«Das war der Tiefpunkt meines Lebens»

Lara Gut gewährt in ihrem Kinofilm «Looking for Sunshine» ungewohnt intime Einblicke in ihre Welt abseits der Scheinwerfer im Skizirkus.

«Ich habe gelitten und mir selber weh getan»: Lara Gut und die schmerzhafte Konfrontation mit ihrem Spiegelbild. (Video: Sebastian Rieder)
Sebastian Rieder@RiederSebastian

Ein Sturz, ein Schrei, und alles ist vorbei. Das linke Knie kaputt. Aus der Traum von WM-Gold. Schon wieder. Der 10. Februar 2017 in St. Moritz endet für Lara Gut im Fiasko. Nach dem fatalen Aufwärmen zur Super-Kombi wird sie abseits der Slalompiste im Helikopter abtransportiert, statt im Ziel von den Fans als Heldin gefeiert zu werden.

Ein Gefühl von Verzweiflung, Wut oder gar Ohnmacht? Nichts dergleichen. Lara Gut ist frei, endlich. «Am glücklichsten fühlte ich mich drei Sekunden nach dem Kreuzbandriss.» Die Aussage ist verstörend und faszinierend zugleich. Und es ist der Einstieg in einen Film, der den turbulenten Aufstieg einer Athletin zeigt – und im Gegenzug ebenso die tiefen Abgründe beleuchtet. «Ich habe die Ruhe gesucht und in diesem Moment nach dem Sturz auch gefunden. Ich wollte nicht mehr gegen mich selber kämpfen. Nach der Verletzung gab es keinen Kampf mehr.»

St. Moritz ist dabei einer der Schauplätze, an dem sie während ihrer Laufbahn fast gleichzeitig Himmel und Hölle durchlebt. So auch beim Gewinn des Gesamtweltcups vor zwei Jahren. «Die grosse Kristallkugel sollte eigentlich der Höhepunkt der Karriere sein, aber als Mensch war es der Tiefpunkt in meinem Leben, auch als Athletin. Trotz des Erfolgs habe ich mich völlig verloren gefühlt. Es war ein Leben mit nur wenig Sonnenschein.»

Schonungslos, ohne Zensur

«Looking for Sunshine» heisst der 90-minütige Film von ­Niccolo Castelli, der sie fast zwei Jahre mit der Kamera hautnah begleitete und ihr am Ende mit seinen Bildern frei von Zensur den Spiegel vorhielt. «Ich habe nie eine Grenze gezogen beim Filmen», sagt die 27-jährige Tessinerin. Es sind dabei Szenen entstanden, die eine Frau zeigen, die abseits des Weltcups um ihre Identität kämpft und dabei ihre fragile Seite schonungslos offenlegt. «Es war der einzige Weg, um zu zeigen, was wirklich passiert ist und wie ich mich gefühlt habe. Ich wusste nicht, was ich ändern sollte. Alle haben versucht, mir Kraft zu geben und eine Lösung zu finden. Durch den Film habe ich sehr viel über mich gelernt. Als ich mich am Bildschirm sah, habe ich echt gelitten. Es hat mir wehgetan, mich so zu sehen. Und mir ist klar, dass ich mir selber wehgetan habe.»

Fröhliche Farbschnipsel aus der Kindheit durchbrechen die Depression, die im Film immer wieder durchdrückt. Sie zeigen den Kontrast zwischen dem lustigen Mädchen, das unbeschwert in den Skizirkus katapultiert wird, und der Heldin, welche die Last einer ganzen Skination auf den Schultern und im Kopf trägt. Zumindest ist das zu dieser Zeit ihre Wahrnehmung. «Es war schwierig, die Balance zu finden zwischen Athlet und Mensch. Ich habe zehn Jahre lang immer das Gleiche gemacht. Aber als Mensch habe ich mich entwickelt.»

Der Ausbruch aus dem goldenen Hamsterrad gelang ihr erst, als sie den Schlüssel vom Elternhaus abgab und sich ein eigenes Heim suchte. «Ich weiss auch nicht, wieso ich so spät erst von zu Hause ausgezogen bin. Vielleicht war ich einfach zu faul. Ich hatte immer das Gefühl, das geht normal weiter. Ich war immer Athletin und nicht Mensch, auch wegen meiner Eltern. Aber ich musste auch etwas für mich als Frau machen.»

Die Liebe zu Valon Behrami

Weg von Vater und Mutter, die sie ein Leben lang auch als Athletin eng begleitet haben, öffnete sich eine Perspektive, die sie kurze Zeit später zu Valon Behrami führte. Der Film blendet die neue Liebe allerdings aus, das ist der Makel, der ihm anhaftet. Denn es ist der 33-jährige Fussballer, der ihr die Augen und das Herz öffnete. «Es ist unglaublich, aber Valon hat mein Leben verändert. Er hat mich aus dem Alltag gerissen. Vorher gab es nur den Sport. Ich habe nicht gesehen, wie stark die Liebe sein kann. Ich habe nicht gemerkt, dass es im Leben noch viel mehr gibt als nur den Sport. Seit Valon bei mir ist, denke ich mehr an die Menschen und die Liebe. Ich gebe weiterhin alles im Sport, aber ich kann überall noch mehr geben.»

Kinostart. Zürich: Sonntag, 28.10., um 18.00 im Riffraff 3 und um 18.30 im Riffraff 1 mit Lara GutThun: Montag, 29.10., um 20.15 im Kino Rex mit Bruno Kernen und Christoph Kunz Bern: Freitag, 2.11., um 20:15 im ­CineClub mit Bernhard Russi

(Redaktion Tamedia)

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt