen. Linguist Steiner und seine Kollegen sind noch nicht bis in die hintersten Winkel dieses Dschungels vorgedrungen. Sie haben sich an der Häufigkeit orientiert: In die Laiensprache transferiert wurden vor allem die Positionen, die in der Praxis oft vorkommen.

Es gibt immer noch Bereiche mit medizinischen Raritäten, die nicht übersetzt sind. In Zukunft wird die Suva dafür sorgen, dass der Übersetzungsdienst ­à jour gehalten wird, zum Beispiel auch bei Änderungen im Tarmed.

Die «aktivierte partielle Thromboplastinzeit» taucht neu unter dem Titel «Labor» als «Blutuntersuchung» auf.

Nicht nur die Versicherer, sondern auch die Ärzte freuen sich über den neuen Tarmed-Übersetzer – zumindest offiziell: «Wir begrüssen alles, was die Trans­parenz und die Information des Patienten verbessert», sagt Urs Stoffel, Vorstandsmitglied der Ärzteverbindung FMH, auf Anfrage.

Er stellt auch gar nicht in Abrede, dass die Arztrechnungen «ungeheuer kompliziert und ­unübersichtlich» seien. Stoffel betont aber, dies sei nicht im Interesse der Ärzte. Im Gegenteil: In vielen Arztpraxen gebe es un­nötigen Mehraufwand, weil Patienten die Rechnungen nicht entziffern könnten und deshalb nachfragten. «Wenn das neue Programm da Abhilfe schafft, ist uns sehr gedient.»

Gemeinsam mit Kollegen hat Stoffel das Übersetzungsprogramm auch schon einmal kurz getestet. Die Ergebnisse seien durchaus vernünftig gewesen, Fehler sind ihm nicht aufgefallen.

Millimeter und Quadrätchen

Trotzdem: Warum sind die Arztrechnungen derart unübersichtlich und schwer verständlich, wenn die Ärzte das selber nicht gut finden? Urs Stoffel holt aus. Vor Einführung des Tarmed 2004 hatten sich Ärzte, Spitäler, ­Apotheker, Physiotherapeuten, Kranken- und Unfallversicherer im «Forum Datenaustausch» zusammengetan. Dieses erhielt den Auftrag, die Übermittlungs­standards zu regeln, auch für die Rechnungen.

«In diesem Gremium wurde um jeden Millimeter und um ­jedes Quadrätchen auf den ­Rechnungsformularen gerungen», sagt Stoffel. Für das hinterste und letzte Textfeld sei verbindlich definiert worden, welche Angaben und Codes wo stehen müssen. Dies alles mit dem Ziel, dass die Versicherer die Rechnungen elektronisch empfangen und verarbeiten können.

Das meiste, was damals vereinbart worden sei, gelte heute noch, sagt Stoffel. Das liegt vor allem daran, dass im «Forum» das Prinzip der Einstimmigkeit gilt, was es schwierig macht, schon nur kleinere Umstellungen durchzusetzen. Diese seien zudem immer mit ­hohen Kosten verbunden, müsse doch jede der vielen Tausend Arztpraxen landauf, landab die Änderung umsetzen.

Wie auch immer: Jedenfalls nutzt die Gesundheitsbranche die heutigen Möglichkeiten der Technik noch nicht, zumindest nicht bei der Rechnungsstellung.

Berner Zeitung

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