Der Hauskauf mit Pensionskassengeld birgt Risiken

Mit Milliardenbeträgen aus der Pensionskasse finanzieren Privatpersonen ihr Wohneigentum. Davon bezahlen sie nur einen Bruchteil zurück. So entstehen Lücken in der Altersvorsorge, die zum finanziellen Risiko werden.

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(Bild: Karikatur: Max Spring)

Bernhard Kislig@berrkii

2,2 Milliarden Franken haben Schweizerinnen und Schweizer im Jahr 2010 aus ihren Pensionskassen abgezogen, um Häuser oder anderes Wohneigentum zu finanzieren. Nur wenig davon zahlen sie wieder in die Altersvorsorge zurück (siehe Grafik). Ein hohes Risiko gehen jene ein, die aufgrund der jetzt tiefen Hypothekarzinsen auch den letzten verfügbaren Franken ihrer Pensionskasse für die Wohneigentumsfinanzierung verwenden. Denn wer später aufgrund steigender Zinssätze die Hypothek nicht mehr finanzieren kann, verliert sein Haus. Und wenn das Haus unter Zeitdruck zu einem tiefen Preis verkauft werden muss, geht zusätzlich noch das Pensionskassenvermögen verloren.

Gemäss einer UBS-Studie beziehen besonders oft Personen, die wenig Geld verdienen und gleichzeitig auch wenig sparen ihr Pensionskassenkapital zur Finanzierung von Wohneigentum. Mit anderen Worten: Vorbezüge sind besonders häufig mit den zuvor erwähnten Risiken behaftet.

Erhebliche Einschränkungen

Der Bundesrat hat das Problem erkannt. Gemäss dem Bericht zur Zukunft der zweiten Säule, den er im Februar in die Vernehmlassung schickte, müssen sich knapp 20 Prozent der Rentnerinnen und Rentner wegen solcher Vorbezüge «finanziell in erheblichem Masse einschränken». Zumindest ein Teil dieser Personen werde aufgrund von Einbussen bei den Renten auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein, heisst es im Bericht.

Das Risiko von schmerzhaften Renteneinbussen liesse sich mit einer Rückzahlung der Vorbezüge verhindern. Das ist normalerweise nur bis drei Jahre vor dem ordentlichen Pensionierungsdatum der Pensionskasse möglich und setzt eisernen Sparwillen voraus. Und wie die Grafik zeigt, ist es bisher darum alles andere als gut bestellt. Bei der Pensionierung zeigt sich, ob ein Versicherter seine Vorbezüge zurückbezahlt hat. Markus Hübscher, Geschäftsführer der Pensionskasse SBB, stellt fest: Die Mehrheit hat die Lücke in der Altersvorsorge nur teilweise oder gar nicht beglichen. Wer also Pensionskassengeld in das Wohneigentum investiert, muss in der Mehrheit der Fälle eine Einbusse bei der Rente in Kauf nehmen.

Keine verlässlichen Resultate

Auch Dieter Stohler, Direktor der Publica, bestätigt, dass nur die wenigsten ihre Vorbezüge zurückerstatten. Zugleich relativiert er und weist darauf hin, dass es die Wohneigentumsförderung via 2.Säule erst seit 1995 gibt. «Bis heute konnten noch nicht mehrere Generationen davon Gebrauch machen», sagt Stohler. Mit anderen Worten bedeutet das: Erst nach 30 bis 40 Jahren sind zuverlässige Aussagen darüber möglich, in welchem Umfang Vorbezüge zurückerstattet werden. Die gleiche Meinung vertritt Christoph Ryter, Geschäftsführer der Migros-Pensionskasse. Junge Eltern, die ihr Eigenheim mit Geld aus der Pensionskasse finanzieren, sind oft erst 20 Jahre später in der Lage, die Vorbezüge wieder zurückzubezahlen. Diese Zeitspanne ist seit der Einführung der Wohneigentumsförderung 1995 noch nicht verstrichen. Tatsächlich zeigt auch die Grafik, dass die Rückerstattungen – auf tiefem Niveau – stark steigen. Von 2004 bis 2010 haben sie sich verdreifacht.

Höhere Belastung

Manche Leute nehmen tiefere Renten bewusst in Kauf. Das Ziel ist meist, mit einem Teil der Altersvorsorge günstigen Wohnraum zu finanzieren. Doch es ist unsicher, ob sich so die Wohnkosten im Alter dauerhaft senken lassen. So verweist der bundesrätliche Bericht darauf, dass ein Zinsanstieg die erhofften Einsparungen zunichte machen kann. Das gilt für jene, die auch im Rentenalter eine höhere Hypothek finanzieren müssen. Und wer alle Schulden abbezahlt hat, muss aufgrund des Eigenmietwerts mehr Steuern bezahlen. Der Eigenmietwert ist ein fiktives Einkommen, das Hausbesitzer als Einkommen versteuern müssen. Er ist in der Regel ein wenig tiefer als die marktübliche Miete. Ganz billig oder gratis wohnen ist deshalb mit Wohneigentum nicht möglich.

Erste Schritte

Aufgrund der Risiken haben Banken auf Druck von Bundesrat und Finanzmarktaufsicht Anfang Juli ihre Kriterien für die Kreditvergabe verschärft: Wer eine Hypothek aufnimmt, darf seine Eigenmittel neu nicht mehr nur aus der Pensionskasse finanzieren. Mindestens 10 Prozent des Kaufpreises müssen nun «hartes» Eigenkapital sein, das aus anderen Ersparnissen stammt. Das darf aber mit weiteren Vorbezügen aus der Pensionskasse ergänzt werden. Experten gehen davon aus, dass diese Weichenstellung die Probleme um die Eigenheimfinanzierung aus der Altersvorsorge wenigstens zum Teil entschärft.

Berner Zeitung

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