Die perfekte Textur des Klangs

Die Genfer Harfenistin Julie Campiche entdeckte mit 20 Jahren den Jazz: Mit der Harfe verleiht sie diesem eine eigene Textur. Das Konzert ihrer Band sticht heraus aus der Reihe fetter Grooves am Be-Jazz-Sommer.

Schätzt den kreativen Umgang mit Kompositionen im Jazz: Die Harfenistin Julie Campiche (34).

Schätzt den kreativen Umgang mit Kompositionen im Jazz: Die Harfenistin Julie Campiche (34).

(Bild: zvg / Gerald Langer)

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Die Stadt füllt sich langsam wieder mit Leben. Und wie jedes Jahr steht die Konzertreihe Be-Jazz-Sommer auf dem Rathausplatz an. Zwischen dem 1. und dem 5. August hinterlässt der Jazzclub aus den Vidmar­hallen im Herzen der Stadt seine musikalische Visitenkarte – auch mit der Absicht, dass sich der ei­ne oder andere neugierig ge­wordene Besucher später einmal im Club blicken lässt.

Das Programm ist deshalb jeweils darauf angelegt, möglichst breit zu ge­fallen. Das bedeutet eine gewisse Groove-Lastigkeit: Der Afro-Fusion-Sound von Amagong zum Auftakt am Dienstag gehört in diese Kategorie, wie auch Christian Niederers Plan am zweiten Festivalabend und das Ivy-Trio am Freitag. Mama Magnet, die das zweite Freitagabendkonzert bestreiten, bewegen sich mit ihrem Jazz-Rap in ähnlichen Gefilden.

Der Samstag ist dann quasi der Nostalgieabend mit zwei «Reunion»-Konzerten: Um Benedikt Reisings Die Pilze war es schon seit längerer Zeit ruhig. Und an Anton Brüschweilers Trio Pünktchen und Anton mögen sich wohl nur noch jene Konzertgänger erinnern, die in den 80er-Jahren in den Berner Konzertlokalen verkehrten.

Klänge statt Grooves

Es fehlt noch der Donnerstagabend in dieser Aufzählung. Und dieser hebt sich in mehrfacher Hinsicht vom Rest des Programms ab: Erstens setzt das Julie Campiche Quartet mehr auf Klänge denn auf Grooves. Zweitens steht mit der Harfe ein Ins­trument im Zentrum, das man so gut wie nie antrifft im Jazz. Und drittens ist es die einzige von einer Frau geleitete Band: Mit Ausnahme der Saxofonistin Fabienne Hoerni vom Ivy Trio stehen während der ganzen fünf Abende ausschliesslich Männer auf der Bühne.

Steht eine Harfenistin auf der Jazzbühne, so drängen sich zwei Fragen auf: Wie kommt man als Harfenistin zum Jazz? Und überhaupt: Warum entscheidet man sich für dieses sperrige Instrument statt für die handliche Geige, die Gitarre oder das Saxofon?

Julie Campiche lacht über die Fragen. Zu oft sind sie ihr schon gestellt worden. Ihr Instrument entdeckte sie mit etwa sieben Jahren. Nach einem Opernbesuch mit der Schule wollte sie unbedingt Harfe spielen, erzählt sie. Die Eltern sagten «Ja ja» und hofften, dass es bloss eine Phase sei, die vorübergehe. Weil sie jedoch insistierte, gaben die Eltern irgendwann nach. Es folgten Musikschule und Studium am Konservatorium in Genf – in klassischer Harfe, versteht sich. So weit, so normal.

Der entscheidende Wendepunkt kam später, als die Genferin den Jazz entdeckte. Sie war etwa 20 Jahre alt und sprang für ihre Lehrerin ein in einer Big Band. Als sie auf der Bühne stand, merkte Campiche: «Genau das ist es, was ich machen will! Ich ent­deckte den Jazz und die Impro­visation direkt auf der Bühne.»

Kaum Vorbilder

Für Campiche begann das Musikstudium von vorne, wie sie sagt. «Als Jazzmusikerin hast du einen anderen Zugang zur Musik: Du lernst, zu verstehen, wie die Musik konstruiert ist. Und du gehst anders um mit Kompositionen: Sie dienen dir als Ausgangsmaterial, das du manipulierst.» Dazu kommen andere Spieltechniken. Und da tut sich einem als Har­fenistin im Jazz ein weites, un­besetztes Feld auf, gerade weil es so gut wie keine Vorbilder gibt, an denen man sich orientieren kann.

Die heute 34-Jährige sieht die Harfe als ideales Instrument für den Jazz. «Der Klang der Harfe liegt zwischen der Gitarre und dem Piano und damit zwischen den beiden häufigsten Harmonieinstrumenten der Rhythmussektion einer Jazzband. Gleichzeitig erlaubt das Instrument, eine ganz eigene Textur des Klangs zu kreieren», erklärt sie.

Und genau diese Textur von Klängen steht im Zentrum der Musik des Julie Campiche Quartet. Damit zeigen Campiche und ihre drei Mitmusiker Leo Fumagalli (Saxofon), Manu Hagmann (Bass) und Clemens Kuratle (Schlagzeug) an diesem Abend des Be-Jazz-Sommers exemplarisch, dass Jazz auch ganz anders klingen kann als nach fetten Grooves.

Be-Jazz-Sommer: Di, 1., bis Sa, 5. August, Rathausplatz Bern. Konzertbeginn jeweils um 20.15 Uhr. Konzert Julie Campiche Quartet: Mittwoch, 3. August, 20.15 Uhr.Info: www.bejazz.ch

Berner Zeitung

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