Der Rentner-Student

Mein Hobby

Pius Schmid aus Gümligen ist Pensionär und Student. Knapp vierzig Jahre nach seinem ersten Studium kehrt er an die Universität zurück. Mit unveränderten Ambitionen.

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Spass, Ansehen oder Zufall. Gründe, warum Menschen eine bestimmte Tätigkeit zu ihrem Hobby küren, sind mal vielfältig, mal diffus. Pius Schmid, 68-jährig, aus Gümligen, setzt auf Rationalität: «Ein Hobby macht Sinn, wenn der Ertrag daraus grösser ist als der investierte Aufwand.»

In seinem Fall füllt er die Formel wie folgt aus: Wissen vertiefen, den Geist beleben und Zeit für sich allein verbringen gegen drei Tage Jusstudium pro Woche. Schmids Resultat: Das Hobby lohnt sich.

Vierzig Jahre alt war Schmid, als er sich zum ersten Mal überlegte, wie er nach der Pensio­nierung leben will. Damals unterrichtete er am Technikum Freiburg Deutsch für Fremdsprachige, seine zweite Stelle nach dem Studium der Germanistik und einem Job als Journalist bei einer Nachrichtenagentur.

«Ein Hobby macht Sinn, wenn der Ertrag daraus grösser ist als der investierte Aufwand.»

Obwohl die Frage einst einem Gedankenexperiment glich und erst vor drei Jahren konkret wurde, lautete die Antwort beide Male gleich: Zurück an die Uni. Her mit dem zweiten Diplom. Das Fach ist schnell gewählt: «Für Naturwissenschaften habe ich keine Begabung. Politik und Geschichte interessieren mich, Jus ist ein Schnittpunkt davon.»

Den Plan ändern

An seinen ersten Tag an der Uni erinnert sich Pius Schmid genau: «In der Vorlesung über Privatrecht sass ein junger Mann neben mir. Er getraute sich nicht, dem Professor eine Frage zu stellen. Also machte ich es.» Dass er als Senior unter 340 Zwanzigjährigen auffällt, stört ihn nicht. Negativ habe noch nie jemand auf ihn reagiert. «Wenn ich meinen Mitstudierenden mein Alter verrate, benutzen sie oft dieses Modeworte: ‹Isch cool›.»

Weniger cool verlief für Pius Schmid das zweite Semester. Im April 2018 erlitt er einen Herzinfarkt. Bleibende Schäden trägt er keine davon, jedoch benötige er für jede Tätigkeit viel mehr Zeit als vorher. Die Vorlesungen besuchte er nach dem Herzinfarkt weiterhin, die Prüfungen aber schrieb er nicht. «Es wurde mir zu viel.» Er wechselte darum seinen Status vom regulär immatrikulierten Studenten, der einen Abschluss anstrebt, zum «Hörer». Als solcher darf er allen Vorlesungen lauschen, jedoch keine Prüfungen schreiben.

Obwohl er nicht mehr unter dem Prüfungsdruck steht, steckt Pius Schmid viel Zeit in sein Studium. Nach den Vorlesungen hetzt er nicht auf das nächste blaue Bähnchen nach Hause. Er lernt. Am liebsten in der Juristischen Bibliothek im Untergrund des Hauptgebäudes: «Dort fühle ich mich sehr wohl, weil viel Licht in die Räume gelangt und gute Zeitungen aufliegen.» Weniger Lob übrig hat er für die restliche Infrastruktur des Gebäudes: «Auf den Toiletten fehlt das warme Wasser zum Händewaschen.»

Anders als früher

An Tagen ohne Unibesuch wandert Schmid mit seiner Ehefrau in den Bergen oder reist an den Genfersee, wo die Tochter mit ihrer Familie wohnt. «Für das Kinderhüten lasse ich sogar die Vorlesung ausfallen.» Für solche Fälle schätzt er die Möglichkeit, Unterlagen von der Uniplattform im Internet runterzuladen. «So was gab es während meines ersten Studiums noch nicht.»

Pius Schmid stellt einen weiteren Unterschied zu seinem Unierlebnis als junger Mann fest: So wie die Studierenden ihre Fragen formulieren würden, glaube er, dass ihr Niveau der Allgemeinbildung tiefer liege als jenes seiner Generation. «Das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung.» Er schätze es, mit den jungen Leuten zu verkehren statt nur mit jenen seiner Generation. Einer Clique angeschlossen hat er sich aber nicht: «In jeder Vorlesung sitzen wieder andere Leute.»

Das liegt auch daran, dass Schmid sich nicht an den Regelstudienplan hält. Seit er «Hörer» ist, besucht er nur noch, was ihm gefällt. Die Vorlesungen über das Wirtschaftsrecht und die Strafprozessordnung lässt er aus – «zu viele Leute, zu kleine Räume, zu schlechte Luft». Er konzentriert sich auf die Rechtsgeschichte und die -philosophie sowie das römische Recht. So stellt er sicher, dass seine Formel stets aufgeht. Dass der Ertrag grösser ist als der Aufwand.

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