Vargas wirbelt munter weiter

Der 21-jährige Luzerner schlägt ein forsches Tempo an: Super League, Bundesliga, Nationalteam. Seine Unbekümmertheit will er am Samstag mit Augsburg gegen Bayern zeigen.

Unerschrocken auf immer grösserer Bühne: Augsburgs Schweizer Youngster Ruben Vargas. Foto: Carmen Jaspersen (Keystone)

Unerschrocken auf immer grösserer Bühne: Augsburgs Schweizer Youngster Ruben Vargas. Foto: Carmen Jaspersen (Keystone)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Die erste Begegnung liegt einige Jahre zurück, aber Gerardo Seoane erinnert sich noch genau daran, wie das war an jenem Donnerstagmorgen. Er stand am Anfang seiner Karriere als Trainer, kümmerte sich in Luzern um die U-15, dazu leitete er einmal pro Woche eine Einheit für die Schüler aus der Sportklasse. Und auf einmal tauchte einer auf, der rasch auffiel, mit flinken Bewegungen, Übersteigern und Unbeschwertheit. Seoane erinnert sich an den Gedanken, der ihm durch den Kopf schoss: «Das sieht nach Fussball aus.»

Ruben Vargas hiess der schmächtige Junior, den Seoane fortan nicht mehr aus den Augen verlor. Er bildete ihn aus, er förderte ihn, er baute auf ihn, als er sich ab Anfang 2018 bei den Profis in der Zentralschweiz auf dem Chefposten wiederfand.

Aus Seoane ist inzwischen bei YB ein Meistertrainer geworden – und aus Vargas ein Profi in der Bundesliga. Die Luzerner machten klar, dass sie einen Transfer zu YB oder Basel ablehnen würden, liessen das Talent in diesem Sommer aber für rund 3,5 Millionen Franken zu Augsburg ziehen. Nach sieben Runden weist der 21-Jährige eine bemerkenswerte Bilanz auf: 562 Einsatzminuten, 3 Tore, gute Stilnoten. Und morgen hat er seinen nächsten Auftritt mit dem Tabellen-Vierzehnten: Die Bayern sind zu Gast, die Prominenz aus München. «Da kommt etwas auf uns zu», sagt Vargas, «Coutinho, Robert Lewandowski… Das sind Kaliber.» Aber weiche Knie bekommt er deswegen nicht: «Wieso soll ich mich verstecken?»

Es ist kein Ausdruck von Überheblichkeit, sondern dieses Unbekümmerte, das ihm geblieben ist, dieses Mutige und Muntere. Der kleine Vargas schreckte schon unter Seoane nie vor einem Duell mit robusteren Gegnern zurück, er fragte sich nie: «Komme ich an ihm vorbei?» Seoane sagt: «Vargas zweifelte nicht, sondern probierte einfach. Seine Entschlossenheit zeichnete ihn stets aus.»

Ruben Vargas posiert direkt neben Nationalspieler Lichtsteiner (im grauen Pullover) nach gewonnenem Turnier.

Ruben Vargas wächst in Adligenswil auf, fängt in der Luzerner Gemeinde an zu kicken, aber mit zehn wechselt er zum FCL. Als er mit der U-11 ein Turnier gewinnt, überreicht Stephan Lichtsteiner den Buben den Pokal, er, der längst Nationalspieler ist und es in die Serie A gebracht hat. Vargas stellt sich auf dem Siegerbild stolz neben Lichtsteiner, der wie er aus Adligenswil stammt. Die Erinnerung trägt er immer bei sich: Das Foto, das samt einem Artikel in der Zeitung erschien, hat er im Handy gespeichert.

Tchouga, sein Vorbild

Vargas wirbelt bei den Junioren, ist Balljunge bei Super-League-Heimspielen des FCL und bewundert am meisten den kamerunischen Stürmer Jean-Michel Tchouga. Der Sohn einer Luzernerin und eines Dominikaners, der in der Zentralschweiz als Golflehrer unterrichtet, beginnt eine Malerlehre und hört nicht auf, als er merkt, dass er im Fussball den Durchbruch schaffen könnte. Er schliesst die Ausbildung ab und hat nun, was er «eine berufliche Sicherheit» nennt.

2016 meldet sich seine Mutter bei Josef Jost, einem Berater mit Vergangenheit als Fussballer in der Nationalliga, Trainer und Sportchef. Sie erhofft sich von ihm, dass er ihren Sohn berät und bei der Planung der Karriere behilflich ist, wie er das bei anderen Luzernern schon war, Alain Wiss, Claudio Lustenberger oder Michel Renggli. Jost fährt nach Schötz, um Vargas in einem 1.-Liga-Match zu beobachten. In der Pause ist die Mutter verunsichert, sie sagt zu Jost: «Ruben spielt nicht besonders gut heute, er ist wohl nervös, weil Sie da sind.» Der aber sieht sehr wohl das Talent des kleinen Wirblers, berät ihn von nun an, und dann verschärft Vargas das Tempo: Debüt bei Luzern in der Super League mit 19 unter Markus Babbel, erstes U-21-Länderspiel im Oktober 2018, Transfer nach Augsburg in diesem Sommer, 16-minütiger Einstand im A-Nationalteam gegen Gibraltar vor sechs Wochen.

Fünfjahresvertrag für Vargas

Gerardo Seoane beobachtet aus der Ferne «eine sensationelle Entwicklung», ihn überrascht es nicht, dass der Flügelstürmer umworben wird. Als Augsburg Interesse zeigt, denkt Berater Jost: Eigentlich ist es ein idealer Club – nicht zu gross, nicht zu weit weg vom sozialen Umfeld, intakte Chancen auf Einsätze. Er stellt ein kleines Dossier über die Stadt Augsburg zusammen, drückt es Vargas in die Hand, bittet ihn, alles zu lesen, und fragt dann: «Wäre das etwas für dich?»

Im Juni treffen sich die beiden in Bern mit Martin Schmidt, dem Schweizer Trainer in Augsburg, und Jost spürt, dass Vargas im Gespräch aufblüht, und nach zwei Stunden ist klar, wohin die Reise führen soll. Ein paar Tage später wird ein Fünfjahresvertrag unterzeichnet. Vargas ist erstmals auf sich alleine gestellt, das sieht er als «Lebensschule», den Alltag selbstständig organisieren zu müssen. Er zieht in die erste eigene Wohnung und achtet dort zuerst automatisch darauf, ob die Malerarbeiten sorgfältig ausgeführt worden sind. Mit dem Auge des Fachmanns und einem Schmunzeln urteilt er: «Da wurde gute Arbeit geleistet.» Kurz darauf erhält er einen neuen Teamkollegen, der für ihn ein Altbekannter ist: Stephan Lichtsteiner, von dem er einst als Junior Glückwünsche bekam und zu dem er hochschaute.

2. Bundesligaspiel, 1. Tor

Die Bühne ist jetzt eine andere, eine viel grössere, und Vargas hat seinen Spass daran. Als Augsburg in Dortmund die Saison eröffnet, füllen fast 82000 Menschen das Stadion. Vargas, der nach 83 Minuten ausgewechselt wird, sagt: «Je mehr Zuschauer, desto besser.» Weniger Gefallen findet er am Resultat: Die Augsburger verlieren 1:5. Eine Woche später aber trifft er das erste Mal, beim 1:1 gegen Urs Fischers Union Berlin, zwei Wochen danach gar doppelt beim 2:3 in Bremen. Für die U-21 erzielt er vor einer Woche in der EM-Qualifikation beim 2:1 gegen Georgien auch einen Treffer. Coach Mauro Lustrinelli lobt ihn: «Spieler seiner Qualität gibt es in unserem Land nicht viele.»

Die Gefahr, dass Vargas die Bodenhaftung verliert, scheint überschaubar. «Es sieht alles sehr gut aus», sagt Berater Josef Jost, «aber jetzt geht es darum, das bisher Gezeigte zu bestätigen. Und Ruben wird auch lernen müssen, mit Rückschlägen umzugehen – und wieder aufzustehen.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt