«Diese Banken sind eine aussterbende Art»

Finanzjournalist Andreas Braun hat sich als Social Trader versucht – und ist dabei zum Star aufgestiegen. Im Interview sagt der Deutsche, warum sich die Finanzbranche vor dem Internet in Acht nehmen muss.

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Simon Schmid@schmid_simon

Herr Braun, die Finanzbranche hält Social Trading nicht für eine Bedrohung. Ein Trugschluss? Ja. Die Anleger gehen zunehmend ins Internet, um sich auszutauschen und sich zu Finanzthemen zu informieren. Man tummelt sich auf Webplattformen, weil dort die Verbindung zwischen Kommunikation und Transaktion nur einen Klick auseinander liegt. Social Trading ist erst der Beginn dieser Entwicklung, der sich die grossen Finanzinstitute vermehrt widmen müssen.

Was hat das Web den Anlegern zu bieten? Mehr Transparenz, Dialog und Interaktivität. Die junge, mit Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter aufgewachsene Generation will ähnliche Instrumente auch im Finanzbereich nutzen können.

Wer ist vor allem gefordert: Retailbanken oder Privatbanken? Bei den klassischen Retailbanken besteht eine grosse Angriffsfläche. Diese Banken sind eine aussterbende Art: Viele Leute gehen für ihre Bankgeschäfte einfach nicht mehr in eine Filiale. Studien zeigen, dass die Bankberatung beträchtlichen Frust hervorbringt. Im Geschäft mit wohlhabenden Kunden ist der persönliche Kontakt enger – aber auch für reichere Leute wird der Austausch mit der Community wichtiger. Irgendwann reicht die Eins-zu-eins-Beratung vielleicht doch nicht mehr.

Sollen Banken ihre eigenen Social-Media-Plattformen aufbauen? Oder sollen sie ihre Spezialisten auf die bestehenden Websites schicken, um dort Geld anzuziehen? Das müssen die Banken selbst entscheiden. Community-Elemente in bestehende E-Banking-Systeme einzubauen, wäre ein naheliegender Weg. Dort könnten die Bankkunden auch direkter in Kontakt mit den bankinternen Spezialisten kommen und diesen über die Schultern schauen: Wie ist dieser und jener Fonds genau zusammengesetzt, und was sind die Überlegungen hinter einem Aktienkauf? Social-Trading-Plattformen bieten solche Einblicke. Es ist denkbar, dass eine Bank eines dieser Portale auch einfach übernimmt.

Müssen sich die Banken damit abfinden, dass sie die exklusive Gatekeeper-Funktion zur Finanzwelt verlieren? Diese Tendenz scheint man besonders in der Schweiz noch nicht richtig wahrhaben zu wollen. Es geht für die Banken aber nicht darum, den Kunden loszulassen und allein auf die Reise zu schicken. Sondern darum, neue, offenere Formen der Kundenbindung zu finden.

Ihrem Selbstbild nach ist die Finanzbranche auch Wächter über Vermögen und Beschützer der Kunden. Man sollte keine Oma ans Steuer eines Ferraris setzen und keine uninformierten Anleger an gehebelte Finanzprodukte lassen. Bisher waren die Social-Trading-Plattformen tatsächlich stark auf kurzfristiges Daytrading und hohe Risiken ausgelegt. Die Entwicklung geht aber hin zum Social Investing, also in Richtung von weniger schnellen Transaktionen und langfristig angelegten Geldern. Mit der Wertvermehrung ohne Inkaufnahme hoher Risiken rücken die klassischen Ziele der Vermögensverwaltung auch im Web stärker in den Vordergrund. Die Plattformen selbst agieren inzwischen als Gatekeeper und heben solche Strategien hervor.

Im Web ist der Herdentrieb besonders ausgeprägt: Alle User rennen dem Händler hinterher, der zuletzt die höchste Rendite erwirtschaftete – ohne sich im Klaren darüber zu sein, wie gross dort die Rolle des Glücksfaktors war. Diesen Effekt gibt es tatsächlich. Gute Performance zieht viele Follower an, was selbst wiederum weitere Follower anzieht. Allerdings findet ein Umdenken statt: Risikometriken wie die vergangene Volatilität oder der maximale Verlust werden zunehmend beachtet. Auf den diversen Plattformen wird diesen Kennzahlen grosses Gewicht beigemessen: Bei Wikifolio lassen sich verschiedene Strategien beispielsweise nach dem Risiko geordnet sortieren. Bei Ayondo müssen die Händler gewisse Risikokriterien erfüllen, um ins nächste Level aufzusteigen.

Ist der Umgang mit Social Trading sehr spielerisch? Ja. Auf den Plattformen werden Strategien ausprobiert, Ziele angestrebt, Parameter im Nachhinein verglichen. Für mich als Investor ohne eigentliche Fachausbildung war dies auch eine interessante Erfahrung.

Bei Ayondo handeln Sie unter dem Pseudonym Value-Trading und verdienen daran, wenn Sie Handelsumsatz bei den Followern auslösen. An diesem Umsatz verdient der Follower vielleicht, Sie und die Plattform aber garantiert. Ein Interessenkonflikt? Das Vergütungssystem ist ein grosses Thema im Social Trading. Zwei Grundvarianten sind möglich, und beide bergen bestimmte Vor- und Nachteile. Bei der Umsatzbeteiligung – dem Prinzip, nach dem Ayondo funktioniert – werden Händler verführt, hohe Handelsvolumina zu erzeugen, was für den Anleger mit Kosten verbunden ist. Demgegenüber kann die performancebasierte Vergütung, die Wikifolio verwendet, Händler zum Eingehen höherer Risiken verleiten.

Die Social-Trading-Plattformen basieren auf komplexen Finanzprodukten von Banken und Brokern. Wie viel bezahlt der Social Trader für diese Infrastruktur eigentlich? Bei Wikifolio fällt eine Performancegebühr an, die der Händler selbst festlegen kann. Die Infrastrukturanbieter erheben darüber hinaus eine Zertifikatsgebühr. Diese Kosten sind vergleichbar mit den Gebühren, die auch ein Fondsmanager einbehält. Ayondo funktioniert anders und verdient am Spread, also an der Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskursen von Wertpapieren auf dem Markt. Im Grosshandel üblich ist zum Beispiel ein Punkt bei einem Aktienindex wie dem Dax. Dieser Spread wird bei Ayondo um einige Basispunkte ausgeweitet. Basiert eine Handelsstrategie auf nur wenigen Trades, so kommt dies den Anleger sehr günstig. Teurer wird es, wenn jemand sehr viele Geschäfte pro Tag abschliesst.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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