Die Tricks der ukrainischen Schmugglerbanden

Reportage

Die Züge zwischen der Ukraine und Polen sind während der EM voll besetzt. Die Grenzwächter sind ausgelastet. Damit wird die Bahn zum Paradies für Schmuggler.

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Sebastian Rieder@RiederSebastian

Es sind gefühlte 35 Grad im restlos ausgebuchten Grenzzug. Drei Stunden dauert die Fahrt vom polnischen Ort Przemysl nach Lemberg in die Ukraine. Trotz der brütenden Hitze lassen sich die Zollbeamten alle Zeit der Welt. Die Grenzwächter ziehen während ihrer Kontrolle jeden Pass ein und verschwinden für eine halbe Stunde. Der Übergang in die Ukraine verläuft dabei noch relativ reibungslos, das Gepäck wird kaum gefilzt, anders sieht die Rückfahrt nach Polen aus: Die EU-Aussengrenze ist ein Mekka für ukrainische Schmugglerbanden, die auch während der Euro 2012 im grossen Stil Zigaretten und Alkohol nach Polen einführen. Die unverzollte Einfuhr von Tabakwaren in die EU ist verboten. «Es ist zwar kriminell, aber hier ganz normal. Es gehört zum Alltag», sagt Reporter Wolodymyr Telyuk vom landesweit ausgestrahlten Sender Radio 24 gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz.

Bei rund einer Million Grenzübertritten pro Jahr schätzen die Zollbehörden, dass über 90 Prozent der Reisenden Schmuggler sind. Auf den Märkten im Westen der Ukraine liegt der Zigarettenpreis unter einem Franken, verglichen mit der Schweiz, wo das reich besteuerte Päckli schon bald acht Franken kostet, ist die Gewinnmarge frappant. Entsprechend hoch ist die Risikobereitschaft der Dealer, die beim Transport nicht auf Sicherheit gehen und etwa die grüne Grenze überqueren. Zeit ist Geld, das gilt auch für die Schmuggler, die für die Überführung diverse Kanäle bedienen. Beliebt sind speziell präparierte Autos und Lastwagen, ein Grossteil der Schmuggelware wird aber hoch professionell mit dem Zug eingeschleust. Die Deckenplatten im Waggon werden in Windeseile aufgeschraubt und die Hohlräume mit den Tabakstangen ausgefüttert.

Aus dem Fenster geschleudert

Zur Not wird auch die Toilette als Stauraum genutzt. «Sie verstecken die Zigaretten sogar im Klo», wie ein deutscher Fussballfan aus Dresden zu berichten hat. Hinter den Grenzen warten im Wald bereits die Abnehmer der illegalen Ware, in grossen Plastiksäcken werden Zigaretten während der Fahrt aus dem Fenster geschleudert. Für die Dealer ist der illegale Handel mit dem Tabak die einzige Chance, sich über Wasser zu halten. Viele fahren mehrmals täglich über die Grenze, um mit dem verdienten Geld über die Runden zu kommen.

1,5 Millionen Päckchen im Arsenal

Noch intensiver sind die Bemühungen während der Euro 2012: Diverse Extrazüge, Tausende von Fussballfans und die überforderten Grenzpolizisten machen das Leben der Schmuggler wesentlich leichter und ertragsreicher. Allen Tricks zum Trotz geht der Traum vom grossen Geld für die Dealer immer wieder in Rauch auf. Gemäss offizieller Statistik gehen den Zollbeamten täglich rund 30 Schmuggler ins Netz, die Beute ist beachtlich: So sollen im Tabakarsenal, wo die abgefangenen Zigaretten deponiert und dann regelmässig verbrannt werden, über 1,5 Millionen Päckchen untergebracht sein.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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