Zu Ende gedacht, bleibt nur Suizid

Kinder zu bekommen, belastet die Umwelt extrem, behauptet ein neues Buch. Handelt also unmoralisch, wer Kinder bekommt?

Drohen wegen der Idee, aus ökologischen Gründen auf Kinder zu verzichten, bald menschenleere Spielplätze? Foto: Getty Images

Drohen wegen der Idee, aus ökologischen Gründen auf Kinder zu verzichten, bald menschenleere Spielplätze? Foto: Getty Images

Michèle Binswanger@mbinswanger

Sie ist 38 Jahre alt und sie nervt sich. Die deutsche Autorin und Gymnasiallehrerin Verena Brunschweiger empfindet es als Zumutung und Übergriff, wenn sie nach ihrem Kinderwunsch gefragt wird. Beziehungsweise danach, warum sie keine wolle. Als Antwort hat sie nun ein ganzes Buch zum Thema geschrieben. Und nervt damit viele andere.

Es ist ein provokantes Buch, wie sich aus den Reaktionen auf ihre Thesen schliessen lässt. Sie argumentiert darin auf zwei Ebenen. Als Feministin prangert sie einerseits das «pronatalistische Dogma» in unserer Kultur an. Sie meint damit den Druck auf Frauen, nur durch Mutterschaft voll akzeptiert zu werden. Der zweite Argumentationsstrang bezieht sich auf die Umwelt, denn jedes nicht geborene Kind bedeute eine Einsparung von jährlich 50 Tonnen CO2. Ein deutsches Kind habe zudem einen Ressourcenverbrauch von 30 afrikanischen Kindern. «Diese Schuld könnte ich niemals auf mich nehmen», erläuterte sie im «Nachtcafé» des Südwestrundfunks.

Es ist wenig erstaunlich, dass solche Aussagen starke Reaktionen erzeugen, vor allem in den sozialen Medien. Doch anstatt in den Shitstorm gegen Brunschwiler einzustimmen, prüfen wir ihre Argumente rational: Hängt der weibliche Status von Mutterschaft ab? Und muss sich jemand, der Kinder in diese Welt setzt, tatsächlich als Umweltsünder fühlen?

Individuelle Freiheit zugunsten Gemeinschaft

Zur letzten Frage ist natürlich ungeschickt, wenn Frau Brunschweiger von einer «Schuld» spricht, die sie nicht auf sich laden wolle. Darin steckt nämlich eine Schuldzuweisung an all jene, die sich für Kinder entscheiden. Und wenn sie dafür plädiert, dass die Gesellschaft ihre profunde und reflektierte Entscheidung gegen Mutterschaft ohne weiteres Nachfragen akzeptiert, kann man das auch umgekehrt von ihr fordern, und zwar ohne Schuldzuweisung.

Dennoch sind ihre Fragen legitim. Schliesslich propagiert sie ihre Haltung zunächst vor allem als Argument für ihre individuelle Entscheidung und damit als Beitrag zu einer Ethik-Diskussion. Denn obschon wir als Menschen von Natur aus moralische Empfindungen haben, sind die Leitplanken unserer Moral nicht naturgegeben. Sie gemeinsam auszuhandeln, gehört zu den Grundprinzipien einer liberalen Gesellschaft. Ob wir nun darüber diskutieren, wie anstössig es ist, nach Thailand in die Ferien zu fliegen, sich allabendlich ein Steak zu gönnen oder eben Kinder zu bekommen, im Hintergrund steht immer dieselbe Frage: Wie weit wollen wir unsere individuellen Freiheiten zugunsten eines grösseren Ganzen beschneiden?

Recht auf Kinder

Allerdings muss man das Recht auf Kinder genauso hoch gewichten wie das Recht, sich als Frau eben dagegen zu entscheiden. Nur weil Brunschweiger selbst ihre Entscheidung als umweltfreundlich verkauft, macht das nicht aus allen Eltern Umweltsünder. Die Frage ist mehr, um welches grössere Ganze es hier geht und wie wir es definieren. Denkt man nämlich Brunschweigers Umwelt-Argument zu Ende, steht am Schluss tatsächlich der Suizid als konsequenteste aller Lösungen. Laut dem Philosophen Martin Heidegger aber geht es «dem Dasein in seinem Sein um sich selbst». Der Mensch ist trotz seiner Fehler Teil der schützenswerten Umwelt. Damit ist nicht nur der Suizid vom Tisch, sondern hat auch die Fortpflanzung als wesentlicher Aspekt des menschlichen Daseins ihre Berechtigung. Daher dürfte auch unser pronatalistisches Dogma rühren. Frau Brunschweiger wird sich vermutlich also weiter nerven müssen.

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