Hoffen auf Imagewechsel und Angst vor Hooligans

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Kurz vor dem Start zum Eröffnungsspiel zwischen Polen und Griechenland leben die Leute in Warschau zwischen Skepsis und Euphorie. Bernerzeitung.ch/Newsnetz-Reporter Sebastian Rieder hat sich auf der Strasse umgehört.

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Sebastian Rieder@RiederSebastian

Es ist die Ruhe vor dem Sturm: Einen Tag vor dem Auftakt zur Fussball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine geht in Warschau noch alles sehr gemächlich zu und her. Die Stadt hat sich schöngemacht, überall ist Putzpersonal zugegen und schrubbt die City auf Hochglanz. Sogar nach Mitternacht ist der Reinigungsdienst auf der Strasse in vollem Einsatz und füllt Kehrichtsäcke. Auch wenn die Bemühungen augenfällig sind, neu sei das nicht, sagt der Fanartikelverkäufer Max. «Warschau hat sich nicht gross verändert», so der 46-jährige Arbeitslose. Mit dem Verkauf von polnischen Fähnchen und Hüten versucht er sich über Wasser zu halten. Die EM-Euphorie spürt er nur am eigenen Leib, sonst sei die Stadt wie immer.

Im Zentrum ragt der Kulturpalast über der grössten Fanzone Polens. Das Public Viewing auf dem Paradeplatz ist noch abgesperrt, aber die Bühne für das grösste Volksfest des Landes steht bereit. Joanna, Studentin aus Warschau, war erst kürzlich für ein Semester in der Schweiz und hofft, dass Polen durch die EM einen Imagewechsel vollziehen kann. «Polen ist anders, als viele denken. Der Kommunismus ist zwar noch immer sichtbar, vor allem architektonisch, aber überall schiessen moderne Gebäude in den Himmel. Warschau wird irgendwann richtig hip.»

«Die Hooligans sind ein grosses Problem»

Weniger euphorisch ist Marcin, der 32-jährige Arzt denkt schon an das Ende des Turniers und fragt sich: Was passiert nach der Euro mit den Stadien. Wer soll die teuren Arenen unterhalten? Während der polnischen Meisterschaft seien die Stadien nie ausverkauft, und auch sonst besuchen nur fanatische Fans die höchste Liga des Landes. «Die Hooligans sind ein grosses Problem», sagt Wojtek. Er ist bei der National Security in Ausbildung und befürchtet, dass die Ultras aus dem armen Stadtteil Praga viel Ärger machen werden. Anders sehen das Tomasz und Igor, die an ein friedliches Fussballfest glauben. «Wir wollen gegen Deutschland im Viertelfinal gewinnen.»

Ein Sieg gegen Deutschland wäre auch für Petar eine schöne Sache. Der Rentner hat den Krieg gegen die Nazis überlebt, vergessen kann er das nicht, Aggressionen gegenüber den deutschen Fans hegt er aber keine. «Ich hasse die Deutschen nicht», sagt er kurz und trocken. Ein wenig abseits vom Nationalstadion steht ein Angler am Flussufer, sein Name ist Oleg, ebenfalls in Pension. Er fischt im Trüben. Weil der Staat mehrere Hundert Millionen ins Turnier investiert, fehlt es ihm nun beim Rentenbeitrag: «Die Regierung lässt uns im Stich.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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